Einst eine teure Delikatesse, heute ein Massenprodukt: Garnelen gibt es in jeder Tiefkühltruhe. Doch der enorme Boom der letzten Jahre hat ökologische Folgen. In kurzer Zeit sind die küstennahen Böden der Aquakulturen in Asien und Late - Schrot und Korn

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Einst eine teure Delikatesse, heute ein Massenprodukt: Garnelen gibt es in jeder Tiefkühltruhe. Doch der enorme Boom der letzten Jahre hat ökologische Folgen. In kurzer Zeit sind die küstennahen Böden der Aquakulturen in Asien und Late

Genuß mit Folgen: Garnelen aus Aquakulturen

Einst eine teure Delikatesse, heute ein Massenprodukt: Garnelen gibt es in jeder Tiefkühltruhe. Doch der enorme Boom der letzten Jahre hat ökologische Folgen. In kurzer Zeit sind die küstennahen Böden der Aquakulturen in Asien und Lateinamerika derart verschmutzt, daß sie Jahrzehnte zur Regeneration brauchen.

Die Ursache für die Probleme mit dem einstigen Luxusartikel liegt in den Aquakulturen, die an zahlreichen Küsten Asiens und Lateinamerikas wie Pilze aus dem Boden schießen. Weltweit sind zirka 50 000 Anlagen mit einer jährlichen Produktionsmenge von mehr als 700 000 Tonnen in Betrieb. Hauptabnehmer sind Europa, die USA und Japan. Dort profitieren die Verbraucher - zumindest auf den ersten Blick - vom kostengünstigen Angebot.

Wie bei vielen neuen Wirtschaftszweigen, die zum "schnellen Geld" führen, treten die Folgen für Umwelt und Gesellschaft erst allmählich zu Tage. Längst haben sich jedoch die Lebensbedingungen der Küstenbewohner in Ländern wie Indien, Bangladesh, China, Thailand, den Philippinen und Ecuador drastisch verschlechtert.

Da die Garnelen nur in Salzwasser aufgezogen werden können, sind die Züchter auf küstennahe Standorte ihrer Teiche angewiesen, die sie mit Meeres- und Grundwasser fluten. Mit attraktiven Angeboten bringen die Aquakulturbetreiber die hierzu erforderlichen Flächen, darunter Reisfelder und die für die Uferbefestigung so wichtigen Mangrovenwälder, in ihren Besitz. Den wenigsten Bewohnern der Küstendörfer ist bei diesen Verkäufen bewußt, daß sie damit zum einen eine wichtige Grundlage ihrer Selbstversorgung und wirtschaftlichen Aktivität aufgeben und zum anderen die Lebensgrundlage der gesamten Dorfgemeinschaft gefährden.

Um eine möglichst hohe Produktivität der Garnelenzucht zu erzielen, werden große Mengen an Chemikalien eingesetzt: Pestizide gegen Algenwachstum, Antibiotika zur Verringerung der Krankheitsanfälligkeit und Wachstumshormone. Zudem ist ein regelmäßiger Austausch der Wassermengen erforderlich; täglich müssen 15 bis 20 Prozent des Wassers erneuert werden. Mit dem Abwasser gelangen große Mengen an Chemikalien ins nahe gelegene Meer. Die Folge: Das ökologische Gleichgewicht wird empfindlich gestört. Dies hat einen deutlichen Rückgang des Fischbestandes zur Konsequenz. Hiervon sind insbesondere die traditionell wirtschaftenden Fischer betroffen.

Wertvolles Grundwasser wird
mit Chemikalien verseucht

Darüber hinaus beansprucht der hohe Bedarf der Aquakulturen an Frischwasser große Mengen an wertvollem Grundwasser - für die Küstendorfbewohner ein unverzichtbares Trinkwasserreservoir. Zudem werden die Böden und die Grundwasservorkommen im Umkreis der Teiche durch den hohen Chemikalieneinsatz und die organischen Abfälle - hierbei handelt es sich um Ausscheidungen der Garnelen und um nicht verwertete Futterreste - in hohem Maße verschmutzt und bakteriell verseucht. Aufgrund der bakteriellen Verunreinigung des Grundwassers kommt es innerhalb der Dorfbevölkerung zu einem besorgniserregend hohen Auftreten von Diarrhöe (Durchfall) und anderen Darminfektionserkrankungen.

Nach fünf bis zehn Jahren erreicht die Bodenverschmutzung in den Farmen ein so bedenkliches Ausmaß, daß die Aquakultur an dem jeweiligen Standort eingestellt werden muß. Es vergehen Jahrzehnte, bis sich der Boden, wenn überhaupt, wieder regeneriert.

Die chemische Keule schlägt sich auch in den Garnelen nieder. Deren Schadstoffgehalte überschreiten vielfach die von der WHO festgelegten Grenzwerte. Ferner ist in Betracht zu ziehen, daß die Garnelen in der Regel fast vollständig exportiert werden. Sie bereichern also nicht das lokale Nahrungsangebot der einheimischen Bevölkerung, die vielfach unter einer unzureichenden Eiweißversorgung leidet. Vielmehr werden große Mengen an tierischen Proteinen in Form von Fischmehl an die Garnelen verfüttert. Für die Produktion einer Tonne Garnelen werden nach Auskunft von Experten vier Tonnen Fischmehl benötigt - und für eine Tonne Fischmehl etwa fünf Tonnen Fisch. Um einen Ertrag von einer Tonne Garnelen zu erzielen, werden demnach 20 Tonnen des wertvollen Eiweißlieferanten verbraucht. Wie sollen nun die VerbraucherInnen hierzulande darauf reagieren? Ein genereller Boykott ist nach Auffassung von Experten fragwürdig, zumal hiervon weltweit alle Garnelenfänge betroffen wären. Ebenso erscheint ein nach Herkunftsländern differenzierter Boykottaufruf nicht praktikabel, da für die Verbraucher vielfach die Herkunft der Garnelen nicht nachvollziehbar ist. Die in Deutschland gesetzlich vorgeschriebene Lebensmittelkennzeichnung gibt zwar Aufschluß über Name und Anschrift des weiterverarbeitenden Betriebes, Verpackers oder Verkäufers. Allzu oft verschleiern jedoch diffuse Herkunftsangaben den genauen Ursprung des Ausgangsproduktes.
Bleibt die Frage, ob Nordseegarnelen eine sinnvolle Alternative sein könnten. Deren Bestände sind jedoch in den achtziger Jahren deutlich zurückgegangen, eine Folge von Überfischung und Überdüngung der Nordsee. Solange die Fanggebiete der Krabbenfischer nicht ökologisch verträglich reglementiert werden, besteht weiterhin das Risiko einer Überfischung.
Eines steht auf jeden Fall fest: Der niedrige Verkaufspreis der Garnelen auf dem hiesigen Markt ist - nicht nur aufgrund der weiten Transportwege und der energieaufwendigen Kühlverfahren - keinesfalls berechtigt.

Widerstand der Bevölkerung
zeigt erste Erfolge

In den betroffenen Ländern setzte der Widerstand gegen die bestehenden Aquakulturen und den Bau weiterer Anlagen bereits Ende der achtziger Jahre ein. In Indien beispielsweise wurde die lokale Bevölkerung durch die südindische Entwicklungsorganisation Prepare, die Frauenorganisation Law-Trust sowie durch weitere nichtstaatliche Organisationen massiv unterstützt. Die breitangelegte Kampagne erreichte, daß der oberste indische Gerichtshof in Neu Delhi im Dezember 1996 die Schließung aller bestehenden Garnelenfarmen an der Küste sowie Entschädigungsleistungen für betroffene Familien verordnet. Das indische Urteil gibt Anlaß zu der Hoffnung, daß die Proteste auf internationaler Ebene weiter zunehmen und künftig bei der Garnelenzucht nachhaltige Produktionsverfahren in die Praxis umgesetzt werden. Entscheidend hierfür ist letztendlich das Verhalten der europäischen und amerikanischen Verbraucher.
Nina Weiler

Naturland-Richtlinien für
umweltverträgliche Alternativen

An positiven Beispielen für eine umweltverträgliche und artgerechte Fischhaltung mangelt es nicht. Beispielsweise haben Naturland und Bioland Richtlinien für die "naturgemäße Aufzucht von Fischen" entwickelt. Sie umfassen alle Fischarten und Krebse. Im einzelnen enthalten die Vorschriften detaillierte Anforderung zur geforderten Wasserqualität, Fütterung, zum Gesundheitszustand der Tiere etcetera. So haben die Zuchtfische, die nach den Naturland-Standards aufwachsen, die nötige Bewegungsfreiheit; sie erhalten Futter ohne synthetische Zusatzstoffe und keinerlei vorbeugende Medikamente. Ferner darf ausschließlich Fischmehl und -öl von Tieren verfüttert werden, die aus sauberen Regionen des Atlantiks stammen. Und: Das der Tiernahrung beigemengte Getreide muß aus anerkannt ökologischem Landbau stammen. Fischprodukte mit dem Naturland-Zeichen werden vereinzelt in Naturkostfachgeschäften geführt. Mitunter bietet der Biohandel auch Thunfischkonserven mit den Hinweisen an: "nicht aus Treibnetzfischerei" oder "mit der Angel gefangen".
Es versteht sich von selbst, daß Garnelen aus Aquakulturen nicht zum Naturkostsortiment gehören.

Vom Unterschied zwischen
Krabben und Garnelen

Breit ist die Palette an Fischspezialitäten und Meeresfrüchten aus aller Welt. Die Geißelgarnelen, die seit einigen Jahren immer häufiger auf dem Speisezettel stehen, kommen in fast allen wärmeren Meeren vor und werden hierzulande als Riesengarnelen oder auch - irreführenderweise - als Scampi bezeichnet. Ihr bekanntester Vertreter aus Asien ist der Giant Tiger. Bei den Scampi hingegen handelt es sich um nahe Verwandte des Hummers. Allerdings sind sie mit einer Körperlänge von etwa 20 Zentimetern deutlich kleiner.
Quasi als Pendant zu den Geißelgarnelen mit ihrem Verbreitungsgebiet in wärmeren Meeren können die "nordischen" Tiefseegarnelen - diese stammen aus den nördlichen Meeren - betrachtet werden. Als wichtigste Art ist die Grönland - beziehungsweise Nordmeergarnele hervorzuheben. Mitunter wird sie auch als Shrimp bezeichnet.
Aus der Nordsee kennen wir die Speisekrabben. Auch in diesem Punkt ist die Alltagssprache nicht ganz korrekt. Zoologisch gesehen sind Speisekrabben nämlich keine Krabben, sondern Garnelen. Anders als bei den echten Krabben ist gerade der Hinterleib der Nordseegarnele gut ausgebildet und enthält das schmackhafte Fleisch. Speisekrabben heißen zoologisch korrekt Nordseegarnelen.

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