„Nachhaltigkeit gehört ins Grundgesetz“ - Schrot und Korn

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„Nachhaltigkeit gehört ins Grundgesetz“

Interview mit Hannes Jaenicke (© Sebastian Reuter)
Hannes Jaenicke setzt sich für die Umwelt und gegen Geschichtsvergessenheit ein. (© Sebastian Reuter)

INTERVIEW Hannes Jaenicke steht für nachhaltigen Lebensstil wie kaum ein anderer Schauspieler. Seit Jahren engagiert er sich. Wird er da nicht manchmal müde? // Renato Leo

Im Gegenteil: Beim Treffen in einem Hotel in Berlin spürt man sofort, wie es in Hannes Jaenicke brodelt, wenn er auf die Ungerechtigkeiten der Welt blickt. Wie zum Beispiel in der Dokumentation „Guardians of Heritage – Hüter der Geschichte“.

Herr Jaenicke, Sie haben Menschen getroffen, deren kulturelles Erbe zerstört wurde oder bedroht ist. Sei es durch Krieg und Terror, Klimawandel oder Profitgier. Warum erzählen Sie gerade diese Geschichten?

Weil sie uns alle betreffen und Geschichte immer mehr in Vergessenheit zu geraten scheint, auch in Deutschland. Es gibt Studien, die besagen, dass kaum mehr als ein Drittel der Jugendlichen hierzulande weiß, was ein Davidstern ist und wie dieser aussieht. Der Rest verwechselt ihn mit dem RAF- oder dem Anarchie-Stern, einem Weihnachts- oder Zimtstern. Die Hälfte der Jugendlichen weiß nicht mehr, was der Holocaust war. Deswegen hat die AfD wohl auch 12,6 Prozent erzielen können. Und Herr Gauland darf posaunen, er würde gern das Image der Wehrmacht wieder verbessern. Das ist eine Geschichts-Amnesie, die absolut fatal ist. Ich hoffe, solche Dokus tragen zu einem gesteigerten Geschichtsbewusstsein bei, und dass Leute sich wieder mehr mit ihrer eigenen, aber auch der Geschichte anderer Kulturen beschäftigen.

Darunter sind bewegende Geschichten wie die eines syrischen Friseurs in einem jordanischen Flüchtlingscamp.

Ja, er ist ein gelernter Friseur, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Kulturstätten seiner Heimat in Miniaturformat nachzubauen oder zu malen, damit die Kinder in dem Camp nicht vergessen, woher sie eigentlich kommen und welch ein kulturell vielfältiges Land Syrien vor dem Krieg war. Beeindruckt hat mich auch ein Mädchen, das bei russischen Bombenangriffen so schwer verletzt wurde, dass sie sich nur noch mit einem Rollator fortbewegen kann. Durch die Malerei hat sie ihren Optimismus wiedergefunden und malt sich die Seele gesund – davor habe ich unglaublichen Respekt.

Seit Jahren schon setzen Sie sich für Umwelt und Naturschutz-Projekte ein. Woher rührt ihr Engagement?

Ich bin ein Kind der 70er-Jahre, meine Helden hießen Bob Dylan, Janis Joplin, Bruce Springsteen oder Jackson Browne. Das waren die Anti-Vietnamkriegs- und Anti-Atomkraft-Aktivisten, oder Jane Fonda, Robert Redford und Paul Newman, allesamt große Umweltaktivisten – diese Leute habe ich als Teenager bewundert. Sie haben viele von uns inspiriert, selbst aktiv zu werden. Ich habe 25 Jahre am Rhein gelebt und dort die Sandoz-Katastrophe mitbekommen. Ich durfte als Kind nicht mal meinen Fuß ins Wasser stecken. Später war ich in einem Ruderclub, und wir konnten wochenlang nicht auf dem Rhein rudern. Das Fischsterben war schockierend. Und es wurde bekannt, dass Bayer in Leverkusen munter seine Dünnsäure in den Rhein verklappte, bis in die späten 80er! Da kam mir mehr und mehr die Idee, gegen solche Missstände etwas zu unternehmen.

Bei welchen Ihrer Projekte hatten Sie das Gefühl, nachhaltig etwas bewegt zu haben?

Die Resonanz auf unsere ZDF-Dokumentationen über bedrohte Tiere überrascht uns immer wieder. Für die Projekte, die wir in den Dokus zeigen, kommen erstaunliche Spenden-Summen zusammen. Das geht so weit, dass bei manchen Organisationen der Server zusammenbricht, wenn wir ausgestrahlt werden. Daran merke ich, dass längst nicht alle TV-Zuschauer abgestumpft sind und viele von ihnen großartige, empathische Menschen sind.

Und wo fühlt es sich an, als würden Sie gegen Windmühlen kämpfen?

Umweltaktivismus ist pure Don Quijoterie. In dem Bereich passiert genau das Gegenteil dessen, was passieren müsste. Die deutsche Autoindustrie belügt und betrügt uns, vergiftet unsere Umwelt, die Chemie- und Agrarkonzerne ebenso. Es gibt kaum mehr Insekten, das scheint unserem Agrarminister Schmidt völlig egal zu sein, auch Glyphosat wird weiterhin erlaubt. Das ist ein absoluter Kampf gegen Windmühlen. Was nicht heißt, dass man aufgeben sollte.

Umweltaktivismus ist pure Don Quijoterie 

In Ihrem Buch „Die große Volksverarsche“ enthüllten Sie die Geschäftemacherei in unserer modernen Konsumgesellschaft, die unweigerlich auf Kosten der Natur geht und den Klimawandel befeuert. Was denken Sie, wenn ausgerechnet der mächtigste Mann der Welt, US-Präsident Donald Trump, die menschliche Rolle beim Klimawandel herunterspielen möchte?

Das ist grotesk. Donald Trump findet fossile Brennstoffe großartig, aber auch wir Deutschen verfeuern Kohle, als wäre es die tollste Energiequelle der Welt. Wir haben keine Fahrverbote in den Innenstädten, und es werden immer mehr SUVs verkauft, weil es schick ist, mit einem Geländewagen durch Berlin, Frankfurt, München oder Hamburg zu fahren. Es ist Luxus wie dieser, der unsere Umwelt und Gesundheit belastet und auf Kosten von Menschen in armen Regionen geht … Wenn man bei Marken wie H&M, C&A, Zara oder Hugo Boss Kleidung kauft, haben das Frauen und Kinder in Asien unter katastrophalen Bedingungen genäht. In den Gerbereien in Marokko stehen Siebzehnjährige in Badehosen in einer hochgiftigen Chemie-Brühe und gerben Leder für unsere Textilindustrie.

Ähnlich dramatisch verhält es sich mit dem Anbau vieler Lebensmittel …

Absolut. In Bananenplantagen in Ecuador, die nicht Bio oder Fair Trade sind, stehen die Bauern ohne Mundschutz, während Flugzeuge hochgiftigen Insektenschutz auf sie niederregnen lassen. Das sind alles Dinge, die wir durch unseren unbedachten Konsum befeuern. Würden wir alle Bio und Fair Trade kaufen, gäbe es solche Plantagen nicht. Würden wir alle Patagonia- oder

Armed Angels-Kleidung kaufen, gäbe es keine Ausbeuter-Fabriken in Bangladesh. Solche Umstände befeuern wir. Wir tragen mit unserem Geldbeutel eine große Verantwortung und haben mit ihm größere Macht als wir glauben.

Fragen Sie beim Kauf einer Hose jedes Mal nach, ob sie unter akzeptablen Bedingungen genäht wurde?

Ja. Ich kaufe auch so viel wie möglich gebraucht. Ich bin leidenschaftlicher Motorradfahrer und meine Motorradkleidung ist überwiegend Second Hand. Ich kaufe oft auch Kleidung von Filmproduktionen ab, in denen ich mitgespielt habe, sodass die nicht weggeworfen wird. Es gibt Marken, die ihre Klamotten fair herstellen. GOTS, Fair Wear, Greenpeace – es gibt so viele Siegel und Webseiten, auf denen man sich erkundigen kann. Es ist nicht viel Arbeit, bio und fair zu konsumieren.

Woran scheitert es dann doch? An der Sparsamkeit, weil Bio und Fair Trade teurer ist?

Geiz scheint nach wie vor „geil“ zu sein. Die Mehrheit der Kunden sagt, dass sie bereit wäre, mehr Geld für Bio-Fleisch aus korrekter Tierhaltung auszugeben – und dann stehen sie vor dem Regal und greifen doch wieder zum billigsten Hähnchenschnitzel.

Einer Ihrer Appelle ist, weniger Fleisch zu essen … worauf sollten wir beim Essen grundsätzlich achten?

Ich kaufe, wie gesagt, fast ausschließlich Bio- und Fair-Trade-Produkte. Ich bin seit über dreißig Jahren Vegetarier. Ich sage deswegen nicht, Finger weg vom Fleisch. Nur: Wer Fleisch kauft, der sollte Bio-Fleisch kaufen, auch wenn es teurer ist. Wenn du es dir nicht täglich leisten kannst, dann reduziere lieber deinen Fleischkonsum auf den guten alten Sonntagsbraten, statt jeden Tag ungesundes Billigfleisch zu essen.

Vor zehn Jahren merkten Sie in einem Interview mit Schrot&Korn das dürftige Angebot an vegetarischen Speisen in deutschen Restaurants an. Hat sich in dieser Hinsicht seitdem etwas verändert?

Ja, man kann jetzt sogar in München vernünftig vegan essen gehen. Das ist ein echter Fortschritt. Vor fünf Jahren war das noch schwieriger. In Bayern wurdest du als Veganer angeschaut als hättest du eine Krankheit. Auch Vegetarier hatten es nicht immer leicht. In einem Dorf am Ammersee zum Beispiel gibt es ein gutbürgerliches Lokal, die hatten in ihrer Speisekarte zwei vegetarische Gerichte aufgeführt ... beide mit Forelle. Das schien im ländlichen Bayern als vegetarisches Essen zu gelten. Aber das hat sich geändert. Jetzt bekommst du fast überall fleischlose Speisen.

Wie können wir junge Menschen für mehr Umweltbewusstsein begeistern?

Nachhaltigkeit sollte als Schulfach ab der ersten Klasse eingeführt werden. Ab dem sechsten Lebensjahr sollte ein Kind wissen, was Plastik bedeutet, was Plastikmüll für unsere Umwelt bedeutet. In welchen Nahrungsmitteln Zucker versteckt ist und dass er auf Dauer schädlich ist. In Waldorfschulen bauen Siebenjährige schon ihr eigenes Gemüse an. Das sollte nicht die Ausnahme, sondern die Regel in Grundschulen sein. Auch müsste Nachhaltigkeit im Grundgesetz verankert werden.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann die Schauspielerei an den Nagel zu hängen und Politiker zu werden?

Ich erhalte schon seit Jahren regelmäßig Angebote aus der Politik. Bis auf die AfD und die NPD hat so ziemlich jede Partei bei mir angeklopft. Ich habe auch schon Wahlkampf für gewisse Leute gemacht, für Peer Steinbrück zum Beispiel oder Margarete Bause, die jetzt für die Grünen im Bundestag ist. Für wen ich mich engagiere, mache ich an den Personen fest, aber ich habe keine Lust, mich in einem Parteiapparat verschleißen zu lassen. Dafür bin ich zu gerne Schauspieler. Außerdem glaube ich, mit meinen Dokumentationen mehr bewegen zu können.

Haben Sie ein Herzensprojekt, welches Sie unbedingt realisieren möchten?

Ja, ich würde gern ein Buch über Wasser veröffentlichen. Eine Art Liebeserklärung an das umkämpfte Element. Und ich würde gerne ein Buch übers Detoxen machen. Und zwar nicht nur im körperlichen, sondern auch im mentalen Sinne. Alle reden über vergiftete Lebensmittel, aber wir vergiften uns ja auch mental, vor allem mit unreflektiertem Medien-Konsum und Idolen, die keine sein sollten.

Renato Leo und Hannes Jaenicke (© Privat)Ob Hannes Jaenicke (r.) bald in der Politik zu sehen ist? Im Interview mit Renato Leo wetterte er auch gegen die AfD und Donald Trump.

 

 

 

 

Zur Person:

Interview mit Hannes Jaenicke (© Sebastian Reuter)
(© Sebastian Reuter)

Hannes Jaenicke

... wurde am 26. Februar 1960 in Frankfurt/Main geboren. Nach seiner Schauspielausbildung am renommierten Wiener „Max-Reinhardt-Seminar“ ging Jaenicke auf die Wiener Opernschule und auf die „London School of Modern Art“. Seinen TV-Durchbruch feierte er 1984 an der Seite von Götz George im Kult-Thriller „Abwärts“. Im Mai 2017 erschien mit „Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche“ sein drittes Buch. Bereits als Teenager war Jaenicke Mitglied bei Greenpeace, seit über 30 Jahren ist er Vegetarier. „Hüter der Geschichte“ läuft am 7. Januar und 24. Februar im Bezahl-Sender History. Am 16.
Januar zeigt das ZDF Jaenickes Doku über bedrohte Nashörner. www.hannes-jaenicke.info

Erschienen in Ausgabe 01/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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Grundgesetz, § 20 a: Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung. ----- Das könnte zwar verdeutlicht und ausgebaut werden, drinstehen tut sowas in der Richtung jedenfalls schon....

Christa Rustler

H. Jaenicke sieht seinen Tabakkonsum als Genuss. Was damit zusammenhängt wird in der Ökobranche weitgehend ausgeblendet, oft noch Werbung für Öko-Tabak gemacht und verkauft. Es gibt keinen fairen Tabakkonsum www.unfairtobacco.org Tabak verursacht die meisten vorzeiten Todesfälle weltweit und ist Ursache für Krankheit, Armut und Umweltzerstörung. Unfairtobacco hat 2017 eine Auszeichnung der WHO für den umfassenden Recherchen und Informationen zu den Schäden durch Tabakkonsum und zu den Strategien der Tabakindustrie erhalten.