Gütesiegel - - Schrot und Korn

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Gütesiegel -

Natur&Mode


Gütesiegel -

zwischen Feigenblatt und Speerspitze

Längst keine neue Masche mehr: Mit "ökö" und "bio" versucht die Textilbranche neue Verkaufsschlager zu kreieren. Rund 200 Kollektionen werben mit vermeintlicher oder tatsächlicher Umweltfreundlichkeit. Das Ärgerliche dabei: Der Verbraucher verirrt sich im Labyrinth unzähliger Gütesiegel.

Daß viele Labels höchstens als grünes Feigenblatt taugen, kritisieren Verbraucherverbände, Wissenschaftler und Politiker seit Jahren. Inzwischen zeigt die Schelte Wirkung: Mit neuen Standards versuchen die Hersteller die Schwächen auszubügeln. Dennoch: 100 Prozent Natur-Qualität garantiert lediglich das Markenzeichen des Arbeitskreises Naturtextil (AKN). Freilich bieten sich dessen strenge Vorschriften vor allem für Unter- und Bettwäsche an. Ingesamt, das zeigen die Erfahrungen, gibt es den Königsweg bei Textilien nicht. Wohl aber die permanente Suche nach dem bestmöglichen Kompromiß. Gerade deshalb ist Transparenz für den Verbraucher mehr denn je gefragt.

Damit sich umweltbewußte KundInnen nicht länger im Netz der Kriterienkataloge verheddern, strickt ein Runder Tisch von Industrie, Gewerkschaften, Politik und Wissenschaft an einer Vereinheitlichung der Gütesiegel. In der Diskussion ist ein mehrstufiges System, das bestehende Labels wie "Öko-Tex 100" oder das AKN-Markenzeichen "Naturtextil" integriert.

Als Mindeststandard kann Öko-Tex 100 gelten - der meistverbreitete Maßstab für die Gesundheitsverträglichkeit des Produkts. Das höchste Niveau repräsentiert das AKN-Label "Naturtextil". "Dazwischen brauchen wir zwei bis drei weitere Labels", sagt Cornelia Voß vom Wissenschaftsladen Bonn, die die Gespräche mitinitiiert hat. Nur so könne man
den vielfältigen Anwendungsbereichen - von der Babywindel bis zum Regenponcho - gerecht werden.

Der Verbraucher ist
eindeutig überfordert

Trotzdem: Der Verbraucher soll bei diesem abgestuften System endlich den Durchblick bekommen. Dazu müsse man die Botschaft vor allem mit einer einheitlichen Werbung rüberbringen, fordert Voß: "Es ist doch klar, daß sich der Kunde überfordert fühlt, wenn er sich erst in verschiedene Standards einarbeiten soll."

Komplex ist die Lage vor allem wegen der weltumspannenden Produktionskette. Manches T-Shirt hat immerhin 19 000 Kilometer auf dem Buckel. Richtig weiß ist die Label-Weste deshalb nur, wenn mindestens drei Aspekte ineinandergreifen: Gesundheit (reine Produktprüfung), Umwelt (Herstellungsprozeß) und Arbeitsbedingungen, besonders in der Dritten Welt. Im Grunde garantiert nur das ungefärbte Unterhemd aus kontrolliert biologischer Baumwolle, die zudem von Hand und zu fairem Lohn gepflückt wurde, ein reines Öko-Gewissen.

Dennoch: Dank der Pionierleistung alternativer Hersteller könnte Bio-Baumwolle mittlerweile den Durchbruch zum Massenmarkt schaffen. Zwar stehen weltweit den 10 000 Tonnen biologischer Ware derzeit noch 200 Millionen konventionelle Tonnen gegenüber. Nach Ansicht von Entwicklungsexperten ist die Zeit aber längst reif, die Nische zu verlassen.

Die biologische Produktion sei kaum teurer und biete den Kleinbauern der Dritten Welt ganz neue Perspektiven. Voraussetzung sei dafür aber ein größeres Vertrauen der Verbraucher, das sich nur mit glaubwürdigen Gütesiegeln herstellen lasse.

Wie tief die Latte der meisten Labels noch hängt, zeigen die "fünf Essentials", über die sich die Vertreter der konventionellen Textilmarken einig sind: Verzicht auf Chlorbleiche, auf "Veredelung" mit Formaldehyd, auf allergie- und krebsauslösende Farbstoffe sowie auf Biozidausrüstung. Das sollte aus Verbrauchersicht eigentlich selbstverständlich sein. Ist es aber nicht: Kleider mit krebserzeugenden Azo-Farbstoffen zum Beispiel dürfen noch bis Ende 1998 verkauft werden.

Wer mehr will als ein giftfreies Produkt, ist mit Öko-Tex 100 und EU-Label schlecht bedient (auf die Vielzahl von reinen Firmen- und Kollektionenlabels kann hier nicht eingegangen werden). Öko-Tex und EU garantieren nicht einmal Naturmaterial an sich (auch Synthetics können das Gütesiegel bekommen), ganz zu schweigen von kbA. Ebensowenig darf sich der Käufer auf einen möglichst sparsamen Chemieeinsatz während der Produktion verlassen. Lediglich die Grenzwerte beim Produkt müssen eingehalten werden.

Reine "Humanökologie"
reicht heute nicht mehr

Die Kritik an rein warenbezogenen Kriterien verhallte indes nicht ungehört. So hat Öko-Tex, hinter dem der Gesamtverband der deutschen Textilwirtschaft steht, den Standard 1000 entwickelt. Er soll die reine "Humanökologie" des Hunderter-Gütesiegels ergänzen und wird für umweltschonende Produktionsverfahren auf allen Verarbeitungsstufen vergeben. Auf dem Prüfstand stehen nicht nur Farbstoffe und chemische Hilfsmittel, sondern die gesamte Ökobilanz: beispielsweise die einer Färberei mit Abwasserbelastung, Emissionen, Abfall und Energieverbrauch.

Als erste Firma weltweit wurde der Schweizer Textilveredler Cilander mit dem neuen Siegel Öko-Tex 1000 ausgezeichnet. Damit das Label nicht nur auf Firmenschildern prangt, müssen die KundInnen auf eine - ebenfalls zertifizierte - Spinnerei, einen Konfektionär usw. warten. "Nur wenn die ganze Kette vollständig ist, können wir das Endprodukt damit auszeichnen", sagt Raimar Freitag vom Prüfinstitut Testex in Zürich. Noch in diesem Jahr soll Öko-Tex 1000 in die Läden kommen.

Dort hängt es dann neben seinem kleinen "Bruder" mit der Nummer hundert, der sich - rein quantitativ - zum erfolgreichsten Label entwickelt hat. Mehr als 4 000 Mal wurde das Gütesiegel vergeben, über tausend Firmen garantieren den Käufern den Schutz ihrer Gesundheit.
Ins Hintertreffen geriet dabei das Label Ecoproof, das der TÜV Rheinland in Kooperation mit einem großen Strumpfhersteller entwickelte. Der "produktionsintegrierte" Ansatz stand hier von Anfang an im Mittelpunkt. Das Label schneidet bei Verbraucherschützern deutlich besser ab als Öko-Tex, doch für die Ehre kann sich der TÜV nichts kaufen. Nachdem der Strumpfhersteller abgesprungen war, wollte sich niemand mit dem Label schmücken. TÜV-Mitarbeiter Andreas Metzger macht dafür die hohen Kosten verantwortlich, die sich im sechsstelligen Bereich bewegen.

Blaues Wunder mit
der EU-Blume

Kaum bekannt ist die blaue Blume der EU. Sieben Jahre hat Brüssel daran gebastelt - und den Verbrauchern ein blaues Wunder beschert. Das Label gilt nur für T-Shirts und Bettwäsche. Zudem sind die Grenzwerte laxer als bei Öko-Tex.

Den anerkannt konsequentesten Weg geht der Arbeitskreis Naturtextil (Stuttgart), ein Zusammenschluß von 16 alternativen Herstellern. Das von ihnen kreierte Markenzeichen "Naturtextil" erlaubt ausschließlich Rohstoffe aus kontrolliert ökologischem Anbau beziehungsweise artgerechter Tierhaltung. Chemische Hilfsmittel sind auf sämtlichen Stufen der Produktionskette tabu, die Farbpalette ist somit begrenzt. Darüber ' ' hinaus kann sich der Verbraucher auf eine Volldeklaration sämtlicher Stoffe verlassen - das bietet kein anderes Gütezeichen. Zudem werden die sozialen Standards der "Charta für fairen Handel" garantiert: gesetzlicher Mindestlohn, 48-Stunden-Woche, Absicherung bei Krankheit, keine Kinderarbeit.
Zu bekommen ist "Naturtextil" bislang in zwei Kollektionen. Die Pionier-Firmen Living Crafts und Alb Natur zeichneten im Sommer 1996 damit zunächst Unter- und Bettwäsche aus. Die Bilanz kann sich sehen lassen. "Wir haben den Umsatz dieser Baumwollkollektion 1997 im Vergleich mit 1995 verdoppelt", erklärt Björn Eschner, Geschäftsführer von Living Crafts. Vor allem die eingefleischte Kundschaft wisse die Volldeklaration zu schätzen. Um zusätzliche Käufer zu gewinnen, konzentriert sich der Hersteller weitere Aufklärungsarbeit. 1999 steht dann eine Ausweitung auf Nachtwäsche an. Außer bei Alb Natur finden sich die Feinripp-Hemden und -höschen im Programm von Bio Wohli, Kirschke, Greenpeace, Waschbär, Avalon, Naturel sowie im ökologisch orientierten Facheinzelhandel.

"Volldeklaration bedeutet mehr als ein paar Stichworte über kbA und Herkunftsland", grenzt sich Eschner von anderen Konzepten ab. Dementsprechend sei die lückenlose Auflistung sämtlicher Hilfsstoffe, die in der textilen Kette eingesetzt werden, bei Rohweiß-Produkten noch relativ einfach. Auf synthetisch gefärbte Kleider (die allerdings das AKN-Markenzeichen "Naturtextil" sowieso nicht bekommen können) lasse sich das Konzept jedoch nicht ausweiten. Farblos muß ein hundertprozentiges Öko-Kleid trotzdem nicht sein: Indigo, Krappwurzel, Reseda und andere Pflanzen bieten eine Vielfalt von mehr als 60 Farbtönen und sind zum Teil lichtechter als die Produkte der Chemieküche

(Schrot & Korn wird darüber in einer der nächsten Ausgaben ausführlich berichten). Konsequenterweise dürfen beim anspruchsvollsten Label nur Naturfarben an die edlen Stoffe. "Alles andere ist kein hundertprozentiges Ökotextil", meint AKN-Mitglied Ernst Bollhalder, der seit 18 Jahren eine Pflanzenfarben-Färberei in Dornach bei Basel betreibt. In seinen Augen heißt es "Perlen vor die Säue werfen", wenn man kbA-oder KBT-Ware synthetisch färbt.

Ganz aktuell in diesem Frühjahr: Engel zieht mit einer dritten "Naturtextil"-Kollektion nach. Die Reutlinger haben Kinder- und Babywäsche aus kbA-Baumwolle zertifizieren lassen. "Wir wollen für den Verbraucher durchsichtiger werden", wirbt Gabriele Kolompar von Engel fürs Mitmachen. Reine Endproduktkontrollen seien längst nicht mehr zeitgemäß. Außerdem bringe die Gemeinschaftsaktion der alternativen Hersteller und Händler Synergieeffekte. Wenn zum Beispiel eine ' ' Spinnerei erst einmal zertifiziert sei, würden automatisch weitere AKN-Mitglieder dort einkaufen. Somit relativieren sich auch die Kosten des Naturtextil-Labels - pro Kollektion eine fünfstellige Summe.

Freilich ist das AKN-Label keine statische Größe, das wäre der Komplexität der Textilproduktion auch gar nicht angemessen. "Wir sind dabei, die Richtlinien für Zutaten zu überarbeiten, also unter anderem für Nähgarne, elastische Garne und elastische Bänder", bestätigt AKN-Geschäftsführer Frank-Michael Mähle. In der Diskussion ist die Zulassung von Elasthan und synthetischen Garnen mit Baumwollmantel. Das hätte nicht nur produktionstechnische Vorteile, sondern würde darüber hinaus Tragekomfort und Haltbarkeit verbessern. Wobei die geplanten Änderungen auch das Label "Vollmitglied des AKN" betreffen, das insgesamt etwas weniger streng ist, aber bei den Zutaten bislang die Anforderung genauso hoch schraubte.

(Zu) strenge Vorschriften
auf dem Prüfstand

In diesem Frühjahr will der AKN die neue Zutatenliste (und möglicherweise weitere Revisionen) beschließen. Doch selbst bei einer gewissen Lockerung verlieren die beiden Label ihre Funktion als "ökologische Speerspitze" (Mähle) noch lange nicht. "Wenn die Textilien länger halten, ist das auch ökologisch", argumentiert der Geschäftsführer. Das bringe viel mehr als laufend neue Maschen.
Peter Gutting


Neuere Literatur zum Thema
Arbeitskreis Naturtextil: Ökologie und Bekleidung. Deutscher Fachverlag.
Frankfurt a.M., 1993.
Berliner Institut für Analytik und Umweltforschung (BIFAU): Liste der Textilliteratur.
Für DM 20 werden neben 160 bibliographischen Angaben auch Kurzbeschreibungen geliefert. 030/2179202, Fax 030/2166033.
Hingst, W./Mackwitz: Reiz-Wäsche.
Unsere Kleidung: Mode, Gifte, Öko-Look. Campus Verlag, Frankfurt a.M. 1996.
Hessisches Umweltministerium: Wieviel Chemie braucht die Mode? 1997, 36 Seiten, kostenlos. Bezug: gegen Rückporto von
DM 1,50 Umweltministerium, Mainzer Straße 80, 65189 Wiesbaden, Telefon 0611/8151194.
SPD-Bundestagsfraktion: Kleider machen Leute … manchmal krank, 36 Seiten, kostenlos. Bezug: SPD-Fraktionsservice, Bundeshaus, 53113 Bonn.
Stiftung Verbraucherinstitut: Kleidung: Ökologie & Gesundheit - eine Betrachtung der textilen Kette von der Produktion bis zur Entsorgung, 1995. 112 Seiten, DM 23. Bezug: Stiftung Verbraucherinstitut, Reichpietschufer 74-76, 10785 Berlin, Fax 030/25490227
Verbraucher Initiative: Neue Kleider braucht das Land. Broschüre, 8 Seiten, DM 4,- (Brief- marken oder Scheck) Der Stoff aus dem die Kleider sind. Buch, 152 Seiten, DM 18,- Broschüre und Buch können bei der Verbraucher Initiative, Breite Str. 51, 53111 Bonn bestellt werden. (Rechnung oder Verrechnungsscheck)
Voß, Cornelia: Kann denn Mode "öko" sein? Einkaufsleitfaden Naturtextilien, Wissenschaftsladen Bonn, 1995, 98 Seiten,
DM 10.- (mit Verzeichnis der Einkaufsquellen DM 15.-), Bezug: 0228/20161-0.
Ziegler, Juwitha: Chemie in der Kleidung - worauf die Verbraucher achten müssen,
Fischer alternativ, 1995, DM 16,90


Gesundheitstips

  • Melden Sie eine fehlende Materialkennzeichnung den Verbraucherverbänden und Behörden.
  • Meiden Sie Produkte mit den Hinweisen Farbe blutet aus" oder "separat waschen".
    Bezeichnungen wie "sanitized", "bioguard" oder "hygienisch" weisen auf chemische Keulen zur Pilzbekämpfung hin.
  • Pflegeleichte Textilien werden mit formaldehydhaltigen Kunstharzen ausgerüstet. Begriffe wie "bügelfrei", "knitterfrei", "sanfor plus" oder "rapid iron" weisen darauf hin.
  • "Superwash"-Wolle ist meist mit giftigen Chemikalien und Kunstharzen behandelt.
    (Auszug aus einem Faltblatt des Wissenschaftsladens Bonn.
    Weitere Infos unter 0228/201 61-0).


Adressen
Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher Verbände (AgV), Heilsbachstr. 20, 53123 bonn, Tel.: 0228/64 89-0
Arbeitskreis Naturtextil e.V., Hausmannstr. 1, 70188 Stuttgart, Tel.: 0711/23 27 52
(Auf Wunsch bekommen Sie eine Liste aller Hersteller und Versender, die Mitglied des Arbeitskreises sind sowie weiteres Info-Material. Legen Sie Ihrer Bestellung einen an Sie adressierten und mit 3 DM frankierten Briefumschlag in DIN-A-4-Format bei.)
Verbraucher Initiative e.V., Breite Straße 51, 53111 Bonn, Tel.: 0228/726 33 93
Voila Naturtextilien Cecilienstraße 27,
66111 Saarbrücken. Tel.:0681/390205. (Auf Wunsch bekommen Sie eine Liste von Einzelhandelsgeschäften in der Bundesrepublik, in denen Ökomode-Artikel erhältlich sind. Legen Sie Ihrer Bitte einen an Sie adressierten und mit 1,10 DM frankierten Briefumschlag bei.)
Wissenschaftsladen Bonn e.V., Buschstr. 85, 53113 Bonn, Tel.: 0228/201 61-0

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