Eigentlich... - Schrot und Korn

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Eigentlich...

Glosse

Eigentlich…

gelten Vorschriften, über die man vor zwanzig Jahren noch gelacht hätte. Dennoch reisen jedes Jahr Tausende von Tonnen textiler Hilfsstoffe, die hierzulande auf dem Index stehen, ganz legal bei uns ein. Zwar gibt es Hinweise auf Veränderung, aber wie üblich - zu spät. Dem Betroffenen schwillt der Hals, die Luft wird knapp, der Juckreiz hat kein Ende. Das geht in Extremfällen an die Substanz, an die ökologische geht es ohnehin. Wir exportieren, was hier nicht mehr verwendet werden darf, wir liefern die Zutaten für eine Hexenküche, deren Gebräu wir dann zurückkaufen. Vieles ist nicht direkt nachweisbar, das meiste nicht zu kontrollieren. Erst stirbt der heimische Arbeitsplatz, die Folge in Form von Billig-Angeboten der Textilindustrie, gleicht dann einer Bestrafung. Selbst reine Baumwolle müßten wir bis zur Hinfälligkeit waschen, um eine völlige Befreiung von ihren Zutaten zu erzielen. Der geschädigte Organismus des Allergikers wendet sich mit Grausen, und zu Recht, ab. Nichts ist zutreffend deklariert, wenn auch für den Gesetzgeber ausreichend. Die Verbraucher aber warten auf exakte Hinweise und auf körperliche Reaktionen.

Ebensowenig weiß der gute Mensch von Sezuan, der knietief in der Chlorbleiche steckt, was seine Arbeit Allergikern antut, abgesehen von seiner eigenen beschränkten Lebenserwartung. Der Markt regiert und wir lassen handeln und treiben Handel (auch dagegen kann man ja allergisch sein). Doch die schönen Chemikalien bringen Geld und werden sogar oft stattdessen gegeben. Der indische Baumwollpflanzer kann ohne die Hilfe ökologischer Kreditgeber nicht zu Veränderungen finden, da ihm nur ein geringer Geldbetrag zur Verfügung gestellt wird, der Großteil seiner Kredite kommt in Form von Düngechemikalien. Pestizide statt Brot… da schließen sich mehrere Kreise.

Es reicht nicht, für die Allergiker und alle Gefährdeten das bekannte Statement zu liefern: Naturmode bevorzugen. Andere Textilien erst waschen, dann tragen, Hautärzte auf die Eventualität von Textilunverträglichkeit hinweisen, bevor etliche neue Medikamente getestet werden. - Als Fazit für uns alle ergibt sich die Aufforderung an die Politiker, hier per Gesetz einzuschreiten. Und die Globalisierung auch als Verantwortung zu begreifen, nicht nur das regionale Umfeld zu schützen. Was hilft es, pflanzengegerbte Schuhe zu tragen oder volldeklariert durch die Waldorf-Schule zu laufen, wenn am anderen Ende der Welt Kinder damit beschäftigt werden, anderen, ebenfalls weniger begüterten, Kindern, Chemikalien in die Unterwäsche zu mischen. Wir haben jetzt eine Regierung, die Ökologie auf der Flagge hat, nun muß sie auch hier Flagge zeigen, nicht nur in Form einer Steuer gleichen Namens.

Bruno M. Czyganowski

Erschienen in Ausgabe 04/1999
Rubrik: Leben&Umwelt

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