Wenn die Chemie juckt und kratzt - Schrot und Korn

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Wenn die Chemie juckt und kratzt

Allergien nehmen zu

Wenn die Chemie juckt und kratzt

Allergien durch Textilien sind ein Thema der modernen Modewelt. Zwar traten solche Fälle bereits Mitte des vorigen Jahrhunderts auf. Aber in den letzten Jahren hat ihre Zahl stark zugenommen. Auch wenn schwere Fälle selten sind, ist die vermutete Dunkelziffer an leichteren Reaktionen hoch. Die allergischen Faktoren werden größtenteils durch Farb- oder Veredelungschemikalien verursacht.

Verschiedene Faktoren begünstigen das Eindringen von Dispersionsfarben, etwa des Azo- oder Anthrachinon-Typs in die Haut. Die Farben lösen sich aus glatten synthetischen Fasern schneller als aus natürlichen. Darüber hinaus erhöht enganliegende Kleidung das Risiko. Zusätzlich verstärkt wird es, gerade in der warmen Jahreszeit, durch Druck, Reibung und Transpiration. Besonders gefährdete Stellen sind der Halsbereich, die Achseln und Lenden, der Bundbereich, die Vorder- und Innenseite der Oberschenkel sowie die Kniekehlen.

Die Mehrzahl der allergischen Reaktionen ist bei dunkel gefärbten Strumpfhosen, Socken, Blusen, Unterröcken, Slips, Büstenhaltern, Feinstrümpfen, Leggings und Badeanzügen zu beobachten. Deutlich zeigen Untersuchungen auch, daß Frauen zwischen 40 und 60 die am meisten betroffene Gruppe bilden.

Die schlimmsten Auswirkungen haben Azofarbstoffe. Sie spalten ein krebserregendes aromatisches Amin ab, das in den Stoffwechsel eindringt. In allen bekannten Versuchen waren Dispersionsblau 124 oder 106 die stärksten Allergie-Auslöser. Der modische Trend zu dunkler Kleidung führt zu einer häufigen Anwendung gerade dieser Stoffe. Durch die Mischung mehrerer blauer, eines roten und eines gelben Farbtons wird der Eindruck eines vollkommenen Schwarz erweckt. Solche Mischungen aber erzeugen Kreuzreaktionen, nicht nur bei schwarzen, sondern auch hellen oder braunen Farbtönen. Ebenfalls hoch oben auf der Liste der allergie-auslösenden Farbstoffe stehen Dispersionsorange 3, Dispersionsgelb 3, sowie Dispersionsrot 1 und 17.

Neben den Farbstoffen können Weichmacher, Bleichmittel, optische Aufheller, Appreaturen zur Versteifung oder als Einlaufschutz sowie antimikrobielle Substanzen ein Ekzem auslösen. Insgesamt gibt es mehr als 7.000 zugelassene textile Hilfsmittel. Die Wechselwirkungen sind nicht zu kontrollieren.

Ein Bestandteil in Hilfsmitteln, der als besonders allergen gilt, ist Formaldehyd. Oft ist es in Kunstharzen enthalten, die beispielsweise bei knitterfreier Ware eingesetzt werden. Allerdings sind die Untersuchungen in diesem Bereich längst nicht abgeschlossen und werden durch stets neue Problemfälle erschwert. So hat die Universität Zürich festgestellt, daß in einigen Fällen die vermutete Formaldehydallergie eine Reaktion auf das Textilharz selbst war. Hinzu kommen noch Allergien auf Inhaltsstoffe in den Gummibändern oder die bekannte Jeansknopfdermatitis.

Probleme machen mehr als 7.000 textile Hilfsmittel mit unübersehbaren Wechselwirkungen

Die Vielzahl der Möglichkeiten stellt die Dermatologen oft vor unlösbare Aufgaben. Die Hautklinik der Georg-August-Universität Göttingen listet in ihrem Bericht zu Kontaktallergien in manchem Kleidungsstück bis zu sechs verschiedene Farbstoffe auf, zusammen mit den Veredelungsstoffen ergibt dies mehr als 20 Chemikalien, die mit ihren Verbindungen immer neue Abspaltungen freisetzen. Wer kein Chemiestudium absolviert hat, dürfte bei all den Begriffen ziemlich überfordert sein.

Die zunehmende Verunsicherung der Bevölkerung hat allerdings noch nicht zu einer weitreichenden Aufarbeitung der Risikogruppen und Risikoprodukte geführt. Auch verschärfte Gebrauchstests der Uni Zürich bringen nach Angaben der Forscher keinen überzeugenden Einblick in die tatsächliche Gefährdung und geben wenig Anregung zur künftigen Vermeidung.

Zumeist wird kein vorbeugender Verbraucherschutz betrieben, sondern den Hautreaktionen hinterhergeforscht, also den nässenden Erscheinungen mit Streureaktionen, wie sie bei Farballergien auftreten. Oder den geröteten, diskret schuppenden Reaktionen auf Veredelungsstoffe. Der Wirkung auf den Gesamtorganismus, so der Einwand von Verbraucherschützern, komme man damit nur langsam auf die Spur.

Erschwerend kommt hinzu, daß auch Waschmittelrückstände an toxologischen oder allergologischen Auswirkungen schuld sind. Tenside und Lösungsmittel, gen-manipulierte Enzyme, optische Aufheller, Parfüme und Metalle sorgen für einen nicht unerheblichen Risikofaktor für jeden Allergiker. Wissenschaftlich noch ungeklärt ist, ob die längere Anwendung einiger Waschmittel zu Tensidrückständen und zu eventuellen Schäden führen kann. Die optischen Aufheller haben in den 70er-Jahren eine epidemische Kontaktdermatitis ausgelöst, neuere Richtlinien führten aber zu Verbesserungen. Gleiches gilt für die Metalle. In modernen Waschmitteln sind Nickel, Kobalt und Chromat nicht mehr von ekzemauslösender Bedeutung, nachdem ihre Verwendung gesetzlich begrenzt wurde.

Problematisch bleiben die Rückstände von Parfüm. Der Duftstoffmix hat den dritten Platz in der Hitliste der Allergieauslöser eingenommen.

Manche Schädigungen treten erst mit verzögerter Wirkung ein

Das breite Spektrum der Textilunverträglichkeit reicht von milden sensorischen Beeinträchtigungen bis zu schweren Ekzemen, die zu einem Krankenhausaufenthalt zwingen.

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Erkenntnisse des Dermatologen Dr. Jachens. Er beschreibt, daß eine Allergie nicht beim ersten Körperkontakt auftreten muß, sondern eine verzögerte Wirkung eintreten kann. Da die chemischen Substanzen erst langsam in die Hautschichten einwandern, kommt es häufig zunächst zu einer Phase der Sensibilisierung und dann beim zweiten oder dritten Kontakt zur allergischen Reaktion.

Eine klare Alternative zu all diesen Risiken sind Naturtextilien. Der Verzicht auf Aldehyde (Formaldehyd und Glyoxal), auf Schwermetalle und halogenierte Kohlenwasserstoffe, auf Pestizide, Phenole, Aufheller, oder Biozide führt bei Allergikern zu deutlichen Verbesserungen des Krankheitsbildes.

Damit Chemie überflüssig wird, greift die Naturtextilbranche auf alternative Verfahren zurück. So verwenden die meisten Verarbeiter von Baumwolle aus kontrolliert biologischem Anbau schon beim Stricken des Stoffes besondere Maschinen. Dadurch verzieht sich der Stoff nicht so schnell, was die spätere chemische Ausrüstung unnötig macht, aber eben auch doppelt soviel Zeit benötigt.

Der Verzicht auf Chlorbleiche und das Waschen der fertigen Stoffe mit Seife auf pflanzlicher Basis führt zu dem bekannten "Naturweiß", der eingefleischten Liebhabern des 'Reinweiß' leicht anrüchig erscheint. Die zugesetzten Weichmacher aus tierischen Fetten dienen zur besseren Verarbeitung und zu einem weicheren Griff des Stoffes, führen aber nachweislich zu keiner allergischen Reaktion. Die endgültige Formstabilität wird durch Kompaktieren erreicht, ein Spezialverfahren mit Hitze, Dampf und Druck, also gänzlich ohne sogenannte "Veredelung".

Für Naturtextilien werden ausschließlich Farbstoffe ohne Amine freisetzende Azo-Farben verwendet. Auf Schwermetalle beim Fixieren wird verzichtet, wodurch dunkle Töne oder Mischfarben wie Türkis schwerer zu erzielen sind. Die sauberste Form bleibt die Pflanzenfarbe, die vor allem bei Seide und Wolle zu guten Ergebnissen führt. Allerdings sind diese Farben etwas teurer.

Grundsätzlich empfiehlt es sich für den Allergiker, auch bei Naturtextilien auf die Deklaration zu achten, deren Verbesserung zu fordern und im Zweifelsfall den Hersteller zu konsultieren.

Bruno M. Czyganowski

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