Kein Essen aus dem Gen-Labor! - Schrot und Korn

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Kein Essen aus dem Gen-Labor!

Benny Härlin ist Leiter des Berliner Büros von Greenpeace. Der 40jährige Bereichsleiter für Chemie setzt sich mit diesem Kommentar und in der Green- peace-Kampagne gegen Gen-Food für gesunde Lebensmittel ein.

Erstmals soll jetzt ein gentechnisch verändertes Grundnahrungsmittel in großem Stile an Mensch und Tier verfüttert werden. Ein bis zwei Prozent der Sojabohnen aus den USA sind bei der diesjährigen Ernte etwas anders als normalerweise: Sie stammen von dem Chemiemulti "Monsanto" und sind gegen dessen Totalherbizid "Roundup" resistent: Alle Pflanzen, die mit Roundup besprüht werden, sterben ab, nur nicht "RRS" - die "Roundup Ready Soybean". Dafür sorgen Gene eines Bakteriums, einer Petunienart und eines Virus, die in das Erbgut der Bohne eingeschleust wurden.

"Soja? Det jibt's nur im Reformhaus", erzählt die Verkäuferin im Supermarkt. Weit gefehlt. Versuchen Sie es mal in Ihrer Küche: Fangen Sie beim Bratfett an, dann weiter zu Margarine und Mayonnaise, Suppen, Teigwaren, Tiefkühlkost, den Fischkonserven, Backwaren. Oder nehmen Sie Schokolade und Babynahrung. Suchen Sie im Kleingedruckten nach den Hinweisen "Sojaöl", "Sojamehl", "pflanzliche Öle" (40 Prozent Soja), "Emulgatoren" oder "Lecithin" (98 Prozent Soja).

Soja ist ein Grundstoff der modernen Nahrungsmittelproduktion. Soja macht mehr als die Hälfte aller Ölsaaten aus, ist die wichtigste Proteinquelle der Welternährung und wird, wie viele Grundnahrungsmittel, die den Hunger der Welt stillen könnten, zu 80 Prozent als Viehfutter eingesetzt.

Ist die gentechnisch veränderte Sojabohne gefährlich? Wird sie zu Allergien, zur Verbreitung von pestizidresistentem "Super-Unkraut" oder zu sonstigen ökologischen "Störfällen" führen, von denen sich Wissenschaftler heute noch so wenig träumen lassen wie einstmals von der Ozonschichtzerstörung durch FCKW?

Die Wahrscheinlichkeit ist gering, doch die Möglichkeit besteht. Sicher ist, daß gentechnisch erzeugte Organismen Probleme machen können, die im Vergleich zu bisherigen Schadstoffen eine neue Qualität haben: Sie vermehren sich von selbst. Weder chemische und mechanische, noch agrar- oder forstwirtschaftliche Methoden garantieren einen Erfolg bei der Schadensbekämpfung. Statt dessen muß womöglich wieder auf Gentechnik zurückgegriffen werden. Und dabei könnte rasch die typische Technik-Spirale entstehen: Zur Lösung eines Problemes werden neue verursacht, deren Lösung wiederum …

Sicher ist auch, daß die Genforscher nicht garantieren können, daß sie ihre "Schöpfungen" unter Kontrolle haben. Das Gentech-Produkt sei so gut wie "identisch" mit natürlichen Sojabohnen, behauptet Monsanto. Doch Natur und Gentechnik funktionieren nach völlig verschiedenen Prinzipien.

Im industriellen Konzept der Gentechnik ist der Fehler ein Störfall, der nicht passieren darf. In der Natur ist er eines der wichtigsten Erfolgsrezepte: Die "fehlerhafte" Abweichung vom genetischen Bauplan ist die Antriebsfeder evolutionärer Entwicklung. Aus unzähligen Mutationen setzen sich Merkmale durch, die ihren Trägern einen Vorteil, zumindest keinen Nachteil fürs Überleben in ihrer ökologischen Nische bieten. Der Fehler ist also die Grundlage der natürlichen Artenvielfalt.

Alle noch so ausgefeilten Sicherheitskonzepte und Risikoanalysen der Gentechniker werden nicht ausreichen, um die Evolution sozusagen zum Stillstand und ihre Prinzipien zur Umkehr zu bewegen. Die "Erfolgsbilanz" des Gentech-Konzerns Monsanto bestätigt das eindrucksvoll: Eine gentechnisch gegen den "Baumwoll-Bohrer" resistent gemachte Baumwollpflanze wird von eben diesem Wurm weiterhin vertilgt.

Die von Monsanto auf den US-Markt gedrückte "Kuh-Droge" rBST, ein gentechnisch produziertes Wachstumshormon, das Rindern zur Steigerung der Milchleistung gespritzt wird, steht kurz vor dem Aus, weil die Zahl der erkrankten Tiere rapide angestiegen ist. Und auch Monsantos "unverfaulbare" Gentech-Tomate erweist sich wegen Verarbeitungsproblemen und enttäuschten Kunden als Flop. Denn die Vitamine entweichen aus der Kunsttomate ebenso schnell wie aus ihren normalsterblichen Artgenossinnen.

Fast möchte man prophezeien: Falls mit der Sojabohne keine Probleme auftreten, wäre dies ein echter Ausnahmefall. Aber was soll denn diesmal schief gehen? Das Problem ist: Monsanto weiß es nicht.

Gravierende Schäden könnten sich erst nach vielen Generationen, unter bestimmten Umweltbedingungen oder als Ergebnis komplexer Kettenreaktionen einstellen. Erbinformationen sind nicht einfach und "schnell abbaubar", wie dies Monsanto von seinem Pflanzengift "Roundup" behauptet.

Behörden, Umweltschützer und Verbraucher stehen möglicherweise schon bald vor dem gleichen Problem, mit dem sie sich heute bei chemischen Umweltgiften herumschlagen. Erst wenn sie der chemischen Industrie die Schadwirkung einer Chemikalie kausal nachweisen, ist diese bereit, unter großem Gezeter auf den weiteren Einsatz nach und nach zu verzichten.

Überall, wo dieser Beweis nicht möglich ist, vergifteten die Chemiekonzerne die Umwelt ungerührt weiter. Noch kann jeder Verbraucher auf dieses Vabanque-Spiel mit dem Leben eine einfache Antwort geben: "Nein danke!"

Sie habe sich wegen der Soja-Gene erkundigt, sagte mir die nette Verkäuferin neulich: "Machen'se sich keene Sorgen. Die Jeschäftsleitung ist ooch dagegen, wejen det Vertrauen der Kundschaft und wejen Greenpeace."

 

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