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Mehrweg nicht immer der Königsweg

Brancheneigenes System für kleine Gläser läuft aus

Mehrweg nicht immer der Königsweg

Käufer von Brotaufstrichen, Nußmusen oder Gemüse-Gläschen müssen sich umstellen. In diesem Jahr läuft das Mehrwegsystem für die kleinen Glasverpackungen aus. Daß das mit großen Hoffnungen gestartete brancheneigene Projekt zur Müllvermeidung nicht funktionierte, hat eine ganze Reihe von Gründen. Einer der wichtigsten: Um bei der Rücklaufquote nochmals deutlich zuzulegen, hätten die Hersteller weitere Millionen investieren müssen. Dennoch gibt es weiterhin hohe Mehrwegqoten im Naturkosthandel: Milchflaschen und Joghurtgläser sind von der Änderung nicht betroffen.

An den Verbrauchern hat's nicht gelegen, bestätigt Hans-Josef Brzukalla, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für Abfallvermeidung (Afa) GmbH. Im Gegenteil: Ein Großteil der kleinen Gläser wurde ordentlich gespült und mit Deckel in den Laden zurückgebracht, so daß die Rücklaufquote innerhalb von drei Jahren von 21 auf mittlerweile 50 Prozent hochschnellte. Brzukalla: "Das ist eine tolle Zahl". Denn man müsse bedenken, daß es keine Pfandpflicht und vor allem keine sogenannte "Durchpfandung" gab. Konkret: Nicht jeder Laden hat Pfand erhoben. Darüber hinaus mußten weder Großhändler noch Läden beim Bezug der Ware Pfand bezahlen. Wenn jedoch innerhalb der Handels-Kette der Druck fehlt, das bereits vorfinanzierte Geld wieder zurückzubekommen, darf man von den Rücklauf-Quoten nicht zuviel erwarten. "Experten haben uns gesagt, daß der Durchschnitt in solchen Systemen bei 23 Prozent liegt", berichtet Brzukalla.

Im Naturkosthandel konnte man sich aufgrund der öko-bewußten Kundschaft mehr erhoffen - mit Recht, wie sich zeigte. Dennoch herrschte in der Branche Einigkeit, daß man sich auf der 50 Prozent-Quote nicht hätte ausruhen dürfen. Das zeigt ein einfaches Rechenexempel. Wenn von tausend Gläsern im ersten Rücklauf nur 500 zurückkommen, so ist bei gleichbleibender Quote bereits nach dem zehnten Umlauf nur noch ein Glas übrig. Auf die einzelne Verpackung bezogen, ergibt sich daraus ein denkbar ungünstiger Schnitt. Von den 40 Wiederbefüllungen, die so ein Gläschen eigentlich schaffen könnte, läßt sich in diesem Fall nur träumen.

Rückläufe müssen mindestensbei 75 Prozent liegen

Um ein Mehrweg-System wirklich zu etablieren, sind Rückläufe von mindestens 75 Prozent unabdingbar. Bei Milch liegen die Zahlen gar bei 95 Prozent. Im Prinzip wären solche Erfolge auch für die Afa erreichbar, jedoch nur unter der Voraussetzung einer kompletten "Durchpfandung". Und die wiederum hängt von einer geeigneten "Mehrwegtransportverpackung" ab, sprich von einer Plastikkiste ähnlich einem Bierkasten, in die man die Gläschen hineinstellen könnte. Um in der Testphase mit möglichst wenig Aufwand zu starten, wurden die Behältnisse nämlich in den Kartons an den Großhandel zurückgeliefert, in denen sie schon vor dem Afa-System steckten. Das Problem ist nur: Bei geschlossenen Kartons kann der Großhändler nicht auf einen Blick sehen, ob wirklich die richtigen Pfandgläser drinstecken. Andererseits kostet die Entwicklung einer eigenen Plastikkiste Geld, und zwar viel Geld, wie die Afa - trotz zunächst gegenteiliger Beteuerungen der Fachleute - feststellen mußte. Auf 1,25 Millionen Mark kommen allein die Kisten, einen jeweils sechsstelligen Betrag verschlingt zusätzlich die Umstellung der Packstraßen bei jedem einzelnen Hersteller. Und das sind immerhin 30. Kurz, der Preis für jedes einzelne Produkt hätte sich nach den Berechnungen der Afa um zehn Pfennig verteuert. Und dies bei einer Ausgangslage, bei der jeder einzelne Spülgang soviel kostet wie ein neues Gläschen.

Es waren jedoch nicht allein finanzielle Fragen, die die Afa und ihre Gesellschafter - die Firmen Bruno Fischer, Rapunzel, Zwergenwiese und Erntesegen - zum Stopp des Experiments bewogen. Für das Aus sprach ganz einfach die Einsicht, daß die Naturkostbranche mit einem Anteil von zwei bis drei Prozent am gesamten Lebensmittelmarkt noch immer viel zu klein ist, um solch ein Projekt zu stemmen.

Dieser Fakt hat durchaus ökologische Konsequenzen: Daß ein Gläschen 800 Kilometer zurücklegt, bevor es in der Spülstelle landet, war zwar nicht die Regel, aber auch kein Einzelfall. Gerne hätte Afa-Geschäftsführer Hans-Josef Brzukalla deshalb die Zahl der Spülstellen von zuletzt zwei auf zehn erhöht. Doch mit sieben Millionen Gläsern wären die zusätzlichen Maschinen nicht ausgelastet. Zum Vergleich. Allein die Firma Landliebe hat 220 Millionen Joghurt-Gläser und Milchflaschen im Umlauf.

Hinzu kommt ein generelles Manko von kleinen Glasgrößen. Sie sind sozusagen unökologischer als große. Denn sie brauchen eine gewisse Mindest-Wandstärke, die das Verhältnis von Verpackung und Inhalt schlecht aussehen läßt. Erst bei einem größeren Glas verbessert sich dieses Verhältnis, denn die Mindest-Wandstärke wächst nicht in gleichem Umfang mit. Mehrweg-Experte Dr. Hans-Jürgen Oels von Umweltbundesamt hält es deshalb keineswegs für Zufall, daß der konventionelle Handel das Experiment mit den kleineren Joghurt-Gläsern (250 Milliliter) schon vor längerem stoppte. "Das hat sich nicht gerechnet und war auch ökologisch nicht toll."

Für Honiggläser gelten besondere Bedingungen

Gegen dieses Bündel von Argumenten spricht auch nicht die Tatsache, daß es die Firma Allos schaffte, seit Mai 1998 für ihre 500-Gramm-Honiggläser ein eigenes Mehrwegsystem mit entsprechender Transportverpackung aufzuziehen. Denn bei den Honigspezialisten gelten besondere Bedingungen. Sie haben eine eigene Spülstelle im Haus, die für die schon älteren Ein- und Zwei-Liter Mehrweggläser angeschafft wurde und die man nur für die kleinere Verpackungsgröße erweitern mußte. Außerdem "ist die Logistik kein Problem", erklärt der Allos-Mehrwegspezialist Thomas Wagner. Im Prinzip nehmen die Lastwagen, die die Ware liefern, die gebrauchten Gläser mit zurück. Derzeit sind knapp 71.000 Kisten mit 424.000 Verpackungen im Umlauf.

Und wie geht es bei den anderen Firmen weiter? Zunächst ist der einst ungeliebte Grüne Punkt die einzige Alternative. Susanne Schöning von Zwergenwiese sieht dies keineswegs als "böse Einweg-Geschichte". Das Duale System habe gerade im Glasbereich ein funktionierendes Recyclingsystem aufgebaut. "Ich habe mit den Glashütten gesprochen, die nehmen das Altglas sehr gern." Denn es ist leichter einzuschmelzen und verbraucht weniger Energie als die Neuproduktion aus Quarz und Sand.

Auch bei Rapunzel und Erntesegen sieht man vorerst keine Alternative zu Recycling-Gläsern, jedoch will Bruno Fischer im nächsten Jahr die Dosen-Variante auf ihre Umweltverträglichkeit prüfen lassen. Zwar verhehlt keiner der Hersteller seine Enttäuschung über das Aus - ähnlich wie Ökobilanz-Expertin Stephanie Böge vom Wuppertal-Institut, die das Projekt mit viel Sympathie betrachtete. Aber es bleiben auch positive Erkentnisse: "Als Hersteller haben wir gelernt, daß es sinvoll ist zusammenzuarbeiten", resümiert Bruno Fischer. Außerdem werde die Verpackungsfrage keineswegs ad acta gelegt. Das in der Afa erarbeitete Know-How soll dazu dienen, "ökologisch sinnvolle und ökonomisch tragbare Verbesserungen" (Fischer) zu erarbeiten. Hans-Josef Brzukalla wird somit nicht arbeitslos, sondern bleibt im Auftrag der Firmen am Ball.

Wie genau mögliche Neuerungen aussehen könnten, muß zwar im Detail geprüft werden, aber eines ist heute schon gewiß: "Mehrweg", so der Afa-Mann, "darf kein Dogma sein". Zwar sei das System im regionalen Maßstab nicht zu schlagen. Aber im Fernbereich müsse man auch andere Möglichkeiten in Betracht ziehen, zum Beispiel Milch in Schlauchbeuteln. Auch wenn dies , wie der Afa-Mann bedauert, dem ökologisch orientierten Verbraucher kaum zu vermitteln sei. Immerhin trifft sich Brzukallas Einschätzung mit einer Vision des Experten Oels vom Umweltbundesamt. Der schlägt spontan vor, doch einmal folgende Möglichkeit zu prüfen: Der Verbraucher kauft Brotaufstriche, Nußmuse und ähnliches in Schlauchbeuteln und füllt sie zu Hause in Gläser um.

Peter Gutting

Tips für Verbraucher

  • Solange Produkte mit dem Aufdruck "Naturkost fördert Mehrweg" erhältlich sind, dürfen diese zurückgegeben werden. Dies gilt für eine Übergangszeit, nämlich so lange, bis die bereits produzierten Deckel und Gläser aufgebraucht sind. In dieser Zeit werden die Gläser auch noch gereinigt und wieder eingesetzt.
  • Falls Sie Pfand bezahlt haben, erhalten Sie dies selbstverständlich zurück.
  • Es ist wahrscheinlich, daß in vielen Läden bereits ab Januar kein Pfand mehr erhoben wird. Dennoch können Sie die Gläser mit dem Mehrweg-Zeichen weiterhin zurückgeben.
  • Die Reinigung und der Wieder-Einsatz dauert in wirtschaftlich vertretbaren Dimensionen so lange, wie die Kunden noch Gläser mit dem Mehrweg-Zeichen zurückgeben.
  • Gläser, die den Grünen Punkt tragen, sollten in die Glascontainer des Dualen Systems geworfen werden. Damit wird das Recycling sichergestellt.
  • Ab einem bestimmten Zeitpunkt in diesem Jahr, der allerdings derzeit noch nicht genau zu bestimmen ist, wird es keine Afa-Mehrweggläser mehr geben. Dann sollten Sie alle Gläser in die Glascontainer werfen.
  • Joghurtgläser und Milchflaschen sind von der Änderung nicht betroffen. Hierfür gibt es andere Mehrweg-Pools, die nicht allein den Naturkosthandel bedienen und daher wirtschaftlich auf einer ganz anderen Basis stehen.

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