So geht nachhaltig! - Schrot und Korn

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So geht nachhaltig!

Screenshot Internetseite www.nachhaltigbio.de
Wie nachhaltig die Landschaft der Bio-Firmen ist, zeigt die neue Internetseite www.nachhaltigbio.de an vielen Beispielen aus der Praxis.

Und mag es noch so abgenutzt sein – unter dem Wort Nachhaltigkeit verstehen viele Bios mehr als grüne Worte. Eine Internetseite stellt engagierte Firmen und Händler vor. // Michael Billig

Schon gewusst? Der Strom, den die Spielberger Mühle verbraucht, stammt zu 100 Prozent aus erneuerbarer Energie. Der Getreidespezialist wirtschaftet ökologisch und nachhaltig. Und das gilt für alle Hersteller und Händler, die sich auf der neuen Seite www.nachhaltigbio.de präsentieren.

Für Bauern, Produzenten und Händler der Öko-Branche ist es ganz selbstverständlich. Viele von ihnen sind mit dieser Art des Wirtschaftens groß geworden. „Nachhaltigkeit gehört zum Kern unseres Denkens und Handelns“, sagt Hilmar Hilger, Sprecher des Bundesverbandes Naturkost Naturwaren (BNN). Doch darüber sprechen, das tun andere: die konventionelle Lebensmittelindustrie zum Beispiel. Sie wirbt für sich im grünen Kleid der Nachhaltigkeit. „Sie kapert den Begriff geradezu“, findet Hilger.

Der Mann vom BNN steht mit dieser Einschätzung nicht allein da. Die gesamte ökologische Lebensmittelwirtschaft beobachtet mit Sorge, wie Nachhaltigkeit zu einer Werbefloskel verkommt. „Die konventionellen Hersteller mit ihren Werbekampagnen haben das Thema professionell besetzt“, sagt Charlotte Ruck, zuständig für Vertrieb und Marketing bei der Spielberger Mühle.

Wie der Begriff missbraucht wird, zeigt ein aktuelles Beispiel: Die deutsche Agrarindustrie fordert in ihrem „Fünf-Punkte-Programm für einen nachhaltigen Pflanzenschutz“ die Bundesregierung auf, sich zum chemischen Pflanzenschutz zu bekennen. Mit Nachhaltigkeit hat diese Forderung nichts zu tun. Sie führt vielmehr Politiker und Verbraucher in die Irre. „Die Kampagnen der Konventionellen sind nicht wahrhaftig“, kritisiert auch Ruck.

Bios zeigen, was sie tun

Der BNN wollte es nicht länger mitansehen und setzt dieser Entwicklung nun etwas entgegen. Unter der Internetadresse www.nachhaltigbio.de startete der Verband im September eine eigene Kampagne. „Nachhaltig Bio!“ lautet ihr Titel. „Es geht darum, zu zeigen, was wir können und was wir tun“, sagt Hilmar Hilger. Hersteller und Händler von hochwertigen Bio-Produkten beteiligen sich daran. Schon auf den ersten Blick wird deutlich: Nachhaltigkeit ist mehr als ökologische Landwirtschaft. Mehr als schöne Worte sowieso. Doch was ist eigentlich nachhaltig? Diese Frage steht bei „Nachhaltig Bio!“ ganz oben. Nur einen Klick weiter steht, auf was es ankommt: Ökonomie, Ökologie und Soziales. Berichte aus der Praxis füllen diese drei Kriterien mit Leben.

Der Leser erfährt beispielsweise, dass die Rohstoffe des schwäbischen Getreidespezialisten Spielberger Mühle weitestgehend von zwei Demeter-Erzeugergemeinschaften aus Süddeutschland stammen. „Ein großer Teil unserer Landwirte kommt aus einem Umkreis von 50 Kilometern“, fügt Charlotte Ruck hinzu. Die Mühle hält dank kurzer Wege den Verbrauch von klimaschädlichem Kohlendioxid gering und stärkt zudem regionale Wirtschaftsstrukturen.
Die Bauern liefern Weizen, Roggen, Hafer und Dinkel. Doch was, wenn ihre Ernte einmal schlecht ausfällt? Dann muss sich die Mühle nach anderen Lieferanten umsehen. Da die Zahl der Demeter-Höfe in Deutschland beschränkt ist, wie Ruck sagt, weicht sie nach Öster-reich, Tschechien oder Polen aus. Qualität geht vor. Demeter-Qualität jedenfalls. Die neue Internetseite ist übersichtlich und einfach in der Benutzung. Sie gliedert die Praxisbeispiele in sechs
Bereiche: Energie und Klimaschutz, Produktqualität, Umweltmanagement, Regionalität, soziales Engagement sowie Arbeit und Dialog.

Heizen mit der Abwärme des Servers

Diese Kategorisierung ist dem Nachhaltigkeitsmonitor des BNN entlehnt. Dabei handelt es sich laut Verbandssprecher Hilger um ein speziell für Unternehmen der Naturkost-Branche etabliertes Verfahren, „das Nachhaltigkeitsleistungen evaluiert und Spielräume für Optimierung erkennbar werden lässt“.

Bislang machen 16 Hersteller und fünf Großhändler, die den Ansprüchen des BNN auch standhalten, bei „Nachhaltig Bio!“ mit. Daneben gibt es eine lange Liste von Einzelhändlern, auf die die Internetseite verweist. Auch Leser können sich einbringen. Sie stellen Fragen und ein Redaktionsteam des BNN antwortet. Eine Frage war etwa: „Was kommt in das Futter von Bio-Tieren?“ Bis zur Antwort war es nur ein Klick. Die Praxisbeispiele der Firmen zeigen, wie komplex das Thema Nachhaltigkeit ist. Sie reichen von den geräuschreduzierten Lastwagen des Großhändlers Bodan bis zur Kooperation mit einem SOS-Kinderdorf durch den Wurstproduzenten Ökoland.

Die Firma Spielberger Mühle taucht gleich mehrfach auf. Absolutes Vorzeigeobjekt ist das 300 Jahre alte Wirtschaftsgebäude, in dem die Verwaltung sitzt. Es wurde nach hohen ökologischen Standards saniert. „Fürs Heizen nutzen wir die Abwärme unseres Servers“, erzählt Ruck. Vom Dach des alten Hauses liefert eine Photovoltaikanlage Strom. Allerdings nicht genug, um auch die energieintensive Mühle zu versorgen. Sie mahlt mit Sonne, Wind und Wasser eines Öko-Stromanbieters.

Auch der Kräuterhändler Sonnentor setzt auf regenerative Energie, wie auf nachhaltigbio.de nachzulesen ist. Der CO2-Fußabdruck, den das Unternehmen aus Niederösterreich mit dem weltweiten Handel exotischer Gewürze und Teesorten hinterlässt, ist dennoch groß. Die verursachten Treibhausgas-Emissionen gleicht er an anderer Stelle wieder aus, sagt Sonnentor-Chef Johannes Gutmann. „Ökonomie, Ökologie und Soziales müssen im Gleichgewicht stehen.“ Das ist es, was Gutmann unter Nachhaltigkeit versteht. Hinter der Entscheidung, Gewürze aus fernen Ländern zu importieren, steckt durchaus ein nachhaltiger Gedanke. „Wir bauen nur das an, was traditionell dort wächst.“ Pfeffer in Tansania und Indien, Kurkuma in Nicaragua. Gezahlt werden nach eigenen Angaben Preise, die weit über Weltmarktniveau liegen, ihm eine hohe Qualität und den Bauern dadurch gerechte Löhne garantieren. „Warum ist Sonnentor dann kein Mitglied von Fair-Trade?“ Diese Frage hat Johannes Gutmann schon oft gehört und sie könnte bei „Nachhaltig Bio!“ erneut auf ihn zukommen. Dann wird er wohl antworten, was er auch jetzt sagt: „Wir haben von Anfang an fair gearbeitet. Wir brauchen uns dafür nicht zertifizieren lassen.“

Die Informationskampagne „Nachhaltig Bio!“, die durch das Bundesprogramm Ökologischer Landbau (BÖLN) unterstützt wird, läuft noch bis Ende 2015. Der BNN will mit kleinen Werbemitteln wie Obst- und Gemüsetüten aus recyceltem Papier zusätzlich Verbraucher darauf aufmerksam machen. Der Verband will außerdem mehr Produzenten und Händler für die Internetseite gewinnen. Einzige Bedingung: Sie müssen sich an seinen Kriterien und Kategorien messen lassen.

Beispiele für Nachhaltigkeit

Mitarbeiter Sonnentor

Sonnentor

Der österreichische Bio-Hersteller von Gewürzen und Tees setzt beim Antrieb seiner Firmen-Wagen auf Pflanzenöl und Solar. Außerdem verringert Sonnentor seinen direkten CO2-Ausstoß durch Handarbeit in der Produktion.    Anstatt Maschinen verpacken und etikettieren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Großteil der Produkte von Hand – das ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern schafft auch Arbeitsplätze. 

 

Bodan LasterBodan

Das Großhandelsunternehmen hat das „Bildungsnetzwerk Naturkost“ für die Akteure des Naturkosthandels ins Leben gerufen und arbeitet vor allem mit regionalen Landwirten und Gärtnern zusammen.

 

 

 

 

 

 

Spielberger MühleSpielberger Mühle

Rund 130 Produkte für den Naturkosthandel wie Müsli, Flocken, Saaten und Backwaren stellt das
Familienunternehmen aus Brackenheim her. Die Rohstoffe dafür stammen vorwiegend aus der Region.

 

 

 

 

 

 

Wer leitet die Kampagne?   

Hinter der Informationskampagne „Nachhaltig bio!“ steht der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN). Dieser vertritt die Interessen der Naturkostbranche auf politischer und wirtschaftlicher Ebene und verabschiedet Qualitätsrichtlinien wie etwa die Orientierungswerte für Pestizidrückstände bei Bio-Produkten. Zu den Mitgliedern zählen über 220 Groß- und Einzelhändler, Inverkehrbringer und Verarbeiter von Naturkost und Naturwaren. www.n-bnn.de

Erschienen in Ausgabe 12/2014
Rubrik: Leben&Umwelt

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