Neues Leben im "Tal des Todes" - Schrot und Korn

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Neues Leben im "Tal des Todes"

Öko-Baumwolle

Neues Leben im "Tal des Todes"

Schon vor 4.500 Jahren pflanzten die Küstenbewohner Perus Baumwolle an. Zwischenzeitlich geriet die alte Kulturpflanze etwas in Vergessenheit, nun aber besannen sich die Bauern eines kleinen Städtchens auf die Tradition. Für sie war es die Rettung vor dem drohenden Ruin. Ein ökologisches Anbauprojekt gibt ihnen neue Hoffnung.

"Tal des Todes" - noch vor vier Jahren trug die Region um das peruanische Städtchen Quilca diesen trostlosen Beinamen. Abseits der Panamericana, der großen südamerikanischen Autostraße, eingeschlossen von einer unendlich scheinenden Sandwüste, liegt das zehn Kilometer lange Tal, bei dem der Fluß Quilca in den Pazifik mündet.

Der Fluß war seit jeher die Lebensader der Menschen von Quilca: Mit dem Wasser, das er führte, versorgten sie ihre Felder, er sicherte ihr Auskommen in der kargen Gegend. Bis Anfang der 90er Jahre. Da wurden die Erträge immer dürftiger, die Reispflanzen verkümmerten, Fluß und Boden waren versalzen. Die jungen Leute wanderten auf der Suche nach Arbeit in die Städte ab. Die Bauern waren verzweifelt.

Schuld an dem Desaster war ein ehrgeiziges staatliches Projekt oben in den Bergen: Ingenieure hatten dort vor mehreren Jahrzehnten ein Bewässerungssystem installiert und mit hohem technischen und finanziellen Aufwand inmitten einer leblosen Hochebene neue Anbauflächen geschaffen. Vor acht Jahren wurden die fatalen ökologischen Folgen des Projekts sichtbar: unten an der Küste bei Quilca, wo sich das Salz ablagerte.

"Wir hatten keine Hoffnung mehr", erinnert sich Bauer Amadeo Badoya, "nur der Kürbis konnte sich noch halten, aber der brachte fast nichts ein." Als die Landwirte jedoch von einem Baumwollprojekt auf einem ähnlich problematischen Boden erfuhren, schöpften sie neuen Mut. "Die Menschen von Quilca wandten sich an mich mit der Bitte um Unterstützung", erzählt James Vreeland, Initiator und Manager des Öko-Baumwollprojekts "Pakucho Pax" und der Textilfirma Naturtex Partners. Zunächst sei er jedoch zurückhaltend gewesen: Quilca liege sehr abseits. Vreeland sah Schwierigkeiten bei der Beratung und Kontrolle. Mehrere Besuche vor Ort überzeugten "el doctór" - wie er in Quilca respektvoll-freundschaftlich genannt wird - dann doch: 1995 begannen die Planungen, 1996 wurden die ersten ökologisch bewirtschafteten Baumwollfelder angelegt.

Der Versuch mit der alternativen Anbaumethode war von Anfang an erfolgreich. "Mittlerweile", freut sich Vreeland, "erzielen die Bauern von Quilca die höchsten Baumwoll-Ernteerträge in ganz Peru - und das bei einer hervorragenden Qualität". Der Erfolg erstaunt selbst die Fachleute. "Die Ingenieure kratzen sich verwundert am Kopf", schmunzelt Vreeland.

Meterlange Wurzelversorgt die Pflanze

Das "Wunder von Quilca" war nur mit Hilfe einer Pflanze möglich, die an solche extremen Standorte angepaßt ist: der Tanguis-Baumwolle (botanischer Name: Gossypium barbadense tanguis). Sie hat ein ausgedehntes Wurzelsystem, das der Pflanze tief aus dem Boden Wasser zuführen kann. Der entscheidende Vorteil: Salz kann dieser alten und widerstandsfähigen Sorte nicht viel anhaben. "Ursprünglich wuchs Baumwolle ja immer in solchen Küstenregionen am Meer, wie in Ägypten und eben Peru", erläutert Vreeland.

Nach sieben Monaten erreichen die Pflanzen ihre volle Höhe - bei der Tanguis sind das rund anderthalb Meter. Die Sträucher lieben es tagsüber heiß - bis an die 40 Grad Celsius - und nachts nicht zu kalt. Die Samenkapseln reifen nach der Bestäubung in vier Wochen heran. Wenn sie aufplatzen, quellen die Samenhaare hervor, die eigentliche Baumwolle. Vier- bis fünfmal im Jahr kann gepflückt werden. Die "Entlaubung" geschieht dabei auf natürliche Art: Die Bauern lassen die Blätter der Baumwollpflanzen gezielt von Würmern abfressen. Das erleichtert das Pflücken, das in Quilca noch ganz ohne maschinelle Hilfe bewerkstelligt wird. 100 Bäusche muß ein Erntehelfer pflücken, bis genügend Samenwolle für ein T-Shirt zusammen ist. An einem Tag sammelt ein guter Pflücker das Rohmaterial für 50 bis 60 Shirts in seinem Erntesack.

Der Biodünger kommt vonden nahegelegenen Inseln

Amadeo Badoya und seine Kollegen bauen ihre Tanguis-Baumwolle kontrolliert ökologisch an. Einen Biodünger gibt es in Quilca sozusagen vor der Haustür: Im Pazifik vor der Küste liegen einige kleine Inseln, von denen Fischer Guano - abgelagerten Vogelmist - holen. Vreeland sieht damit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: "Die Bauern haben einen bestens geeigneten Dünger aus der Region und die Fischer einen Absatzmarkt für Guano."

Neben Kunstdünger sind auch Pestizide für die Ökoproduzenten von Quilca tabu: Läusen kommen die Bauern mit Nützlingen bei. Rotenone, ein Stoff aus der Wurzel eines Urwaldbaumes, hilft gegen Wurmbefall. Und Fruchtschädlinge werden von Wespen in Schach gehalten. Ein technischer Berater kommt jede Woche nach Quilca, um die Produzenten zu beraten und bei Problemen weiterzuhelfen.

Die holländischen Kontrolleure von SKAL überprüfen zweimal im Jahr, ob in Quilca die EU-Richtlinien für ökologischen Anbau eingehalten werden. 1997 haben die ersten Bauern die Umstellungsphase erfolgreich abgeschlossen und erhielten das Label für kontrolliert biologischen Anbau.

"Eine solche Zertifizierung ist nicht ganz billig: Der Besuch eines Kontrolleurs kostet uns mittlerweile 12.000 US-Dollar", gibt Vreeland zu bedenken. Trotzdem: Die Ökobaumwolle ist in Quilca wirtschaftlich tragfähig. "Die Bauern erzielen damit im Endeffekt einen 15 Prozent höheren Gewinn als ihre konventionell arbeitenden Kollegen", rechnet der Unternehmer vor. "Die Umstellung lohnt sich allein schon wegen der hohen Ausgaben, die im herkömmlichen Anbau für teure Pestizide und synthetischen Dünger anfallen."

Entscheidend für das gute Ergebnis ist jedoch die Qualität der Baumwolle. "Die läßt in Quilca nichts zu wünschen übrig", sagt Vreeland zufrieden. Und Amadeo Badoya ergänzt: "Die Samenwolle der Tanguis ist von Natur aus sehr weiß und lang." Das seien entscheidende Pluspunkte für eine ökologische und einwandfreie Weiterverarbeitung

Gewinne bleiben im Land, neue Arbeitsplätze entstehen

Nach dem Pflücken muß zunächst der Samen aus der Wolle entfernt werden; dieses "Ginning" erfolgt maschinell. Von den entkörnten Fasern wird nochmals der kurze "Fuzz" abgetrennt, der lediglich als Polstermaterial verwendet werden kann. Die übrig gebliebene sogenannte Lintfaser wird versponnen. Auch dieser Verarbeitungsschritt erfolge im Land, betont Vreeland, die Auftragsarbeit für Naturtex Partners wird in Lima erledigt. Nach dem Spinnen können sogar die Konfektionen in Südamerika entworfen und geschneidert werden - in Absprache mit den Importeuren zum Beispiel in Deutschland. Sechs Monate dauert es insgesamt, bis aus den Baumwollbäuschen von Quilca ein fertiges T-Shirt geworden ist. Dann wird es nach Europa verschifft.

Daß bei Naturtex Partners alles unter einer Regie läuft - vom Anbau der Baumwolle bis hin zur Anfertigung der Kleidungsstücke - hat nach Ansicht von Vreeland Vorteile für beide Seiten: Die Importeure in den Industriestaaten müßten lediglich mit einem Zulieferer verhandeln. Und Peru sei nicht bloßer Rohstofflieferant, sondern profitiere von neugeschaffenen Arbeitsplätzen und den Gewinnen, die im eigenen Land bleiben.

Das Interesse an Ökobaumwolle, so Vreeland, sei auch bei großen Unternehmen des konventionellen Marktes gewachsen. Levi's beabsichtige, fünf Prozent, Nike sogar zehn Prozent seiner Textilproduktion auf Bio-Baumwolle umzustellen. Die ökologischen Textilhersteller schlafen indes nicht. Naturtex Partners hat ein neues, sehr feinen Tuch auf den Markt gebracht. Möglich wurde dies durch eine weitere Sorte des Gossypium barbadense: die Pima-Baumwolle. Weder James Vreeland noch die Produzenten von Quilca wollen sich auf ihren ersten Erfolgen ausruhen.

Christiane Schmitt

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