Mode: Zeigt her Eure Schuhe - Schrot und Korn

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Mode: Zeigt her Eure Schuhe

© Akash/Change your Shoes
Die Kampagne Change your Shoes macht auf die Missstände in der weltweiten Schuhindustrie aufmerksam.

 

MODE Die meisten Schuhe werden höchst unfair und umweltschädlich produziert. Doch immer mehr Schuhanbieter machen es besser. Rebecca Sandbichler

Schuhe waren einmal wertvolle, weil notwendige Kleidungsstücke. Doch mindestens in der westlichen Welt sind sie längst zum Wegwerfartikel mutiert: 2018 wurden weltweit 23 Milliarden Paar Schuhe produziert, die Hälfte davon in China. Frauen in Deutschland besaßen 2017 durchschnittlich etwa 20 Paar Schuhe, Männer etwa zehn. Doch wie lange jedes Paar tatsächlich genutzt wird? – Der Schuhkonzern Deichmann verkaufte 2018 fast 80 Millionen Paar Schuhe – für jeden Bundesbürger eines. Und wie Reporter der ARD zeigen konnten, gehen die Billigpreise des Konzerns auf Kosten der Bezahlung der Arbeiter in den Fabriken.

Schuhe: ein ökologisches und soziales Desaster

Während die Branche über Zuwächse im zweistelligen Bereich jubelt, kann sich Berndt Hinzmann von der evangelischen Nichtregierungsorganisation Inkota darüber nur ärgern. Er sagt: „Schuhe sind meist ein ökologisches und soziales Desaster.“ Ausbeutung, Umweltverschmutzung, klimaschädliche Transporte und giftige Stoffe in unseren Schuhen seien der Standard. Inkota vertritt darum gemeinsam mit Partnerorganisationen die Kampagne „Change your Shoes“. Vor allem die Lederproduktion steht im Fokus, da sie besonders schädlich ist. „Die Gerbereien arbeiten mit hochgiftigen Chromsalzen, die oft genug zum krebserregenden Chrom 6 reagieren“, erklärt Hinzmann. Bei einer Untersuchung von 23 in Europa vertriebenen Schuhpaaren hatte zwar keines den gesundheitsgefährdenden Grenzwert von drei Milligramm Chrom pro Kilogramm Leder überschritten. Doch die Arbeiter etwa in indischen oder indonesischen Gerbereien würden weiterhin schwer krank, wenn sie barfuß und ohne Mundschutz Tierhäute mit giftigen Stoffen behandeln. Abwässer der Gerbereien verseuchten nach wie vor Flüsse und ganze Nahrungsketten vor Ort, sagt Hinzmann.

Auch „Made in Europe“ – was auf fast ein Fünftel der hier verkauften Schuhe zutrifft – garantiere keine guten Standards: Mit 213 Euro seien chinesische Mindestlöhne sogar höher als beispielsweise in Albanien, wo Arbeiter in der Schuhfabrik monatlich nur rund 140 Euro bekämen. „Und leider wird das Leder für die Produktion sogar von Brasilien bis zu uns transportiert“, beklagt Fair-Fashion-Experte Hinzmann die Standards der globalen Schuhproduktion.

Das müsste doch eigentlich besser gehen. Doch der Markt für nachhaltige Schuhe steckt noch in den Kinderschuhen, hinkt sogar hinter der Textilindustrie her: Die üblichen Siegel von Fairtrade bis GOTS kommen immerhin bei einigen Baumwollschuhen wie denen von Ethletic zum Einsatz oder bei Barfußschuhen von Firmen wie Wildling. Der Blaue Engel für Schuhe verlangt einige Sozialstandards, wird bisher aber fast nur vom österreichischen Hersteller Think! genutzt. „Noch vermissen wir bei den meisten Herstellern glaubhafte Angaben über ihre Rohstoffe und die Arbeitsbedingungen bei deren Zulieferern“, sagt Inkota-Sprecher Hinzmann. 13 600 Menschen hatten die Petition Change your Shoes für bessere Transparenz unterschrieben.

Schuhe aus Airbags, PET-Flaschen oder Ananas

Weil deutsche Schuhkäufer mehr und mehr nach öko-fairen Modellen verlangen, habe es zuletzt einige Innovationen in der Branche gegeben, findet Wiebke Kaiser. Die junge Hamburgerin engagiert sich im lokalen Fashion-Revolution-Team, das einen positiven Wandel in der Modebranche erreichen will. „Im nachhaltigen Schuhmarkt tut sich schon viel“, sagt sie. Wichtige Neuerungen gibt es bei einigen Herstellern, darunter faire Arbeitsbedingungen, kurze Wege und klimaneutrale Produktion. Aber es gibt mittlerweile viele Experimente mit besseren, weil ressourcen-schonenderen Materialien: Darunter Schuhe aus Bio-Baumwolle, Bambus und Hanf – aber auch aus recycelten Stoffen, etwa aus PET-Flaschen, LKW-Reifen oder Airbags. Für tierisches Leder gibt es Ersatz aus Ananas oder Pilzen. Sohlen sind aus Naturkautschuk, Kork oder Gummi. „Spannend finde ich Modelle, die komplett kompostierbar sind.“ Und dass junge, aufstrebende Schuhmacher oft keine entsprechenden Siegel vorweisen können, sei verständlich. „Eine Zertifizierung ist oft zu teuer und aufwendig für kleine Labels.“ Trotzdem müsse man als Konsument immer kritisch bleibc en und nach sozialen und ökologischen Standards fragen: „Wenn Hersteller undeutliche Aussagen machen, ist das meist ein schlechtes Zeichen.“

Wenn Leder, dann pflanzlich gegerbt

Wenn Wiebke Kaiser selbst Schuhe kauft, fragt sie zuallererst nach der Situation der Arbeiter und Arbeiterinnen. Das ist ihr Kriterium Nummer eins, gefolgt von ökologischen Materialien. Das Design muss sowieso überzeugen, denn: „Schuhe können einen Look bestimmen.“ Unter Druck kauft sie aber nie, denn im Schrank stehen bereits 25 Paare – für jede Saison und Gelegenheit. „Die pflege ich und bringe sie so lange zum Schuster, bis er nichts mehr für sie tun kann.“ Als Teenager sei ihr noch nicht bewusst gewesen, wie viele Ressourcen und Arbeitsschritte in ihren Sneakers oder Boots stecken. Heute achtet sie darauf, dass neue Stücke möglichst langlebig sind und Lederschuhe pflanzlich gegerbt sind.

Ökologisch bessere, sozialverträgliche Schuhe könnten zwar nicht mit Billigpreisen mithalten, doch seien sie oft günstiger als manches limitierte Modell von Markenherstellern: „Fast-Fashion-Sneaker-
Freaker geben schon mal locker bis zu 180 Euro pro Paar aus“, sagt Kaiser. Doch nur ein geringer Teil dieser Summe fließt in das Produkt selbst: Experten-Berechnungen zeigen, dass bei einem konventionellen Markenschuh mit einem Preis von 120 Euro nur rund 20 Euro bei den Produzenten in Asien landen, die das Leder gegerbt und den Schuh genäht oder geklebt haben. Der Rest entfällt auf Marketing und Vertrieb, Zölle, Steuern und die Marge der Zwischenhändler. Ein System, das nur funktioniert, solange Schuhe um die ganze Welt wandern. 

Ökoschuhe

Sichere Arbeitsbedingungen in Pakistan: Muhammad macht Ethletic-Sneakers.© Azar Aslan/ethletic

Interessante Labels

Schuhe mit Anspruch

Der Markt öko-fairer Schuhe steckt noch in den Kinderschuhen. Doch einige Hersteller haben sich auf den Weg gemacht. Fragen Sie nach, was diese im Einzelnen tun:

www.avesu.eu
www.birkenstock.com
www.brako-shop.com
www.duckfeet.com
www.ecco.com
www.eknfootwear.com
www.elnaturalista.com
www.ethletic.com
www.gea-waldviertler.at
www.grandstep.de
www.lointsofholland.com
www.lunge.com
www.schuhwerk.de
www.senmotic-shoes.eu
www.thinkshoes.com
www.toms.com
www.veja-store.com
www.vivobarefoot.de
www.wildling.shoes
www.zaqq.de

Mehr zum Thema:

www.inkota.de 
Die Kampagne „Change your Shoes“ macht auf Missstände in der Schuhindustrie aufmerksam, um Verbesserungen zu bewirken.  

www.saubere-kleidung.de
Die Kampagne für „Saubere Kleidung“ informiert über Veranstaltungen und Forderungen.  

www.fashionrevolution.org
Internationale Bewegung von Menschen, die Mode ethischer und nachhaltiger gestalten wollen. 

www.sloris.de
Wiebke Kaiser bloggt über öko-faire Mode und Schuhe.

Erschienen in Ausgabe 06/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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Erfreulich dass sie über die vielen ökologischen und sozialen Nachteile der Lederherstellung für Schuhe berichten. Nur haben Sie einen wichtigen Punkt ausgelassen: den ethischen Aspekt den die Tiere mit ihrer Haut und ihrem Leben bezahlen.
Was viele gar nicht wissen ist, dass speziell für Schuhe Kühe gezüchtet werden. Allen voran in Indien und Bangladesch wo den Kühen in illegalen Schlachthöfen oft noch bei vollem Bewusstsein die Haut abgezogen wird.
Persönlich habe ich mich für Mitgefühl entschieden und trage Wildlinge aus reiner Bio-Baumwolle am liebsten.