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"Morgens Frankfurt, mittags Rom, abends tot"

Plakataktion des Deutsche Tierschutzbundes

Tiertransporte - Leiden für den Profit

Schlachttiertransporte sind nach Meinung von Tierschützern eine Quelle unsäglichen Leides. Um dies zu beenden, fordern sie schärfere Gesetze und mehr Kontrollen. Im Zentrum der Kritik steht die konventionelle Landwirtschaft. Bei Öko-Bauern sind kurze Transportwege und Rücksicht auf die Tiere dagegen längst in den Richtlinien verankert.

Rund 250 Millionen Schlachttiere werden jährlich quer durch Europa transportiert, unter oft unwürdigen Bedingungen. Tierschützer machen seit langem auf dieses Problem aufmerksam, das viele Verbraucher gerne verdrängen. Dem Steak auf dem Teller sieht man die Leiden der Kreatur nicht an. Immer dann, wenn Bilder von eng zusammengepferchten, halb verdursteten, schwer verletzten oder kranken und toten Tieren über die Mattscheibe flimmern, ist die Empörung jedoch groß. Mehr als sechs Millionen Europäer schlossen sich per Unterschrift dem Protest des Deutschen Tierschutzbundes gegen die "grausamen Ferntransporte" an, die - je nach Zielort - bis zu 70 Stunden dauern können. Lebende Rinder, Schweine, Schafe, Pferde und Hühner werden von Bayern nach Spanien, von Schleswig-Holstein nach Neapel, nach Nordafrika oder in den Nahen Osten verfrachtet, wie empfindungslose Gepäckstücke auf LKWs, in Zugwaggons oder per Schiff. Zwar haben die wegen BSE und der Maul- und Klauenseuche (MKS) verhängten Transportstopps das Ausmaß der Misere etwas eingedämmt, einen echten Kurswechsel signalisieren sie aber nicht.

EU-Tiertransport-Richtlinie in Kritik

Auch die 1997 in Kraft getretene EU-Tiertransport-Richtlinie hat anscheinend kaum zu Verbesserungen geführt. Dass die Versorgungs- und Ruhezeiten nicht eingehalten werden, die Tiere nicht ausreichend zu trinken bekommen, viele Fahrzeuge ungeeignet sind und vor allem systematische Kontrollen fehlen, wird von den Tierschutzorganisationen unisono beklagt. Immer noch werden Tiere beim Verladen mit Elektrotreibern misshandelt oder "wie ein Stück Müll" brutal an den Beinen vom Kran hochgehievt, wie Filmaufnahmen belegen. Und wenn ein Vierbeiner nach diversen Qualen auf hoher See stirbt, so berichten Matrosen, wirft man ihn einfach über Bord.

Leiden für den Profit

Die Frage, warum man Schlachttieren all dies zumutet, ist schnell beantwortet: Neben der Zentralisierung der Schlachthöfe sieht der Deutsche Tierschutzbund e.V. einen der Hauptgründe in "finanziellen Anreizen". Schlachttiere werden dorthin transportiert, wo man den größten Verkaufserlös erzielen kann, die Entfernung ist da fast schon egal. Und weil die europäischen Preise auf dem Weltmarkt nicht konkurrieren können, subventioniert die EU bereitwillig den Export von Rindern in so genannte Drittländer (s. Kasten "Marktsteuerung" nach EU-Art). Zusätzlich tragen niedrige Einkaufspreise für Schlachttiere in Ost- und hohe Profite bei ihrem Absatz in Westeuropa zum ständigen Drehen des Transportkarussells bei.

Mit der Plakataktion "Morgens Frankfurt, mittags Rom, abends tot" hat der Deutsche Tierschutzbund ein generelles Verbot grenzüberschreitender Schlachttiertransporte gefordert. Auch sollten die EU-Subventionen gestrichen und kein Tier weiter als bis zum nächstgelegenen Schlachthof gefahren werden (maximal vier Stunden). Bisher ein frommer Wunsch. Zwar treten einzelne Politiker wie die nordrhein-westfälische Umweltministerin Bärbel Höhn und die neue Verbraucherschutzministerin Renate Künast für eine Begrenzung der Transportzeit auf maximal vier Stunden sowie eine ersatzlose Streichung der EU-Gelder ein. Ein Fraktionsbeschluss der Grünen stützt diesen Kurs. Doch nationale Alleingänge sind nicht zu erwarten, und rühmliche Ausnahmen ändern für Ulrich Dittmann vom Arbeitskreis für Umweltschutz und Tierschutz insgesamt nichts am Versagen der Politik. "Europas Unglück" buchstabiert Dittmann die Abkürzung EU, von den "Berliner Marionetten der Eurokraten in Brüssel" erwartet er wenig Hilfe. Die Tierschützer müssten "maximale Forderungen stellen", denn in der Praxis würden stets nur minimale Resultate erzielt.

"Qualvermeidung", so Vegetarier Dittmann, sei so lange bloßes Wunschdenken, wie ein Großteil der Bevölkerung auf Fleischverzehr bestehe. Kurzfristig realistisch nennt er dagegen die "Qualverminderung", zu erreichen durch artgerechte Tierhaltung und keine oder möglichst kurze Transporte. Eine überflüssige Barbarei ist für Dittmann das betäubungslose Schächten, das den exportierten Tieren vor allem in arabischen und nordafrikanischen Ländern droht. Hubert Hirscher, gelernter Landwirt, ehemaliger Fernfahrer und heute Aktivist des Vereins gegen tierquälerische Massentierhaltung (VgtM) im Salzburger Land, wünscht sich härteres Vorgehen gegen diese "Form der Tierquälerei" auch in Westeuropa. Die Öffentlichkeit nehme das betäubungslose Schächten meist kommentarlos hin.

Hirscher beobachtet seit Jahren die Transitstrecke Nord-Süd und ist - wie manche seiner Gesinnungsfreunde - schon vielen Lastern nachgefahren und hat bei Verdacht auf Gesetzesverstöße die Behörden alarmiert. Doch Zollbeamte und Gendarmen seien auf Tierschützer und Demonstranten nicht gut zu sprechen und kontrollierten sie strenger als die wahren Übeltäter. Immerhin sei vor kurzem erstmals ein LKW-Lenker, den er bei Tacho-Manipulationen erwischt hatte, vom Gericht zu einer Haftstrafe und zur Zahlung von Schmerzensgeld verurteilt worden. Hirscher selbst will schon Morddrohungen von Fahrern erhalten haben und musste sich nach eigener Aussage mehrfach gegen Angriffe wehren.

Iris Baumgärtner von der Tierschutzorganisation Animals Angels hat anderes erlebt. Viele Fahrer seien zwar verunsichert oder genervt und machten dumme Bemerkungen. Gefährlich sei es für sie aber noch nicht geworden, und auch die deutsche Autobahnpolizei zeige sich meist kooperativ. Nicht immer sei im übrigen der Spediteur der Schuldige, wenn Tiere unterwegs leiden. Häufig kämen sie bereits in schlechtem Zustand aus der Haltung heraus. Hier sei es "Sache eines verantwortungsbewussten Fahrers zu sagen, dieses Tier nehme ich nicht mit". Glaubt man dem Bonner Viehtransporteur Mathias Hefter, so ist seine Branche ohnehin besser als ihr Ruf. "Schwarze Schafe" gebe es schon, aber im Großen und Ganzen würden "die Vorschriften eingehalten". Hefter verweist auf den "weltweiten Konkurrenzdruck" und hält nichts von härteren Auflagen: "Da können Sie gleich den freien Handel einschränken". Tierschutz ja, sagt Hefter, aber nur im internationalen Konsens. "Es nutzt nichts hier Barrieren aufzubauen, die außerhalb Europas nicht gelten".

Bahn stellt Tiertransporte ein

Eine halbwegs tiergerechte und ökologische Alternative zum LKW-Transport versprachen sich manche Tierschützer in der Beförderung per Zug. Laut einer Pressemitteilung der Deutschen Bahn AG hatte sich die Nachfrage nach Schienentransporten bis Ende 2000 zunächst verdoppelt. Die Zahl der beförderten Rinder stieg von rund 17.000 auf 35.000. Doch auch die Bahn rief bald die Kritiker auf den Plan. "Unzumutbare Zustände" in den Verladehäfen Husum und Emden hielt der Dokumentarfilmer Manfred Karremann mit seiner Kamera fest. Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Wolfgang Apel, griff die Bahn als "Mittäter" scharf an. Doch die berief sich auf die "Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen", sprach von "schonungsvollerem Transport" im Vergleich mit dem LKW und wies die Vorwürfe zurück. Noch im Dezember sah man "keinen Sinn darin, Verlader, die sich von sich aus an uns wenden, nun wieder auf die Straße zu verweisen". Schnee von Gestern, könnte man sagen. "Die Deutsche Bahn wird keine Tiertransporte mehr durchführen", ließ der Vorstand der DB Cargo AG im März wissen. Da wegen BSE und MKS im Moment ohnehin kaum noch Tiertransporte stattfänden, sei jetzt "die richtige Zeit, einen Schnitt zu machen". Als Hauptgrund für die Entscheidung nannte man "einseitige und nicht gerechtfertigte Kritik". Bei dem hochemotionalen Thema wollte die Bahn nicht weiter den "öffentlichen Prügelknaben" abgeben.

Macht der Verbraucher

Zum alleinigen Buhmann möchte Iris Baumgärtner auch den Verbraucher nicht stempeln, obwohl er in der Vergangenheit genauso versagt habe wie die Politik. "Letztendlich entscheidet beim Einkauf der Geldbeutel", so ihre ernüchternde Erfahrung im Bekanntenkreis. Wie viele aktive Tierschützer ernährt sich Baumgärtner fleischlos, andere missionieren will sie jedoch nicht. Der Deutsche Tierschutzbund hält es prinzipiell für möglich, die Tierquälerei bei Schlachttiertransporten zu beenden, ohne ganz auf den Fleischverzehr zu verzichten. Sein Appell: "Schränken Sie den Fleischkonsum ein und kaufen Sie kein Billigfleisch". Zusammen mit dem BUND, der Verbraucher Initiative und anderen Gruppen hat man den Neuland-Verein für tiergerechte und umweltschonende Nutztierhaltung gegründet und ein eigenständiges Markenfleischprogramm aufgebaut. Nicht alles ist hier Bio, aber Qualität steht oben an.

Öko-Tiere im Vorteil

Dass Vegetarier auch in Öko-Fleisch nicht mehr sehen wollen, als ein "kleineres Übel" (Baumgärtner), ist verständlich. Wer Bio-Fleisch kauft, erspart dem Tier zwar nicht das Sterben durch Menschenhand, aber eine Menge vermeidbarer Qualen. In den Richtlinien Erzeugung des Demeter-Bundes widmet man dem Schlachten von Tieren besondere Aufmerksamkeit. "Man muss sich bewusst machen, dass zu Beginn der Fleischverarbeitung der Tod eines beseelten Wesens steht". Angst, Stress, Durst und Schmerzen seien zu vermeiden. Die Transportwege sollten so kurz wie möglich sein, geschlachtet wird meist in der Region (Umkreis von 50 km). Allein zum Befördern von Zuchttieren seien gelegentlich überregionale Transporte über 200 km notwendig. Das Antreiben mit Stromstößen ist ebenso wie die Verabreichung allopathischer (schulmedizinischer) Beruhigungsmittel untersagt. Dr. Jochen Leopold, Leiter der Fachgruppe Demeter-Richtlinien, ist "kein Fall bekannt, wo Demeter-Schlachttiere lebend über die deutsche Grenze transportiert wurden".

Ähnlich streng sind die Verarbeitungsrichtlinien Fleisch und Fleischerzeugnisse bei Bioland. Um das Leid der Kreatur zu minimieren, müsse auch das mit Transport und Schlachtung beauftragte Personal über Kenntnisse und Fertigkeiten im Umgang mit Tieren verfügen, heißt es hier. Nach Möglichkeit sollten der Tierbesitzer oder der Metzger den Transport begleiten. Die maximale Transportzeit beträgt 4 Stunden, die größte Entfernung 200 km. Auch die getrennte Unterbringung verschiedener Tierarten, Ruhezeiten vor dem Schlachten (bei Schweinen) und eine Berieselung (Abkühlung) bei hohen Temperaturen sowie eine wirkungsvolle Betäubung sind klar geregelt. Die Vorschriften anderer Verbände wie Naturland oder Biopark stimmen mit den erwähnten weitgehend überein. "Bei Erzeugern mit Öko- oder Neuland-Siegel kann man sicher sein, dass sie nicht am schmutzigen Transportgeschäft beteiligt sind", ist selbst Thomas Schröder, der Pressesprecher des Deutschen Tierschutzbundes, überzeugt.

Nach Aussage von Ralf Alsfeld, Ressortleiter Öffentlichkeitsarbeit bei Bioland, trugen nicht zuletzt internationale Schlachttiertransporte zur schnellen Verbreitung von BSE und MKS bei. Das Agrarbündnis, eine Kooperation von Öko-Verbänden, Umwelt- und Tierschützern, macht sich seit Jahren für eine Wiedereinrichtung dezentraler Schlachthöfe stark. Noch einen Schritt weiter geht Mobiles Schlachten - Verein für humanes Schlachten ohne Tiertransporte in Lauterbach. "Wir wollen den Schlachthof zum Tier bringen", erklärt Vorstandsmitglied Michael Poschen. Bisher sind die Pläne aber nur Theorie. Zwar hat man mit zwei Fachfirmen verhandelt, aber noch keine Finanzierung auf die Beine gestellt.

Stress mindert Fleischqualität

Ein Schlachten direkt beim Bauern würde nicht nur die Tiere schonen, sondern auch die Fleischqualität verbessern, glaubt Poschen. Studien der Fleischforschungsanstalt Kulmbach und der Universität Wien hätten gezeigt, dass bei reduziertem Stress und langsamerer Reifung weniger minderwertiges, wässriges Fleisch entsteht, das in der Pfanne nicht schrumpft und besser schmeckt. Auch der promovierte Physiker Fritz-Albert Popp hat mit seiner Biophotonen-Analyse Fleisch aus dem Supermarkt mit dem vom Bio-Bauern verglichen und dabei deutliche Unterschiede festgestellt. Nur sei es noch nicht gelungen, diese schlüssig zu interpretieren. Dem alleinigen Faktor Stress, so Popp, sei bisher noch kein Wissenschaftler nachgegangen. In diesem Punkt bestehe noch Forschungsbedarf.

Hans Krautstein

EU-Tiertransport-Richtlinie: Nur ein "fauler Kompromiss"?

Nur im Inland und bei Fahrzeugen ohne Tränkemöglichkeit sind die Schlachttiertransporte auf 8 Stunden begrenzt. In besser ausgestatteten Fahrzeugen (mit Belüftung, Einstreu, Wasser) sind Langstreckentransporte weiterhin zulässig. Je nach Alter und Tierart kann die Fahrt zwischen 19 und 29 Stunden dauern, mit einer einstündigen Pause. Werden die Tiere dann für 24 Stunden abgeladen und in einer der wenigen Versorgungsstationen gefüttert und getränkt, ist eine Fortsetzung des Transports über mehrere Tage möglich. Eine Höchstbegrenzung der Transportdauer gibt es nicht. Tierschützer sehen in dieser Regelung, die viele Ausnahmen gestattet, einen "faulen Kompromiss".

"Marktsteuerung" nach EU-Art

Mit jährlich rund 400 Millionen Mark unterstützt die EU den Transport von Rindern in außereuropäische "Drittländer", dies hat der Bund der Steuerzahler errechnet. Die so genannte "Ausfuhr-Erstattung" schwankt je nach Lage auf dem Weltmarkt zwischen 500 und 700 Mark pro Tier. Eine komplette LKW-Ladung bringt so neben dem normalen Verkaufserlös zusätzlich bis zu 45.000 Mark Profit. Diese mit öffentlichen Geldern finanzierte "Marktsteuerung" diene allein dem Abbau europäischer Rindfleisch-Überschüsse, behaupten Kritiker. Andere Gründe für den Lebend-Export wie mangelnde Kühlketten in Afrika oder Nahost, der Wunsch nach Verarbeitung aller Schlachtnebenprodukte und religiöse Traditionen seien nur vorgeschoben.

In den Genuss der EU-Gelder kommt der Spediteur theoretisch nur dann, wenn die Rinder am Zielort noch leben. "Hauptsache, das Tier röchelt noch", kommentiert Thomas Schröder, Pressesprecher des Deutschen Tierschutzbundes, die "zynische Philosophie", die sich hinter der Subventions-Praxis verbirgt. Fakt ist, dass auch dann gezahlt wird, wenn der Spediteur nachweisen kann, dass er nicht Schuld ist am Tod der Tiere. Dies scheint aber ebenso schwer kontrollierbar zu sein wie der häufige Subventionsbetrug, der durch die Fälschung von Transportlisten und die Umdeklaration von billigen Schlacht- zu teuren Zuchttieren entsteht. Der internationale Viehhandel, so das Fazit eines deutschen Veterinärs, stehe dem Drogen- und Waffenhandel an Skrupellosigkeit kaum nach.

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