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Haben Sie schon einmal über Buchstaben nachgedacht? Bevorzugen Sie Lettern, die strammstehen wie Soldaten - oder "brüderliche Individuen", die den offenen Umgang pflegen, wie in einen Gesellschaft freier Menschen?

intern:

Haben Sie schon einmal über Buchstaben nachgedacht? Bevorzugen Sie Lettern, die strammstehen wie Soldaten - oder "brüderliche Individuen", die den offenen Umgang pflegen, wie in einen Gesellschaft freier Menschen? Wir jedenfalls mögen kein A, B oder C, das darauf aus ist, "andere zu beherrschen", wie Otl Aicher in seinem Buch "Typographie" schreibt. Aicher ist der Schöpfer unserer neuen Schrift, die Sie gerade lesen. "Rotis" heißt diese egalitäre Buchstabenfamilie, und ihr "Vater", einer der bedeutendsten Schriftgestalter unseres Jahrhunderts, benannte sie nach seinem Heimatort, einer umgebauten alten Mühle im Allgäu, neben der mehrere Atelierhäuser seiner Mitarbeiter entstanden, ein Kreativzentrum freier Geister sozusagen.

Daß Aicher die Schrift, mit der er jahrzehntelang schwanger ging, nicht - wie die Herren Frutiger, Weidemann oder andere - auf seinen eigenen Namen taufte, mag damit zusammenhängen, daß er sich an das hielt, was er von seinen Buchstaben forderte: "keiner soll sich zu wichtig nehmen".

Dennoch: Über den Mann könnte man seitenlange Geschichten schreiben. Gemeinsam mit seiner Frau, der Schriftstellerin Inge Aicher-Scholl mischte er sich ins politische Geschehen ein. "Schreiben und Widersprechen" heißt nicht von ungefähr eines seiner zahlreichen Bücher. Nicht von ungefähr hielt das Ehepaar dem antifaschistischen Widerstand die Treue. Inge Aicher-Scholl war eine Angehörige der von den Nazis ermordeten Kämpfer der "Weißen Rose". Keine Frage, daß sich die Schriftstellerin und der Schriftkünstler in den 80er Jahren in der Friedensbewegung engagierten. Gemeinsam mit anderen Prominenten verschafften sie der Sitzblockade vor dem US-Waffenstützpunkt Mutlangen die nötige öffentliche Aufmerksamkeit .

(Schrift-)Kunst und Politik - das waren für das Gründungsmitglied und den späteren Rektor der Ulmer Hochschule für Gestaltung zwei Seiten derselben Medaille. Konsequent setzte sich Otle Aicher schon Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre mit seinen Professoren-Kollegen für die durchgängige Kleinschreibung ein. Die politischen Aktivitäten der Dozenten gingen dem "furchtbaren Nazi-Richter" und späteren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger derart gegen den Strich, daß die Hochschule 1964 kurzerhand aufgelöst wurde.

Der Karriere von Otl Aicher haben die unkonventionellen Ansichten nicht geschadet. Viele Dinge unseres Alltags tragen die Handschrift des 1991 gestorbenen Künstlers, bei den großen Firmen ging er ein und aus. Lufthansa etwa trägt das von Aicher entworfene Logo in die große weite Welt. Und wer sich mit einem Braun-Rasierer den Bart stutzt, huldigt unbewußt demokratischen Idealen. Was freilich beweist, daß es hier nicht um Gesinnung, sondern um die überzeugende grafische Leistungen geht. Aicher war sich nicht zu schade, einfache Wahrheiten mit Nachdruck praktisch umzusetzen. Zum Beispiel die, daß die Welt nicht "immer neue" Schriften braucht, sondern "immer bessere". Und daß man eine Schrift nach ihrem Gebrauchswert beurteilen muß. Die bessere kann nur die sein, die sich besser lesen läßt.

Zwei Dinge möchte deshalb die "Rotis" vereinigen: Zum einen nimmt sie Elemente der Handschrift auf, zum anderen bemüht sie sich um die höchstmögliche Klarheit, die meist geometrisch geschnittene Lettern auszeichnet. Kurzum, grau ist alle Theorie, aber die "Rotis" ist eine "Gebrauchsschrift". Und als solche bewährt sie sich nicht im Lehrbuch, sondern an Ihrer demokratischen Entscheidung. Machen Sie also die Probe aufs Exempel, wir sind auf Ihre Reaktionen gespannt.

Peter Gutting

Erschienen in Ausgabe 03/1999
Rubrik: Leben&Umwelt

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