Mann im Moor - Schrot und Korn

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Mann im Moor

Hans Joosten in seinem Element. In schlammigen Moorlandschaften sieht er einen lebenden Organismus. © Privat

 

NATURSCHUTZ Hans Joosten erforscht Moore und ihre Geschichte. Er ist ihr Anwalt in Klimaverhandlungen und fordert eine neue Art Landwirtschaft. Andrea Hoferichter

Wenn Hans Joosten von der Universität Greifswald über Moore spricht, mit niederländischem Akzent, ist er kaum zu bremsen. Nach gut einer Stunde Gespräch bittet er, man möge doch auch mal eine Frage stellen. Da sind schon viele beantwortet. Zum Beispiel, was ein Moor ausmacht. „Moor ist so nass, das können sich die meisten Menschen gar nicht vorstellen. Es besteht zu 95 Prozent aus Wasser. Das ist nasser als Milch oder Bier und trotzdem kann man noch drauf laufen“, sagt er. In Deutschland finde man solche Landschaften kaum noch. Deshalb fährt er mit seinen Studierenden einmal im Jahr nach Weißrussland, wo sie bis zu den Knien in der dunklen Suppe versinken und jeder Schritt klingt wie ein Schmatzen. „Man spürt die Geschichte des Moores unter sich und oben ist der Himmel ganz offen. Das ist schon prägend“, erzählt er.


KLIMA: Feuchtgebiete machen nur drei Prozent der Landfläche aus,
speichern aber enorme Mengen Kohlenstoff. Legt man sie trocken, werden sie zu
wahren Kohlendioxidschleudern und gefährden das Klima.


Die fünf Prozent Feststoff im Moor sind Torf, eine Mischung vor allem aus Humus und Pflanzenresten, vom leicht sauren Moorwasser konserviert wie Gewürzgurken in Essig. Ab und zu fordert Joosten seine Studierenden zu einer Verkostung auf, den Matsch mit Gaumen, Zunge und Zähnen zu untersuchen. „Das ist natürlich auch ein bisschen Show, weil ich weiß, dass das Aufmerksamkeit schafft“, räumt er ein. Dennoch sei es wichtig, einen Forschungsgegenstand ganzheitlich zu begreifen. „Ich versenke meine Arme ins Moor und ich schmecke es. Wäre ich Weinforscher, würde ich vermutlich viel Wein trinken.“ Und wie Weinkenner vom Körper eines edlen Tropfens sprechen, ist für Joosten auch das Moor eine Art Körper.

„Moore sind wie lebende Organismen. Sie wachsen und reifen, werden mit dem Alter immer besser. Denn sie haben Mechanismen der Selbstorganisation über Tausende Jahre entwickelt“, erklärt er. Muster dieser Selbstorganisation sind auch auf Satellitenaufnahmen gut zu erkennen. Zum Beispiel ein Moorgebiet in Minnesota: Die Hochmoore sehen aus wie Schiffe, die Niedermoore bilden die Wellen. Joosten findet das „großartig“.

Links oben: Torf ist der Stoff, aus dem die Moore sind. Es ist aus den Resten der Moorpflanzen entstanden. Links unten: Wasserbüffel lieben Moore und Feuchtwiesen als Lebensraum. Rechts: Ernte von Torfmoosen auf einer Pilotfläche des Greifswald Moor Centrum. Torfmoose können einen nachwachsenden Ersatz für Torf liefern © Tobias Dahms/lensescape/Peter Biel; mauritius images /Torsten Krüger

Nasse Moore: Kohlenstoffspeicher

Dabei haben ihn Moore lange völlig kaltgelassen. „Vermutlich weil ich in den Niederlanden zwischen Mooren groß geworden bin. Das war einfach nichts Besonderes“, sagt er. Erst später habe ihn das Moor „gegriffen“. Heute ist er Moorkundler und Paläoökologe, erforscht also die Ökologie der Vergangenheit. Moore seien wie Archive, sagt er. Über die Pollenarten in verschiedenen Moortiefen zum Beispiel könne sein Team die Vegetation der Vergangenheit rekonstruieren. 

Aber es geht ihm auch um die Zukunft, darum, Moore als einzigartigen Lebensraum und mächtigen Kohlenstoffspeicher zu schützen. „Moore machen nur drei Prozent der Landfläche aus. Sie speichern aber doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Welt zusammen, die 30 Prozent der Fläche bedecken“, berichtet er. Sie seien deshalb eine wichtige Stellschraube für das Weltklima. Und so setzt er sich schon lange auch politisch für den Moorschutz ein, etwa als Generalsekretär der Internationalen Moorschutzorganisation und im Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC).

Trockene Moore: Kohlendioxid-Schleudern

Intakte, nasse Moore sind praktisch klimaneutral. Sie speichern Kohlendioxid (CO₂) und geben gleichzeitig das klimaschädliche Gas Methan ab. Legt man sie allerdings trocken, werden sie zu wahren Kohlendioxidschleudern. Sauerstoff und Mikroben zerlegen die über Jahrtausende gespeicherten Kohlenstoffverbindungen. Dabei wird das CO₂ frei. „Nur 15 Prozent der weltweiten Moorflächen wurden bisher trockengelegt, vor allem für Land- und Forstwirtschaft, aber sie tragen rund fünf Prozent zu den globalen Treibhausgasemissionen bei“, betont der Forscher. Das ist mehr als der Flugverkehr. Jeder Hektar trockenes Moor, also die Fläche eines größeren Fußballfeldes, stößt in nur einem Jahr so viel Treibhausgas aus wie ein Familienauto auf 135 000 Kilometern.

Dabei sind die Übeltäter als solche nicht zu erkennen. Trockene, „tote“ Moore verbergen sich unter Wiesen, auf denen Kühe grasen, unter Maisfeldern, Wäldern und Ölpalmenplantagen. Und die schlechte Klimabilanz steckt unerkannt in Produkten wie Milch, Käse, Schokocreme oder Kuchen. „Meine Leute haben mal ausgerechnet, dass pro Kilogramm Gouda 55 Kilogramm Kohlendioxid freigesetzt werden, wenn die Milch von Kühen auf Moorweiden stammt“, erzählt der Forscher. Ähnliches gilt auch für den Abbau von Torf für die Anzucht von Pflanzen und Gemüse. „Es ist zurzeit praktisch kein Gemüse zu kaufen, das nicht irgendwann einmal mit Torf in Kontakt war“, sagt der Wissenschaftler. Deshalb seien selbst Tomaten oder Gurken klimaschädlicher als man gemeinhin denke.


TROCKENE MOORE:
Trockene, „tote“ Moore verbergen sich oft unter Wiesen, auf denen Kühe grasen,
unter Maisfeldern, Wäldern oder Palmöl-Plantagen.


Doch der Moorkundler ist optimistisch, dass sich das bald ändern wird. „Nach dem Pariser Klimaschutzabkommen müssen alle menschgemachten Kohlendioxidemissionen bis 2050 auf Null sein. Und für die Moore bedeutet das, dass alle trocken gelegten Flächen wieder vernässt werden müssen, etwa 50 Millionen Hektar weltweit“, sagt er. Die Flächen könnten auch danach noch wirtschaftlich genutzt werden. Das erfordere allerdings einen Paradigmenwechsel. „Wir müssen auf nasse Systeme umdenken, eine neue Art Landwirtschaft betreiben, die wir Paludikultur nennen“, fordert Joosten. „Denn natürlich kann ich im Wasser keine Kartoffeln anbauen, aber Schilf statt Mais zum Beispiel oder Rohrkolben, die einen Superdämmstoff für Gebäude abgeben, und statt Ölpalmen Sagopalmen oder Nussbäume.“ Sein Team prüft gerade, was alles geht, und hat schon mehr als 1000 geeignete Pflanzenarten auf der Liste. Weit oben steht auch Torfmoos, das in Zukunft den klimaschädlichen Torfabbau überflüssig machen könnte.

Permafrost: „Wir haben da eine Bombe liegen“

Aber auch Grundlagenforschung liegt dem Moorkundler am Herzen. Sein aktuelles Lieblingsthema: Permafrostmoore. „Dazu gibt es bisher nur anekdotische Forschung und es fehlt die Datengrundlage für größere Aussagen, für Klimamodelle. Wir haben da eine Bombe liegen, wissen aber nicht ausreichend genau, wie sie funktioniert“, sagt er. Das liege auch daran, dass es bisher nur wenige Forschungsstationen gebe, wo man ein Bett und Verpflegung bekomme. In Dauerfrostgebiete, wo man sich selber versorgen muss, zieht Joosten deshalb mit Zelt und Rucksack los. Er könnte sich natürlich auf tropische Moore konzentrieren. „Die sind interessant und wichtig. Da arbeiten wir auch. Aber ich bin lieber in der Kälte.“

Nicht zuletzt will der Forscher herausfinden, warum Moore noch immer mit negativen Assoziationen verbunden sind. „Wenn ein Wald abgeholzt wird, finden die Leute das schrecklich. Aber wenn aus einem Moor eine blühende Wiese wird, sehen sie das eher positiv. Dabei ist der Schaden für das Klima viel größer“, sagt er. Allerdings sei das Wissen darum auch noch recht jung, das Ausmaß erst seit zehn, 15 Jahren bekannt. Um so mehr freut er sich über Fortschritte. „Früher war ich bei den Sitzungen zur Klimakonvention der Einzige, der das Thema angesprochen hat. Jetzt wird dort auch über Moore geredet, wenn ich nicht dabei bin.“

Moorwissenschaftler des Greifswald Moor Centrum demonstrieren bei Fridays for Future © Nina Körner

Klimaschutz

Moor muss nass sein

  • Seit dem 17. Jahrhundert werden Moore in Deutschland entwässert und abgebaut. Doch Moorschutz ist unerlässlich, denn die Feuchtgebiete speichern enorme Mengen Kohlendioxid. Moorschutz ist kostengünstiger Klimaschutz. Der BUND fordert, entwässerte Flächen wiederherzustellen und kämpft für Schutz und Renaturierung der Moore in Deutschland.
  • Paludikultur ist die land- und forstwirtschaftliche Nutzung nasser Moore. Die nasse Bewirtschaftung von Moorböden bringt Klimaschutz durch Minderung des CO₂-Ausstoßes und durch Verdunstungskühlung. Traditionelles Beispiel ist Schilf für Reetdächer. Neue, nachhaltige Nutzungen sind u.a.: Rohrkolben für Dämmungen oder Torfmoos als Torfersatz
  • Wasserbüffel sind perfekte Moorschützer, denn sie beweiden mit Vorliebe Feuchtwiesen und nasse Moore und bewahren sie so erstens vor Verbuschung und zweitens vor klimaschädlicher Umwandlung in Wiesen und Weiden.

Das Moor und der Klimaschutz

  • Trockene Moore müssen zum Schutz des Klimas wieder vernässt werden.
  • 15 Prozent der Moore weltweit, 50 Millionen Hektar, sind trocken gelegt.
  • Moore machen zwar nur drei Prozent der weltweiten Landfläche aus, doch sie speichern doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Welt zusammen. Weltweit bedecken Wälder 30 Prozent der Landfläche.
  • Moor besteht zu 95 Prozent aus Wasser, fünf Prozent sind Feststoffe, das Torf. 

Mehr zum Thema:

www.moorwissen.de
Wissensplattform zum Schutz von Mooren und Klima. Sehr sehenswert ist der Film „Moor muss nass“ des Projekts MoorDialog.

www.bueffel-farm.de
Infos über Bio-Wasserbüffel als Landschaftspfleger für Moore und Feuchtgebiete

www.bund.net/themen/naturschutz/moore-und-torf
Auf der Seite des BUND gibt es drei Broschüren zum Download.

www.greifswaldmoor.de
Das Greifswald Moor Centrum versteht sich als Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis in allen Moorfragen – lokal und weltweit.

Wichtmann, Wendelin/Schröder, Christian/Joosten, Hans (Hrsg.); Paludikultur – Bewirtschaftung nasser Moore: Klimaschutz – Biodiversität – regionale Wertschöpfung. Schweizerbart’sche 2016, 272 Seiten,  59,90 €

Interview: „Es ist problematisch, Torf zu nutzen“

Dr. alexander Gerber Der Agrarwissenschaftler steht seit sechs Jahren dem Bio-Anbauverband Demeter vor. © Eva Müller für Demeter e.V.

 

Um die Moore zu schützen, empfiehlt der BUND im Garten und Balkon ausschließlich torffreie Blumenerde zu verwenden. Was ist das Problem mit torfhaltigen Erden?

Der Abbau von Torf zerstört die Moore und führt so zu einem Verlust an Artenvielfalt. Auch was den Klimaschutz anbelangt, ist es problematisch, Torf zu nutzen, denn durch das Trockenlegen von Mooren wird viel CO₂ freigesetzt. In Deutschland gibt es nur noch ganz wenige intakte Hochmoore. Deswegen ist es uns wichtig, wir sehen es als unsere Aufgabe, eine Alternative für torfhaltige Pflanzenerde zu finden, die sich auch für Erwerbsbetriebe eignet. 

Verwendet Demeter im Bio-Gartenbau torffreie Erde?

Torffreie Erde ist bisher bei uns nicht vorgeschrieben. Demeter war jedoch der erste Bio-Anbauverband, der bereits 2009 die Verwendung von Torf bei Anzuchterden auf 70 Prozent gesenkt hat. Herkömmliche Anzuchterden enthalten zwischen 80 und 90 Prozent Torf. 2014 haben wir den Torfanteil bei Topferden auf 50 Prozent reduziert. Heute diskutieren Demeter-Gärtner intensiv darüber, wie sie den Torfanteil in Anzucht- und Topferden noch weiter reduzieren können. Einzelne Betriebe arbeiten sogar jetzt schon vollkommen torffrei, etwa die „Lichtenborner Kräuter“, die eine torffreie Erde verwenden, die mithilfe von biodynamischen Methoden aus heimischem Pflanzenmaterial hergestellt wurde. Sie besteht aus Eichenrindenkompost, Holzfasern, Rindenhumus, Tonmineralien und organischem Dünger.

Was ist denn das Besondere an Torf, das es so schwierig macht, im Profi-Gartenbau auf torfhaltige Erde zu verzichten?

Torffreie Erden können im Hobbybereich problemlos eingesetzt werden, für Erwerbsbetriebe spielen noch andere Faktoren eine Rolle: Torf kann das 21-Fache seines Eigengewichts an Wasser und darin gelösten Nährstoffen speichern und bei Bedarf abgeben. Gerade für Jungpflanzen ist es notwendig, dass sie in diesem frühen Stadium optimal mit Wasser und Nährstoffen versorgt werden. Passiert das nicht, kann das leicht dazu führen, dass sich die Pflanze später nicht mehr optimal entwickelt.

Welche Alternativen für Torf gibt es?

Torfalternativen – etwa aus Holzschnitzeln – müssen hohen Anforderungen genügen, gut erforscht werden und sich in der Praxis bewähren. Holzhackschnitzel müssen sehr aufwendig kompostiert werden, um die darin enthaltenen Gerbsäuren abzubauen. Was diese Herausforderung anbelangt, arbeiten wir bereits mit Herstellern zusammen, die dabei biodynamische Präparate einsetzen, die sich positiv auf den Kompostierungsvorgang auswirken. Eine andere Alternative für Torf wäre Kokosfaser. Allerdings ist diese nicht regional, außerdem schwer kompostierbar und speichert weniger Wasser.

 

Erschienen in Ausgabe 11/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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Carl S.

Anbei eine weitere interessante Studie zur Klimawirkung von Mooren.
Der Effekt von Mooren sei deutlich positiver als bei Acker- und Grasland, aber es bleiben auch bei Mooren Emmisionen mit Klimaeffekt (Methan und Lachgas)

https://www.umweltdaten.landsh.de/nuis/upool/gesamt/jahrbe07/Zur%20Bedeutung%20von%20Mooren.pdf

Schuhmann

Im Interview meinte Dr. Gerber, dass torffreie Erden im Hobbybereich problemlos eingesetzt werden können. Ich habe als Hobbygärtnerin da leider bisher nur schlechte Erfahrungen gemacht. Torffreie Anzuchterde funktioniert z.B. überhaupt nicht. Die Pflanzen keimen zwar, wachsen aber nicht gut weiter. Auch mit torffreien Blumenerden, die ich z.B. für Zimmerpflanzen verwendet habe, konnte ich keine guten Erfahrungen machen. Auch hier wuchsen die Pflanzen schlecht bis gar nicht. Im Buch „Permakultur“ von Sigrid Drage wird erwähnt, dass diese Erden zu sauer sind und nicht in der Lage Nährstoffe länger zu speichern. Das würde an der Herstellung liegen. Da ich Torf möglichst nicht verwenden möchte, experimentiere ich mit verschiedenen Mischungen aus torfreier Blumenerde, Gartenerde, Kompost, Sand und manchmal auch mit herkömmlicher Erde (z.B. für die Jungpfanzenanzucht), was aber auch nicht so ganz einfach ist. Die Ergebnisse sind nicht immer befriedigend. Ich würde mich sehr freuen, wenn sie das Thema in einem Artikel weiter vertiefen würden. Eventuell haben andere Hobbygärtner schon weitere Erfahrungen gesammelt? Das wäre sehr interessant für mich.