Näher dran an Milch und Möhre - Schrot und Korn

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Näher dran an Milch und Möhre

Ein Bund Möhren für 79 Cent – das ist weder fair gegenüber den Bauern noch gut für die Umwelt. © mauritius images/Alamy/MITO images RF/Dreet Production

 

EINKAUFEN Von der Saat zur Möhre – da steckt viel Arbeit drin. Doch die wird selten bezahlt. Wer das ändern möchte, muss Bauern und Verbraucher zusammenbringen. Bio-Läden machen es vor. Katja Niedzwezky

Eine Kuh hat sechs Zitzen und kann auch H-Milch geben. Alle paar Jahre belegt der „Jugendreport Natur“, dass viele Kinder und Jugendliche Wissenslücken haben in Biologie und Landwirtschaft. So konnte bei der Befragung 2010 nur ein Fünftel mit Sicherheit sagen, dass Kühe keine H-Milch geben. Auch Erwachsene stehen nicht selten auf dem Schlauch, wenn es um die Ernährung geht: „Die Leute kommen und wollen Vollkorn, aber ihnen ist nicht unbedingt bewusst, dass Vollkornmehl aus unterschiedlichsten Getreidesorten hergestellt wird“, hat zum Beispiel Jonathan Viedt, Inhaber des Guten-Morgen-Bioladens in Braunschweig, erlebt.

Unser Lebens- und Arbeitsalltag ist oft weit entfernt vom Ursprung der Lebensmittel und ihrer Verarbeitung. Kein Wunder, dass viele Menschen gar nicht mehr wissen, wie Nahrungsmittel hergestellt werden und welche Arbeit es macht, den Boden vorzubereiten, zu säen, Unkraut zu bekämpfen und zu ernten. Für die Wertschätzung von Lebensmitteln hat das allerdings fatale Folgen. Gekauft wird, das zeigen Untersuchungen immer wieder, was schnell auf dem Tisch steht, schmeckt und günstig ist. Der Schutz von Umwelt, Tieren und Klima spielt beim Einkauf hingegen bei vielen Menschen keine Rolle.

Der Schlüssel zu mehr Wertschätzung für Möhren, Brot oder Wurst sind Wissen und Erleben. Wo kommen Lebensmittel her, wo wachsen sie, wie sehen sie vor der Verarbeitung aus, wie schmecken sie frisch? Wo diese Kenntnisse verloren gegangen sind, können Bio-Läden helfen (siehe Interview unten). Denn viele bringen Lebensmittel und Menschen in einer Region wieder zusammen. „Regionalität ist mir sehr wichtig. Ich will die Person kennenlernen, die hinter den Lebensmitteln steht“, sagt zum Beispiel Jonathan Viedt vom Guten-Morgen-Laden in Braunschweig. „Ich will wissen: Was ist das Motiv des Menschen, der die Tiere hält oder das Brot bäckt? Bei größeren Strukturen habe ich Bedenken, ob bei der Qualität und dem Tierschutz immer alles stimmt.“ Sein Team kennt alle Lieferanten und kann so die Kundinnen und Kunden gut informieren und Fragen beantworten.

Einkaufen im Guten-Morgen-Bioladen: Auf dem Plakat wird der Hof vorgestellt, von dem das Gemüse kommt. © Sonja Benden

Wer backt mein Brot?

Der Guten-Morgen-Bioladen ist seit der Gründung vor 40 Jahren eng verknüpft mit dem Lindenhof vor den Toren der Stadt. Dreimal die Woche kommen Obst und Gemüse aus dem gut 20 Kilometer entfernten Bioland-Betrieb. „Je nach Saison sind das Bohnen, Tomaten, Heidelbeeren oder Hokkaido, Zuckermais oder Fenchel und Feldsalat“, berichtet Jonathan Viedt. „Der Kontakt ist sehr eng, und wir bekommen auch schon mal einen Anruf, ob wir nicht mehr Erdbeeren abnehmen können, wenn gerade besonders viele reif sind.“ Die Kunden können den Lindenhof beim jährlichen Hoffest und bei Führungen kennenlernen.

Herzstück des Ladens ist die große Fleischtheke. Auch hier ist alles so regional wie möglich, zum Beispiel stammt das Schweinefleisch von einem Bioland-Betrieb in der Lüneburger Heide, etwa 60 Kilometer entfernt von Braunschweig. „Der Weg von der Weide bis zur Schlachtung beträgt höchstens sechs Kilometer“, betont Jonathan Viedt. „Und bei den Hähnchen, die wir vom Bauckhof Klein Süstedt bekommen, sind es sogar nur 500 Meter vom Stall bis zum Schlachten“.

Seine Kunden schätzen die Nähe. „Zu wissen, wo was herkommt, das ist für mich persönlich der wichtigste Grund, hier einzukaufen“, sagt beispielsweise Kundin Linde Seiffert. Insbesondere die Eier aus Braunschweig haben es ihr angetan. Tatsächlich kommen diese seit diesem Jahr fast von nebenan, vom Klostergut Dibbesdorf am Stadtrand, wo die Hühner in zwei großen Mobilställen logieren. Wer die Produkte herstellt, weiß sie auch bei Brot, Brötchen und Süßgebäck aus der Bio-Bäckerei „Brot & Wein“ am Elm im Osten von Braunschweig. Dort wird der tägliche Mehlbedarf jeden Tag auf der Steinmühle frisch gemahlen. Das Bio-Getreide dafür wächst fast vor der Backhaustür. „Beim Brot ist es das Handwerkliche, das für die Kunden den Unterschied macht“, erläutert Jonathan Viedt. „Der Brotteig reift drei Tage, die schmecken den Unterschied!“

Zwischen Reden und Handeln

Glaubt man Umfragen, wird die Nähe zu Lebensmitteln immer bedeutender. So sagen im jährlichen Öko-Barometer des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft regelmäßig rund 90 Prozent der Befragten, dass ihnen die regionale Herkunft von Bio-Produkten wichtig sei. Sie sehen Vorteile für die regionale Wirtschaft und den Umweltschutz. Viele erwarten zudem eine höhere Qualität.

Auch das Vertrauen in heimische Erzeugnisse ist groß. Das zeigt zum Beispiel das „Konsumbarometer 2019“ von Consors Finanz. Danach haben 95 Prozent Vertrauen in Produkte aus ihrer Region, bei US-amerikanischen Produkten sind es dagegen nur 61 Prozent, bei chinesischen sogar nur 26 Prozent. Gut die Hälfte der für das Öko-Barometer Befragten räumte jedoch ein, dass der Blick auf den Preis dann doch den Ausschlag gibt. Und so ist der Anteil der Verbraucher, die regelmäßig regionale Produkte kaufen, dann auch deutlich geringer als es die Umfrage erwarten lässt. Nur 29 Prozent geben beim Kauf Produkten aus der Region wirklich den Vorzug. Vielleicht liegt das auch daran, dass allein der Stempel „regional“ einem Lebensmittel noch nicht wirklich näher bringt. Dazu braucht es mehr. Zum Beispiel Bio-Läden wie den Guten-Morgen-Bioladen oder den „BioMichl“ in Weilheim in Oberbayern.

Hinter der Glasscheibe: der Metzger

Michael Sendl, Inhaber des BioMichl, hat mit dem Widerspruch von Wollen und Tun weniger Probleme: „Ich denke, unser Geschäft geht deswegen so gut, weil wir den Leuten zeigen, woher ihr Essen kommt“, sagt er. Sendl ist selbst Bio-Landwirt und hält Rinder. Das Fleisch wird für den Bio-Markt verarbeitet: „Durch eine Glasscheibe kann bei uns jeder sehen, was der Metzger macht.“ Das kommt an – auch die frischen Kuchen am Wochenende, die die hauseigene Konditorin backt. „Die sind immer sofort ausverkauft, das geht wie die Feuerwehr“, freut sich Michael Sendl. Damit die Kundinnen und Kunden alle regionalen Lieferanten kennenlernen können, die er selbst seit Jahrzehnten bestens kennt, findet jährlich ein Hoffest statt, zu dem alle eingeladen sind. Aber Michael Sendl weiß auch: „Wir haben den Vorteil, dass wir auf dem Land leben, wir haben fachkundige Kunden. Wir können sogar rote Rüben verkaufen, bei uns kochen die Leute selber. Sehr viele Produkte gehen bei uns viel weniger als in Stadtläden, zum Beispiel alles aus Dosen.“

Einblicke in die Bio-Schweinehaltung, den ökologischen Apfelanbau oder die Käseproduktion ermöglichen auch die mehr als 240 „Demonstrationsbetriebe ökologischer Landbau“. In vielen Bundesländern gibt es Aktionstage mit Möglichkeiten zum Anfassen, Riechen, Schmecken und Ausprobieren, zuletzt die Aktionstage Öko-Landbau in Nordrhein-Westfalen und in Niedersachsen und die Bio-Erlebnistage in Bayern. Die Besucher können verschiedene Kartoffeln und alte, bunte Tomatensorten verkosten, mit den Urgetreidesorten Emmer und Einkorn backen oder den Weg von der Saat bis zum Öl in einer Bio-Ölmühle verfolgen. Und wo es Bio-Hofläden gibt, ist der Weg von der Erzeugung bis zur Ladentheke besonders kurz und der Blick ins Hofgeschehen fast immer möglich.

In einigen Regionen ermöglichen auch Museen den Entstehungsprozess der Nahrungsmittel kennenzulernen. So bringt der Bioland-Museumsbauernhof Wennerstorf bei Hamburg den Besuchern traditionelles und modernes Landleben nah. Im Freilichtmuseum Lindlar im Bergischen Land kann man bei Führungen und Seminaren erfahren, wie man guten Kompost vorbereitet oder alte Gemüsesorten wie Butterkohl und Gelbe Gartenmelde vermehrt.

Mobile Ställe: Hier können Hühner picken, scharren und frische Luft atmen. Da schmeckt das Frühstücksei gleich doppelt gut.© mashiki/photocase.de: mauritius images/Alamy/Kzenon

Bio-Laden: hier wird nicht nur verkauft

Kooperationen zwischen Bio-Läden und Bauern in der Region sind wichtig, damit der Kontakt zwischen Erzeugern und Verbrauchern nicht abreißt und das Verständnis wächst. Wer weiß, wie Bio-Milchkühe gehalten werden, dass Bio-Bauern eigenes Futter anbauen, in Laufställe investieren und Weiden pachten oder besitzen müssen, Stroh wechseln, zweimal täglich melken, bekommt eine Vorstellung, wie viel Arbeit in einem Liter Milch steckt. Und ist dann wahrscheinlich eher bereit, einen fairen Preis dafür zu bezahlen. Qualität bekommt eine andere Bedeutung. Denn „Hauptsache billig“ heißt am Ende immer: weniger Tierschutz, weniger Klima- und Umweltschutz und weniger bäuerliche Landwirtschaft in den Regionen.

PS: Eine Kuh hat natürlich keine sechs Zitzen, sondern ein Euter mit vier Zitzen.

Ganz nah dran

Was ist SoLaWi?

„SoLaWi“ steht für Solidarische Landwirtschaft. Dabei kooperieren Menschen, die die ökologische Landwirtschaft fördern und regionale Bio-Lebensmittel genießen wollen, mit einem Bio-Hof.

In Absprache mit dem Betrieb legen sie jedes Jahr fest, was angebaut wird. Auf Grundlage der geschätzten Jahreskosten des Hofes verpflichten sich die SoLaWi-Mitglieder, jährlich im Voraus einen festgesetzten Betrag zu zahlen. 

Verantwortung, Risiko, Kosten und Ernte werden geteilt – das schafft Nähe und fördert ein lokales Miteinander von Landwirtschaft und Verbrauchern. 

Die Ernte wird zu wohnortnahen Verteilstationen geliefert und von den Mitgliedern abgeholt.

Mehr zum Thema:

www.oekolandbau.de
Unter dem Stichwort „Einkaufsführer“ gibt es Adressen für den Bio-Einkauf vor Ort. Bio-Höfe, die zum „Tag der offenen Tür“ einladen, findet man unter dem Stichwort „Demonstrationsbetriebe“

www.nabu.de und www.schrotundkorn.de 
Wann gibt es Erdbeeren aus heimischem Anbau? Saisonkalender für die Küchenwand gibt es beispielsweise beim Naturschutzbund Deutschland und unter: www.schrotundkorn.de/saisonkalender

www.schrotundkorn.de/regional
Warum regional auch bio sein sollte, erfahren Sie in unserem Beitrag „Regional reicht nicht“.

www.bmel.de
Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft führt jährlich die Umfrage „Ökobarometer“ durch. 

https://studien.consorsfinanz.de
Studie „Konsumbarometer 2019“ zum Nachlesen 

Interview „Schulen ohne Küchen dürfte es nicht mehr geben“ 

Dr. Ursula Hudson

ist die Vorsitzende von Slow Food Deutschland. Slow Food ist eine internationale Bewegung, die sich für traditionell hergestellte Nahrungsmittel, für Geschmack und Lebensmittelwissen einsetzt. Der Verein ist als Gegenbewegung zu Fast Food entstanden. www.slowfood.de

Wollen wirklich immer mehr Verbraucher wissen, woher ihr Essen kommt?

Das ist ja eine der Urfragen von Slow Food. Tatsächlich aber wissen es weiterhin viel zu wenige. Oftmals ist das Wissen eher rudimentär. Aber es werden mehr! Gerade jüngere Menschen interessieren sich wieder für Ernährung und die ökologischen Zusammenhänge.

Wie kommen Mensch und Lebensmittel wieder näher zusammen?

Ich stelle mir da einen Laden inmitten eines großen Gemüsegartens vor … (lacht). Aber tatsächlich ist das wohl ein sehr langer Prozess.

Was wäre schneller umsetzbar?

Schulen ohne Küchen und Gärten dürfte es gar nicht mehr geben! Damit würden wir den Grundstein legen für nachwachsende Generationen, die Wissen um Herkunft und Zubereitung unserer Lebensmittel mitbringen. Aber auch Erwachsene können es lernen. Wenn sie bei Slow Food ein Supermarktbrot und ein Brot mit langer Sauerteigführung verkosten, dann schmecken sie den Unterschied. Es müsste einfach genauso chic sein, über gute Karotten und gutes Brot Bescheid zu wissen wie über Wein oder Bier.

Was könnten Einzelhändler tun?

Sie können echte regionale Produkte und weniger bekannte Sorten anbieten. Und sie können Landwirte und Handwerker in die Läden holen, Bäcker, Metzger oder Winzer. Unsere Erfahrung zeigt, dass die meisten Menschen Lust auf Gespräche über Lebensmittel und deren Zubereitung haben. Das Interesse ist da, aber man muss miteinander reden und Wissen mitgeben. Viele kaufen keinen Mangold oder Spitzkohl, weil sie nicht wissen, was sie damit machen sollen. Im Austausch erfahren sie mehr über Ernte, Böden, Wetter. Oftmals entwickeln sie dadurch eine größere Wertschätzung für Lebensmittel. Das ist doch großartig.

Erschienen in Ausgabe 11/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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Lutz Lübcke-Stockdreher

Bitte zu Solawi auch entsprechende links veröffentlichen: solidarische-landwirtschaft.org