Rote Karte für die Gentechnik - Schrot und Korn

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Rote Karte für die Gentechnik

Rote Karte für die Gentechnik


Man sieht es nicht, man riecht es nicht, man schmeckt es nicht. Ob einem Nahrungsmittel ein fremdes Gen eingepflanzt wurde, können die menschlichen Sinne nicht wahrnehmen. Dennoch oder gerade deshalb regt sich Widerstand gegen die Gentechnik. Umweltverbände und Naturkostbranche lehnen Manipulationen am Erbmaterial für Lebensmittel strikt ab und stellen nun ein Kontrollverfahren auf die Beine, das Gentechnikfreiheit garantieren soll.

"Zeigen Sie Ihrem Lebensmittelhändler die gelbe Karte", appelliert Greenpeace seit April an die Verbraucher. In der Aktion "EinkaufsNetz" fordern die Umweltschützer zum Protest gegen gentechnisch veränderte Nahrungsmittel auf. "Wer verhindern möchte, daß manipuliertes Design-Food auf seinem Eßtisch landet, kann sich in unsere Listen eintragen und die gelbe Karte als letzte Warnung Ladeninhabern geben," erklärt Thomas Kerstan von Greenpeace. Er freut sich über die Resonanz: 150 000 Gentechnikgegner haben sich bisher ins EinkaufsNetz eingetragen und sorgten dafür, daß die deutschen Hersteller die Notbremse zogen. Sie verschickten Appeacement-Briefe, in denen sie beteuerten bis Ende 1997 auf Rohprodukte zu verzichten, in deren Erbgut eingegriffen wurde. Kerstan wertet dies als Teilerfolg. Die Gen-Geschäfte ließen sich allerdings kaum stoppen, zumal die Industrie ihre Sympathie dafür nicht verhehle.

Lockere Bekenntnisse der Industrie häufen sich, obwohl nur eine Minderheit Essen von den Labor-Food-Designern aufgetischt bekommen möchte. In einer Forsa-Umfrage haben sich 77 Prozent der Befragten generell gegen Gen-Nahrung ausgesprochen, gar 94 Prozent forderten eine strikte Kennzeichnung entsprechender Lebensmittel. Allergiker haben Angst vor dem Russisch Roulette, wenn etwa in Sojabohnen Erbinformationen aus Nüssen, gegen die ihr Körper rebelliert, eingeschleust werden, oder Gene aus Schimmelpilzen Obst und Gemüse unempfindlich gegen Unkrautvernichtungsmittel und Schädlinge machen.

Aber nicht nur sie können zu Opfern der neuen Technologie werden. Umwelt- und Naturschützer warnen vor einem Himmelfahrtskommando auf den Feldern. "Das Argument, daß die Landwirte mit Hilfe von genetisch verändertem Saatgut ihre Erträge erhöhen, ist sehr kurzsichtig. Niemand weiß, was in 20 oder 50 Jahren passiert, wenn nicht auch die ökologischen Folgen betrachtet werden", gibt Robert Hermanowski von der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau (AGÖL) zu bedenken. Ebenfalls unbekannt sei, so Beatrix Tappeser und Claudia Eckelkamp vom Öko-Institut in Freiburg, welche Risiken durch den Gentransfer selbst für Menschen bestehen, die nicht an Allergien leiden. Wenn Pflanzen nämlich immun gegen ein Unkrautvernichtungsmittel gemacht würden, bildeten sie Eiweiße, die das Herbizid abbauten. Wie diese Eiweiße auf den menschlichen Organismus wirkten, habe noch niemand erforscht. Und Jens Katzek vom BUND verweist auf die sozioökonomischen Nachteile: "Mit der Gentechnik fördern wir die intensive Landwirtschaft, die auf Kosten der kleinen Bauern geht."

In den USA hat derweil der Großeinsatz manipulierten Saatguts begonnen. Sechs Prozent der amerikanischen Soja-Ernte stammte im vergangenen Jahr von Äckern mit "Round-up-Ready-Soybeans", Eiweißpflanzen, denen ein bakterielles Gen eingeflößt wurde, das sie gegen das Herbizid mit dem Namen Round-up-Ready feit. 8 000 der 300 000 amerikanischen Soja-Farmer haben bereits beim Gensamenhersteller eingekauft. 27 verschiedene Nutzpflanzen, in die Labortechniker fremde Erbanlagen eingebracht haben, sind heute schon in den USA zugelassen. Es handelt sich unter anderem um Baumwolle, Kartoffeln, Kürbisse, Mais, Papaya, Raps und Tomaten. Deutsche Forscher experimentieren seit 1990 mit transgenen Pflanzen außerhalb der Labors. Es gibt Freilandversuche mit Raps, Mais, Zuckerrüben, Tabak, Petunien und Pappeln.

Novel-Food-Verordnung im Kreuzfeuer der Kritik

Die EU bemüht sich, die Inflation von Erzeugnissen aus dem Genlabor mit einem Regelwerk in geordnete Bahnen zu lenken. Nach acht Jahren Verhandlungen ist die Novel-Food-Verordnung am 14. Mai in Kraft getreten. Sie legt fest, wann gentechnisch veränderte Produkte gekennzeichnet werden müssen. Umweltschutzorganisationen und die Naturkostbranche kritisieren die vielen Schlupflöcher und Unklarheiten des Gesetzes. 80 bis 90 Prozent der Nahrungsmittel fielen durch das Netz der Kennzeichnungspflicht. Manipulierte Enzyme, Zusatzstoffe und Aromen erhielten einen Freibrief. Die Anti-Matsch-Tomate müsse zwar ein Hinweisschild tragen, nicht aber das aus ihr hergestellte Ketchup, wenn es sich von herkömmlichen nicht wesentlich unterscheide. Gleiches gelte für Zucker aus transgenen Zuckerrüben und die meisten Produkte aus der Labor-Soja. Immerhin betrifft dies 20.000 bis 30.000 Lebensmittel. Denn Sojabestandteile finden sich in Backwaren, Konfekt, Tütensuppen, Instantgetränken, Margarine, Mayonnaise, Kartoffelchips und Salatdressing. Soja-Lecithin ist zudem als Emulgator in der Lebensmittelindustrie äußerst beliebt.

Hinzu kommt, daß die EU-Verordnung für ökologischen Landbau Genmanipulationen an Pflanzen und Saatgut bisher noch nicht verbietet. Diese Lücke, so die Geschäftsführerin der AGÖL, Manon Haccius, werde jedoch bald geschlossen. "Wir rechnen in der zweiten Jahreshälfte 1998 mit einer entsprechenden Regelung." Außerdem untersage die ÄGÖL, unter deren Dach die Verbände des ökologischen Landbaus zusammengeschlossen sind, durch ihre Richtlinien weltweit, Saatgut zu verwenden, in das fremdes Erbmaterial eingeschleust worden sei. Für einen Bio-Bauern mache es sowieso keinen Sinn, sich mit herbizidresistenten Samen einzudecken, denn ökologisch erzeugtes Obst und Gemüse brauche gegen Unkrautvernichtungsmittel nicht abgehärtet zu werden. Sie sind auf Öko-Äckern tabu.

Konsequent gegen Gentechnik

Trotzdem wollen sich die Verbände des kontrolliert biologischen Anbaus und die Naturkostbranche noch konsequenter gegen die Gentech-Lebensmittel abschotten. Der BUND gibt Ende diesen Jahres ein Label für Lebensmittel heraus, die ohne den Einsatz von Gentechnik hergestellt wurden. "Unser Ziel ist, ein richtiges Marktsegment für solche Produkte zu schaffen", erklärt Jens Katzek. Gemeinsam mit Experten aus dem Öko-Bereich sowie zwei Vertretern der konventionellen Lebensmittelindustrie diskutiert er derzeit, welche Kriterien für die Vergabe des Labels aufgestellt werden.

An der Planung beteiligen sich die AGÖL und die Bundesverbände Naturkost Naturwaren (BNN), dem 430 Naturkostläden, 30 Großhändler und 49 Hersteller angehören. "Um die Gentechnikfreiheit nachzuweisen, wird es zwei verschiedene Kontrollverfahren geben, zum einen chemische Analysen, zum anderen Prozeßkontrollen", erläutert Klaus Wagener von den BNN die Vorgehensweise. Auch wenn die Analytik bereits sehr weit gediehen ist - im Labor lassen sich Spuren bis zu vier Stellen hinter dem Komma nachweisen oder anders ausgedrückt: unter 5 000 Soja-Bohnen kann man eine einzige Gen-Bohne entlarven -, hält es der BNN-Experte für wichtig, Herstellern und Landwirten in die Bücher zu schauen. Es gelte nachzuforschen, woher der Bauer sein Saatgut und seine Futtermittel beziehe, oder auf welche Zusatzstoffe ein Produzent zurückgreife und von wem er sie geliefert bekomme. Denn der Analytiker könne nicht mehr nachvollziehen, ob zum Beispiel Sojaöl oder Lecithin von einer Labor-Bohne abstamme. "Mit der doppelten Kontrolle gewinnen wir eine ähnliche Sicherheit wie bei Bio-Produkten", ist Wagener optimistisch.

Ein paar Wermutstropfen heißt es dennoch zu schlucken: Wer mit einem Elektronenraster nach Fremdgenen fahndet, wird mittlerweile in vielen Fällen fündig. "Wir stoßen manchmal auf beinahe schon philosophische Fragen", erzählt Hermanowski. Ein skurriles Beispiel: Gilt die Milch einer Kuh etwa als gentechnisch belastet, wenn der Bauer das Tier an einem Gen-Maisfeld vorbeitreibt, und es einen Maiskolben nascht? Die Urheber des neuen Labels müßten daher Grenzen definieren, innerhalb derer sie praktisch handeln können.

Ein wichtiger Schritt für die Naturkostbranche sei, so Hermanowski, möglichst viele konventionelle Produkte zu verbannen und die ökologische Einkaufskette zu schließen. Konkret bedeutet das, die Entwicklung von Öko-Hefe, biologischem Saatgut und Soja zu forcieren. Lecithin, das sich in Kakao- und Carobprodukten, Backwaren und Margarine findet, soll in Zukunft nur noch aus kbA-Soja oder Sonnenblumen gewonnen werden.

Enzyme, Vitamine und Aromen zählen ebenfalls zu den Einfallstoren, über sich die sogenannte Biotechnik eingeschleicht. Gentechnisch produzierte Enzyme und Aminosäuren mobilisieren bei konventionellen Produkten ein Drittel aller Fermentationsprozesse, durch die Käse, Alkoholika, Stärke und Backwaren hergestellt werden. Das Bundesgesundheitsministerium hat außerdem Mitte März grünes Licht für Gen-Chymosin gegeben: Die Einfuhr und das In-den-Verkehr-Bringen des künstlichen Labs, das zur Herstellung von Käse dient, ist somit gestattet.

"Wir stellen derzeit eine Liste sämtlicher Enzyme zusammen, die im Bio-Bereich eingesetzt werden", berichtet Wagener. Davon betroffen seien Säfte, Reisdrinks, Getreidesirup und Milchprodukte. Die Tatsache, daß die AGÖL- und BNN-Richtlinien nur etwa 30 Enzyme zulassen, erleichtert die Arbeit. "Bis Ende 1998 können wir bei den Enzymen Gentechnikfreiheit garantieren", lautet Wageners Fazit. Und er sieht darin auch Vorteile für kleine Hersteller: Sie bekämen jetzt eine neue Chance sich zu profilieren, wenn sie eine andere Qualität als die Monopolisten anböten.

Probleme bei Vitaminen und Aromastoffen

Wesentlich komplizierter sei es bei Vitaminen auszuschließen, daß Erbmaterial hin- und hergeschoben worden sei, und beinahe hoffnungslos schätzt Wagener den Bereich der Aromastoffe ein. Natürliche Aromen, wie sie auf den Zutatenlisten stünden, gebe es im eigentlichen Sinn nicht. Laut Aroma-Verordnung müßten die Grundsubstanzen zwar pflanzlicher oder tierischer Natur sein. Das natürliche Aroma basiere aber meist nicht auf einer Frucht wie etwa der Himbeere. Als Ausgangsstoffe dienten Kartoffelschalen oder Holzabfälle. Mit im Spiel bei der Extraktion von Aromen seien Enzyme und Mikroorganismen, die der Gentechnik Tür und Tor öffneten.

Robert Hermanowski warnt allerdings vor übermäßigem Pessimismus: "Gerade die Industrie will uns suggerieren, daß Gentechnik mittlerweile überall und unvermeidbar ist. Das stimmt nicht." Zwar tauchten hier und da Produkte auf, die in ihrem Erbmaterial verändert worden seien, aber die ganze Welt sei noch nicht davon erfaßt. Vielmehr nutze die Lebensmittelbranche solche Gerüchte dazu, eigene Interessen durchzusetzen. Und diese sieht Katzek klar umrissen: "Die Befürworter von Gentechnik wollen die Industrialisierung der Lebensmittelverarbeitung und die Intensivierung der Landwirtschaft forcieren.

Astrid Möslinger


Adressen und Aktionen

  • Das Gen-ethische Netzwerk, das 1986 gegründet wurde, hat sich zur Aufgabe gemacht, über Gen- und Fortpflanzungstechnologien zu informieren und Kontakte zu vermitteln. Die Organisation hat eine Faltblattserie zum Thema "Essen aus dem Genlabor" herausgebracht. Adresse: Gen-ethisches Netzwerk, Schöneweider Straße 3, 12055 Berlin, Tel.: 030/6857073, Fax: 030/6841183, email: GeNBerlin@aol.com.
  • Wer sich in das EinkaufsNetz von Greenpeace einträgt, erhält kostenlos Adressen von Händlern, die gentechnikfreie Lebensmittel verkaufen. Adresse: Greenpeace EinkaufsNetz, 22745 Hamburg, Tel.: 0180/5223843, Fax: 040/30631111, email: mail@greenpeace.de, Internet: http://www.greenpeace.de.
  • Die Verbraucherrundschau 6/97 widmet sich dem Thema "Nahrung aus dem Genlabor - Grundlagen, Nutzen, Risiken". Die Broschüre ist zu beziehen über die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände, Heilsbachstraße 20, 53123 Bonn, Tel.: 0228/64890, Fax: 0228/644258.

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