Öko-Wolle: Keine Chemie im Schafspelz - Schrot und Korn

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Öko-Wolle: Keine Chemie im Schafspelz

Warenkunde Wolle

Öko-Wolle: Keine Chemie im Schafspelz

Wolle ist ein äußerst vielseitiges Material, eine Art "Wunderfaser", wie Liebhaber meinen. Durch chemische Behandlung werden ihre natürlichen Qualitäten stark eingeschränkt. Deshalb bieten umweltbewusste Hersteller Alternativen in Öko-Qualität.

Die Herkunft des Wortes "Wolle" ist unklar. Vielleicht geht es zurück auf das lateinische "villus" für "zotteliges Tierhaar", eventuell auch auf indogermanische Einflüsse im Sinne von "das Ausgerissene" oder "das Gekräuselte". Heute ist der Begriff Wolle eindeutig definiert. Er bezeichnet eine tierische Faser, die von verschiedenen Schafrassen stammt (Textilkennzeichnungsgesetz).

Schon Jahrtausende vor Christus haben Ägypter und Chinesen Wollschafe gehalten. Vor Erfindung der Schere in der Eisenzeit wurde Wolle gerupft ("gepflückt"), erst danach war die Schur möglich. Hierbei fällt die Wolle als zusammenhängender Pelz (Vlies) herab. Je nach Körperpartie ist sie von unterschiedlicher Güte. Am wertvollsten ist Wolle aus dem Schulterbereich, aber auch Seiten- und Halsteile liefern solides Material. "Schurwolle" ist laut Gesetz grundsätzlich vom lebenden Tier gewonnen und erstmalig verarbeitet. "Reine Wolle" kann auch wiederaufbereitete Garne aus Wollabfällen und alten Textilien ("Reißwolle") enthalten, ist also von minderer Qualität. Das "Wollsiegel" steht für ein geschütztes Gütezeichen, das einen Mindeststandard hinsichtlich Farbechtheit und Reißfestigkeit garantiert. Über mögliche Schadstoffbelastungen und ökologische Belange sagt es nichts.

Längst nicht jedes Schaf-Fell findet sich in einem Pullover wieder. Vor allem heimische Wolle wird häufig als Dämmaterial verwendet oder zu Teppichen geknüpft, nur ein Teil geht in die Textilherstellung. Meist kommen die Rohstoffe für wollige Kleidung aus Übersee. Vor dem Transport presst man die Vliese zu Ballen, in den Spinnereien werden die einzelnen Partien dann nach Qualität sortiert und gereinigt. Große Kämm-Maschinen trennen die verschiedenen Haarlängen. Aus langen Fasern entsteht das leichte und runde Kammgarn, aus kürzeren, ungleichmäßig angeordneten Fasern das weiche, füllige Streichgarn. Je feiner das Haar, desto stärker ist es gewöhnlich gekraust.

Feinheit, Kräuselung, Glanz und Faserlänge der einzelnen Wollsorten sind von der Schafrasse abhängig. Man unterscheidet Merino-, Cheviot- und Crossbred-Wolle - aus der letztgenannten sind die meisten Handarbeitsgarne gefertigt. Der Verbraucher kennt Sorten wie die feine Merinowolle, die gröbere Shetlandwolle und die empfindliche Lambswool, die von höchstens sechs Monate alten Jungschafen stammt. "Cool Wool" nennt man sommerlich-leichte Schurwoll-Textilien. Vorsicht geboten ist bei "Alpakka". So heißt eine Reißwollart, die nicht identisch ist mit der wertvollen Wolle des Alpaka-Schafkamels. Mit diesem Tier verwandt sind auch Lama und Vikunja. Auch Kaninchen (Angora) und Ziege (Ziege) liefern Wolle, wobei man die edelste Sorte durch Auskämmen oder Ausrupfen der Unterhaare der Kaschmirziege gewinnt. Nur 80 bis 100 Gramm pro Tier kommen dabei im Frühjahr zusammen - eine Erklärung für den hohen Preis.

Obwohl Schafzucht fast überall auf der Welt verbreitet ist, entfallen nur fünf Prozent der produzierten Fasern auf Tierhaare. Baumwolle dagegen hat einen Anteil von 50 Prozent. Die wachsende Konkurrenz durch pflegeleichte Kleidung aus Chemie- und Zellulosefasern hat die Wolle stark zurückgedrängt. Die Weltproduktion von gewaschener Schafwolle liegt bei jährlich 1,6 Millionen Tonnen, die Länder der Europäischen Union bringen es lediglich auf etwa 100.000 Tonnen. Wollexporteur Nummer eins ist mit großem Abstand Australien, auch Neuseeland und Argentinien führen beachtliche Mengen aus.

Da Schafe anfällig sind für Parasiten, werden sie häufig in Insektizid-Bäder geschickt und kommen so mit Organophosphaten und Pyrethroiden in Kontakt. Die giftigen Chemikalien binden sich ans Wollfett (Lanolin) und werden später weitgehend ausgewaschen. Während die fertige Wolle kaum noch Rückstände aufweist, stellt die industrielle Wollwäsche die Abwasserreinigung vor große Probleme.

Ökologisch hergestellte Wolle ist bisher noch selten, man schätzt ihren Anteil auf ein Prozent. Selbst Naturwarenfirmen greifen anders als bei der Baumwolle nur gelegentlich auf zertifizierte Rohwolle zurück. Der Versandhändler hess natur leistet derzeit gemeinsam mit dem Regionalen Zentrum für Wissenschaft, Technik und Kultur" (RWZ) in der Rhön Pionierarbeit und betreibt dort ein Projekt zur Fertigung hochwertiger Naturbekleidung aus heimischer Schurwolle. In Deutschland hat sich bisher vor allem der Demeter-Bund für hohe Standards bei Öko-Wolle engagiert. Pestizidbäder sind nach den Demeter-Richtlinien verboten, auch bei Tierhaltung, Futterauswahl und dem Einsatz von Medikamenten gelten strenge Auflagen. Weil die Öko-Schafe mehr Auslauf haben und vorwiegend saftiges Weidegras fressen, sind sie erheblich widerstandsfähiger. Dies schlägt sich letztlich in der höheren Wollqualität nieder.

Roland Sturm, bei hess natur zuständig für Innovation und Ökologie, gerät beim Thema Wolle regelrecht ins Schwärmen. Der frühere Mitarbeiter der Schäferei-Genossenschaft Finkhof spricht von einer "Wunderfaser", dem besten Material für den Menschen. Dass dies nicht übertrieben ist, zeigt ein Blick auf die hervorragenden Gebrauchseigenschaften der Wolle. Sie hält warm, da ihre natürlich gekräuselten Fasern viel Luft einschließen. Wolle ist temperaturausgleichend und gibt überschüssige Körperwärme an die kühlere Umgebung ab. Darüber hinaus nimmt reine Schurwolle bis zu einem Drittel ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit auf, ohne sich feucht anzufühlen. Gleichzeitig schützt die Faser dank ihres Lanolingehalts vor äußerer Nässe und lässt Wassertropfen an ihrer Oberfläche abperlen.

Wolle lädt sich auch nicht elektrostatisch auf und zieht daher kaum Schmutz und Gerüche an. Waschen ist bei Oberbekleidung nur selten nötig, regelmäßiges Auslüften genügt. Ein Hauptvorzug von Wolle ist ihre außerordentliche Spannkraft, die sie praktisch knitterfrei macht. Derart elastisch und formbeständig, wird Wolle in ihrem eleganten Fall nur von Seide übertroffen.

Während Wolle gegen Säuren unempfindlich ist, setzen ihr Laugen und damit auch Seifen ziemlich zu. Man darf sie deshalb - wenn überhaupt - nur mit speziellen Wollwaschmitteln waschen. Damit sie nicht verfilzt, sollte man Wolle weder einweichen noch reiben, wringen oder bürsten und nur bei maximal 30 Grad von Hand reinigen. Trocknen an der Sonne, auf der Heizung oder im Wäschetrockner sind tabu.

Auf herkömmlichen Wollwaren erscheint oft der Hinweis "waschmaschinenfest durch Superwash" oder "filzfrei". Dahinter verbirgt sich fast immer Chemie. Filzfreiheit wird unter anderem durch Silikone oder synthetische Harze erreicht. Da bei solchen Produkten nicht das Wollhaar, sondern Kunstharz mit der Haut in Berührung kommt, nennt Sturm diese Textilien leicht spöttisch "Kunstfasern mit einem Kern aus 100 Prozent Wolle". Negativ bewertet der Naturtextil-Experte auch andere "Veredelungstechniken" der konventionellen Branche: Umwelt- und faserschädigende Chlorbleiche, gesundheitsgefährdende Farbstoffe und Mottenschutzausrüstungen mit dem Nervengift Permethrin. Auch Teppiche und Decken aus Wolle werden in der Regel mit Chemikalien behandelt, um Schädlingsbefall vorzubeugen. Auf der Ware steht dann entweder "Eulan" oder "eulanisiert", machmal fehlt die Kennzeichnung ganz.

Naturtextilhersteller haben mit den genannten Bearbeitungsmethoden nichts im Sinn. Der ökologische Anspruch gilt für die gesamte "textile Kette" - von der Schafhaltung bis zur Entsorgung. Die Richtlinien des zu Beginn des Jahres gegründeten Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft (IVN), Nachfolger des Arbeitskreises Naturtextil (AKN), sind streng. Bei der Wäsche der Rohware etwa ist die Verwendung von chlorierten Kohlenwasserstoffen untersagt. Tenside müssen biologisch abbaubar sein oder in Kreisläufen geführt werden. Die fertigen Textilien werden zusätzlich auf Schwermetalle, Farbechtheit, Pestizide und Formaldehyd geprüft.

Von den Stärken der Wolle war schon die Rede, doch es gibt auch Schwächen. Besonders die robusteren Sorten sind bisweilen kratzig, nicht jeder mag und verträgt sie direkt auf der Haut. Als Unterwäsche trägt sich Wollenes aber in Verbindung mit Baumwolle oder Seide angenehm. Beim schweißtreibenden Bergwandern allerdings wird die Feuchtigkeitsaufnahme eventuell zum Bumerang.

Als Hauptproblem des Verbrauchers jedoch nennt Roland Sturm das "Pilling", also die Bildung kleiner Knötchen bei feiner Merinowolle. Naturtextilhersteller hess natur hilft sich hier ausnahmsweise mit leichter Chlorierung. Gegen die Neigung zum Verfilzen hat Living Crafts eine exklusive Lösung gefunden: Man badet das Wollgarn in pflanzlichen Enzymen (zum Teil aus Früchten), die mit der Oberfläche der Fasern reagieren und deren Empfindlichkeit herabsetzen. Gentechnik, so Produktionsleiter Werner Drössler, bleibt dabei außen vor. Auch der gelernte Biologe Sturm hält Enzyme langfristig für eine "echte Chance". Nach dem Willen des IVN haben genmanipulierte Organismen und mit ihnen verwandte Substanzen auch zukünftig in der Naturtextilbranche keinen Platz.

Hans Krautstein

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