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Glamour geht auch Öko-Fair

@  Svenja Klassert/bio verlag
Die Modenschau „Greenshowroom Selected“ im E-Werk Berlin Mitte. @ Svenja Klassert/bio verlag

Mode Unsere Redakteurin Irina war auf den beiden nachhaltigen Modemessen Fashion Week und Innatex und hat sich angeschaut, wie sich die grüne Mode entwickelt. Irina K. Dijks

„Vattenfall? Warum ausgerechnet hier?“, frage ich mich, als ich am Kraftwerk Berlin Mitte, dem Veranstaltungsort der nachhaltigen Modemesse im Rahmen der Fashion Week, ankomme. Das schwedische Energieunternehmen steht nicht gerade für grün und öko, doch der stillgelegte südlichen Trakt des Heizkraftwerks Berlin-Mitte an der Köpenicker Straße ist beliebter Veranstaltungs- und Ausstellungsort. Spätestens im Inneren wird klar, warum das so ist: Die mehrstöckige, loftartige Halle überzeugt auch mich sofort mit ihrem industriellen Charme aus rohem Beton und freiliegenden Rohren. Sofort zeigt sich, dass die ausgewählten Kleidungsstücke in diesem Ambiente super zur Geltung kommen. Gerade feinste Stoffe wie Seide oder zurückhaltende Pastellfarben und edle Gewebe aus Leinen und Mohair bilden einen tollen Kontrast.

Bereits den Weg Richtung Messe weisen große Plakate mit der Aufschrift „Neonyt“. Das Kunstwort leitet sich vom altgriechischen Wort „neo“  (dt. neu, revolutionär) und dem schwedischen Wort „nytt“ (dt. neu) ab. Es ist jetzt der neue, gemeinsame Name des „Greenshowrooms“ und der „Ethical Fashion Show Berlin“, den beiden nachhaltigen Modemessen, die im Rahmen der Berliner Fashion Week gemeinsam im Kraftwerk stattfanden.

Berlin mag längst nicht die erste Adresse sein, an die man in Bezug auf  Mode denkt. Mit Paris, Mailand oder  New York wird sie selten in einem Zuge  genannt. Doch in puncto nachhaltiger – ökologisch und fair produzierter – Mode sieht das ganz anders aus: Rund 140 Labels aus 24 Ländern präsentierten diesmal ihre Kollektionen für das  Frühjahr und den Sommer 2019.

Am ersten Messetag nehme ich Teil an einem Presserundgang zum Thema „Sehnsucht nach Weite“: An einen weiten Blick vom Strand aufs Meer bis ans Ende des Horizonts muss ich tatsächlich denken, als uns zwei edle Bademodekollektionen präsentiert werden. Das Wiener Label „Margarete and Hermione“ arbeitet mit ausgedienten Fischernetzen und „Mymarini“ aus Hamburg kreiert Bademode zum Wenden, sowohl klassisch, dezent als auch in knalligen Farben wie Pink und Rot. Neben dem Öko-Tex Standard 100 legt Gründerin Mareen Burk bei ihren Designs Wert auf Langlebigkeit, um der „Fast-Fashion-Industrie“ entgegenzuwirken. In Sachen Nachhaltigkeit muss mit dem Badeanzug am Strand längst nicht Schluss sein: Das spanische Upcycling-Label „Ecoalf“, dessen Motto für die gesamte Kollektion heißt: „Because there is no Planet B“, bietet unter anderem Flip-Flops aus recycelten Reifen.

Auch das Schweizer Label „Jungle Folk“ erzählt von Sehnsucht, von Sehnsucht nach einem schlichten Landleben. Hinter der neuen Kollektion steht der Gedanke eines entschleunigten Sommers: Klassisches Beige und Schwarz wird ergänzt durch Akzente in Blau,  Cassis und Eigelb. Leinenkleider und Jumpsuits treffen auf hochgeschnittene Hosen und Oversize-Jacken.

„Grüne“ Modemesse im Kraftwerk Berlin. (links) Modenschau mit Top von „Margarete and Hermione“. (rechts) Svenja Klassert/bio verlag; Cristina Naan/bio verlag

Neuentdeckungen

Zeit zum Träumen bleibt jedoch keine, nach einem weiteren Rundgang, zahlreichen Fotos und einem Stopp bei der Färbestation von „Lanius“ (siehe Kasten S. 64) dreht es sich beim nächsten Presserundgang um das Thema „Newcomer“. Mit 44 Prozent Neuausstellern  auf der Messe gibt es da einige: „Beard and Fringe“ aus Frankreich stehen für geradlinige, GOTS-zertifizierte Urban Wear unter dem Mantra: „We just borrow from earth“ („Wir leihen nur von der Erde“). Das ethische Modelabel „Good Krama“ aus Kambodscha (benannt nach dem dort landestypischen, dünnen Baumwollschal „Krama“) verbindet traditionelles Handwerk mit Casual Wear. „Shipsheip“ aus Köln setzen auf puristische Schnitte und bieten zudem die Möglichkeit Kleidung eigenen Wünschen anzupassen. Die minimalistische Mode von „Luxaa“ reicht  von handgestrickten Pullovern aus Mohair-Wolle bis zu Schmuck und zeigt zudem vom Leipziger Künstler Michael Holzart inspirierte Designs, bei denen Kollektionsteile mithilfe von Sonnenlicht bedruckt wurden. „Arcas Bear“ aus Kalifornien stellen quietschbunte Schuhe aus drei recycelten Materialien her: Baumwolle, Gummi und Plastikflaschen. Ihre leuchtend bunten Sohlen duften nach Vanille!

Voll mit Eindrücken von neuen, innovativen Designs gehe ich ins Zwischengeschoss des Kraftwerks in die „PrePeek“ der „Fashion Changers“, einer von Jana Braumüller, Vreni Jäckel und Nina Lorenzen ins Leben gerufenen Community um faire Mode sichtbarer zu machen. Dort höre ich einen Talk zum Thema „Mode und Diversität“: Madeleine Alizadeh (Gründerin des Blogs „Dariadaria“), Julia Pengg (Gründerin von „Mangolds“), Carola Niemann (Chefredakteurin von „The Curvy Magazine“) und Dr. Renate Stauss (Professorin für Modetheorie und Modegeschichte an der Universität der Künste Berlin) sprechen darüber, dass gerade die Modeindustrie immer noch ein bestimmtes Schönheitsideal propagiert und sie sind sich einig, dass noch längst kein entspanntes, vielfältiges Körperbild vermittelt wird, sondern wir noch weit entfernt von einer echten
Demokratisierung der Modewelt sind. Neben Talk-Runden besteht hier die Gelegenheit Kollektionsteile von rund 25 Labels anzuprobieren und sich schminken sowie fotografieren zu lassen.

Motiv „blutende Ananas“ von „Bleed clothing“. (links) Online-Redakteurin Svenja (li.) und Redakteurin Irina (re.) am Stand von „Jungle Folk“. (rechts) © Irina  Dijks/bio verlag; Cristina Naan/bio verlag

Eins meiner Highlights auf der Fashion Week war die Modenschau „Greenshowroom Selected“. Im E-Werk in Berlin Mitte findet die gemeinsame Modenschau der beiden Modemessen aus dem Kraftwerk statt. Für den Laufsteg wurden die Labels bunt gemischt. Bunt im wahrsten Sinne des Wortes. Leuchtendes Rot, Grün und Blau mischen sich unter erdige Braun- und
Beigetöne und klassisches Schwarz/Weiß.  Zwar erinnert diese Farbpalette – wäre sie nicht unterbrochen von Bademode und überdimensionalen Sommerhüten – etwas an Herbst, doch in jedem Fall ist die Show grandios. Erstmals fand sie am selben Ort wie die anderen Shows der Modewoche statt, als Bestandteil des Mercedes-Benz Fashion Week-Formats „MBFW“.

Meinen letzten Tag auf der Messe  beende ich mit einem Presserundgang  mit Renate Künast von Bündnis 90/Die  Grünen, die europäische Vorgaben für die gesamte Produktions- und Lieferkette der Textilunternehmen fordert. Gemeinsam besuchen wir etablierte Größen der grünen Mode wie „Lanius“, die ihre Kollektion mit Naturfarbstoffen lancieren und „Bleed clothing“, die ihren 10. Geburtstag feiern und weiterhin auf alternative, nachhaltige sowie vegane Materialien wie Kork oder Hanf setzen. Und wir treffen auf das junge Duisburger Modelabel „esthétique“, deren hauptsächlich schwarz-weiße Kollektion von Menschen mit Behinderung mitdesignt, produziert und in der Rolle des Models präsentiert wird.

Online-Redakteurin Svenja (li.) und Redakteurin Irina (re.) am Stand von „Jungle Folk“. (links) „Kaffee-Schuhe“
von „Nat-2“. (rechts) © Irina  Dijks/bio verlag; Cristina Naan/bio verlag

Bei etablierten wie jungen Labels liegt in Berlin Veränderung in der Luft. „Die Messe war in dieser Saison sehr gut besucht. Dass die Catwalk-Show nun unter dem Dach der MBFW stattfand, zeigt: Nachhaltigkeit in der Mode ist keine Nische mehr!“, sagt Katharina Ley, Pressesprecherin von Lanius.

Neues Bewusstsein !?

Die Modebranche ist äußerst intransparent, auf Kosten von Billiglohnarbeitern und der Umwelt: Das Unglück im „Rana Plaza“ in Bangladesch, bei dem 1138 Menschen starben, steht symptomatisch für die desolaten Arbeits- und Sicherheitsbedingungen in der Textil- und Schuhindustrie.

 

Im selben Monat besuche ich die „Innatex“ bei Wiesbaden und habe Gelegenheit, mit Heiko Wunder vom Düsseldorfer Label Wunderwerk zu sprechen, dessen Kollektion ich schon auf  dem Laufsteg in Berlin sehen konnte. Die neuen Stücke sind leicht französisch angehaucht mit großer Schleife  an der Damenbluse oder einem auf den Herrensweat aufgestickten Croissant. Passend dazu lautet der Leitspruch der nächsten Saison: „Pas de panique, c’est organique.” Er erläutert mir: „Während eine konventionelle Jeansproduktion durchschnittlich 60 bis 160 Liter Wasser pro Hose verbraucht, konnten wir den Verbrauch auf 3 bis 9 Liter reduzieren, neueste Waschungen kommen sogar mit nur 0,7 Litern aus (ohne Einsatz von Chlor und Kaliumpermanganat).“

Zudem konnte ich mir den ersten GOTS-zertifizierten Schuh ansehen: Das Kasseler Label „Melawear“, das mit seinem Rucksack „ansvar“ (dt. Verantwortung) bekannt wurde, zeigt den Sneaker hier nicht nur in seinen drei Farben Hellgrau, Schwarz und Blau-grau, sondern auch in all seine Einzelteile zerlegt, die das jahrelange Tüfteln  nachvollziehbar machen.

Gerade die innovativen Schuhe haben mich auf den Messen immer wieder fasziniert. Darunter auch die von „Nat-2“ aus Stein, Holz, Pilz, Heu, Kaffee und Popcorn! Auch bei Taschen gibt es spannende Entwicklungen wie die schwarzen Apfelledertaschen von „nuuwai“. Und nicht zuletzt zeigt sich humanitäres Engagement: Die Mode von „[eyd]“ beispielsweise wird von Frauen hergestellt, die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution waren.

„Der Markt für nachhaltige Mode wird in den nächsten Jahren organisch weiter wachsen. Der Veränderungsdruck wird zunehmen“, sagt Jan Eggers, Markenbotschafter der Innatex. Eggers, der auch den Blog „Jan trägt grün“ betreibt, ist überzeugt, dass es der einzige Weg ist, Textilien ökologisch und sozial herzustellen und als Konsument Verantwortung beim Einkauf zu übernehmen. Er kennt die andere Seite und berichtet mir anschaulich: „Stell dir vor, du stehst in einem indischen Textil-Sweatshop, die Luft brennt, du kannst nur schwer atmen und blickst dabei in die Augen der Näherinnen und Näher, die dich hilfeschreiend und schmerzvoll anblicken. Das brennt sich ins Bewusstsein.“ Seitdem versucht er aufzuzeigen, was hinter der Textilproduktion steckt und appelliert, die Produkte mehr wertzuschätzen.

Feststeht: Grüne Modeunternehmen übernehmen Verantwortung gegenüber Mensch und Natur und verändern damit langsam die Modeindustrie. Es zeigt sich eine spannende Vielfalt und daher möchte ich mit den Worten der Marke „Tranquillo“ schließen, die unter anderem farbenfrohe Damen- und Kindermode aus Bio-Baumwolle bietet: „So bunt kann grün sein!“ <

Natürliches Färben bei „Lanius“

Aus Pflanzen gewonnene Naturfarbstoffe

 

Das Kölner Modelabel „Lanius“ stellte seine neuen, natürlichen Färbetechniken auch mit einem Färbestand vor, an dem
ich ein Baumwolltuch einfärben durfte.

 

 

 

Derart präpariert tauchte „Natural Dying-Expertin“ Cornelia es in den Indigo-Farbtopf und obwohl es hiernach erst einmal gelbgrün aussah, war es durch die Oxidation mit Sauerstoff nach der Trocknung tatsächlich strahlend blau.

 

 

 

Nach Anleitung faltete ich das Tuch im ersten Schritt ziehharmonikaartig und fixierte es abwechselnd von links und rechts mit Holz-Wäscheklammern, wodurch später ein Muster mit weißbleibenden Quadraten entstehen sollte.

 

 

 

Neben der Indigopflanze wird für die nächste Kollektion auch mit der Krappwurzel in Rose und mit Kurkuma, Himalaya-Rhabarber und Granatapfel in der Farbe Pearl gefärbt.

Erschienen in Ausgabe 10/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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