Monsanto Tribunal: Hoffnung auf Gerechtigkeit - Schrot und Korn

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Monsanto Tribunal: Hoffnung auf Gerechtigkeit

Monsanto Tribunal  (© Karin Heinze)
Der kolumbianische Kleinbauer Pablo Mutumbajoy berichtete von Missbildungen bei Mensch und Tier. (© Karin Heinze)

UMWELT 30 Menschen haben vor dem Monsanto Tribunal in Den Haag ausgesagt. Karin Heinze war für Schrot&Korn vor Ort – und tief erschüttert.

Sabine Grataloup, Pablo Mutumbajoy, Ignacio Pereyra: Drei von 30 Zeugen, die alle den Mut fanden, Mitte Oktober vor dem Tribunal gegen Monsanto auszusagen. Sie gaben damit den unzähligen Menschen ein Gesicht, die sich durch die Produkte und Aktivitäten von Monsanto geschädigt sehen. In dem symbolischen Prozess ging es darum, die umwelt- und gesundheitsschädigenden Tätigkeiten, die dem Chemie- und Agrarkonzern Monsanto zur Last gelegt werden, zu verurteilen.

Die Atmosphäre im „Gerichtssaal“ war geprägt von der Hoffnung der Opfer, dass ihnen künftig endlich Gerechtigkeit widerfahren könnte und dem bekundeten Willen der Organisatoren des Tribunals, „Ökozid“, also Verbrechen gegen die Umwelt, als Tatbestand im internationalen Recht zu verankern. Damit wäre die juristische Grundlage geschaffen, Entscheidungsträger in Unternehmen wie Monsanto haftbar zu machen.

Der Zeitplan in Den Haag war eng getaktet. In jeweils 15 Minuten konnten die Zeugen ihre Geschichte darstellen. Sabine Grataloup war die erste. Sie legte dem Tribunal Bilder ihres Sohnes Theo vor und schilderte das Schicksal des heute 9-Jährigen. Ihm fehlte bei der Geburt der untere Teil der Luftröhre. Dutzende von Operationen folgten, um ihn überleben zu lassen. Grataloup macht Monsanto dafür verantwortlich. Während der Schwangerschaft hatte sie auf ihrem Betrieb Glyphosat gespritzt. Sie war sicher, es ist ungefährlich, so wie die Firma das Produkt anpries. Als ein Arzt sie auf Pestizide als möglichen Grund für die Missbildung aufmerksam machte, fing sie an nachzuforschen. Sie stieß auf Untersuchungen aus Argentinien, die den Zusammenhang zwischen dem Wirkstoff Glyphosat und einer fehlenden Ausbildung der Luftröhre thematisieren.

Monsantos Lügen

Im Laufe der weiteren Anhörungen übergab der argentinische Anwalt Juan Ignacio Pereyra, der Opfer von Pestizid-Sprühungen in seiner Heimat vertritt und ebenfalls als Zeuge sprach, den Richtern Material dazu. Der Zusammenhang zwischen der ersten Aussaat von gentechnisch verändertem Soja, der intensiven Nutzung glyphosathaltiger Pestizide und dem Anstieg der Rate von Missbildungen, Krebserkrankungen und unbegründeten Aborten springe ins Auge. „Heute finden wir Glyphosat im Wasser von Flüssen, im Regen und in der Luft“, klagt er an. Es sei eine Lüge, dass das Mittel bei Berührung mit dem Boden ungiftig werde.

Die rund 750 Teilnehmer aus 30 Nationen waren unter sich, denn der „Angeklagte“, der US-Konzern Monsanto und auch der künftige Eigentümer, der deutsche Konzern Bayer, blieben der Veranstaltung fern. In einer kurz vor dem Tribunal veröffentlichten Stellungnahme schrieb Monsanto, es handle sich um einen „Scheinprozess“, dessen Ergebnis schon im Voraus feststehe. Dagegen verwehrte sich die vorsitzende Richterin Françoise Tulkens zu Beginn der Anhörungen: Die fünf international renommierten Richter würden nach den Grundsätzen des Internationalen Gerichthofes vorgehen und die Aussagen unvoreingenommen überprüfen.

Die Liste der Anklagepunkte ist lang. Das Richtergremium soll aufgrund der Zeugenaussagen klären, ob Monsanto durch seine Aktivitäten internationale Rechtsvereinbarungen verletzt hat. Unter anderem geht es um die Verletzung des Rechts auf sichere, saubere und gesunde Nahrung und Umwelt sowie um die Verletzung der Freiheit unabhängiger Forschung und es geht um die Beihilfe zu Kriegsverbrechen durch das Entlaubungsmittel Agent Orange während des Vietnam-Krieges.

Monsantos langer Arm

Die Richter hörten Berichte aus Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Paraguay, Sri Lanka und aus Frankreich. Dabei war auch von politischen und institutionellen Verflechtungen die Rede.

Ein Beispiel brachte der Kleinbauer Pedro Pablo Mutumbajoy. Etwas unsicher verlas er anfangs seinen Text. Doch im Laufe seiner Rede wurde er kraftvoller. Was er sagte, ist unfassbar. Demnach wurden in Kolumbien in 20 Jahren 22 Millionen Liter hochkonzentriertes Glyphosat auf fast zwei Millionen Hektar Land gespritzt, vorwiegend aus der Luft. „Es traf nicht nur die Coca-Pflanzungen der Rebellen, die die Regierung vernichten wollte, sondern unser aller Land.“ Die Folge: Missbildungen bei Menschen und Tieren.

Ähnliches berichteten die Zeugen aus anderen lateinamerikanischen Staaten. Und sie beklagten, dass es sehr schwierig sei, die Beweisführung gegen involvierte Staaten und gegen Monsanto anzutreten. Der Konzern habe eine ganze „Armee bezahlter Wissenschaftler“, die Unbedenklichkeitsstudien produzieren, und er habe beste Kontakte bis in die Regierungsspitzen.

Richterin Françoise Tulkens führte sachlich und souverän den Vorsitz des Tribunals. Die erfahrene Juristin, frühere Vize-Präsidentin des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte und derzeitige zweite Vorsitzende des wissenschaftlichen Komitees der europäischen Agentur für fundamentale Rechte (FRA) dankte allen Zeugen und fasste in ihrem Schlusswort die nächsten Schritte zusammen: „Wir können kein Urteil fällen, aber wir haben ein empfehlendes Mandat.“ Gemeinsam mit ihren vier Kollegen werde sie die vorgelegten Dokumente und Aussagen der Zeugen sowie die Plädoyers der Anwälte prüfen. Ihr Rechtsgutachten sei frühestens im Dezember zu erwarten.

Schirmherrin Marie-Monique Robin zeigte sich nach den zwei Tribunaltagen hoffnungsvoll: „Das Leben auf diesem Planeten ist gefährdet. Deshalb hoffen wir, das Tribunal leistet einen Beitrag dazu, dass Glyphosat verboten wird und dass das Verbrechen Ökozid angeklagt werden kann.“

Monsanto Tribunal (© Karin Heinze)

Die fünf Richter hörten zwei Tage lang die Zeugen. (© Karin Heinze)

www.schrotundkorn.de/tribunal Blog von Karin Heinze über das Tribunal

www.monsanto-tribunal.org
Infos und Spendemöglichkeit für die Opfer

Monsanto Tribunal: Rechtsgutachten mit empfehlendem Mandat

Das Monsanto-Tribunal ist eine „internationale zivilgesellschaftliche Initiative“, so die Initiatoren. Unter der Schirmherrschaft der französischen Autorin und Filmemacherin Marie-Monique Robin stellte das Organisationsteam mit Hunderten freiwilligen Helfern das dreitägige Event auf die Beine. Allein finanziert durch Spenden, wurden Zeugen aus allen Kontinenten der Welt nach Den Haag geholt, um auszusagen. 

Das Tribunal in Den Haag war zwar nur ein symbolischer Prozess. Allerdings wurde er von echten Anwälten und Richtern nach den Verfahrensregeln des Internationalen Gerichtshofs geführt. Das daraus folgende Rechtsgutachten geht als empfehlendes Mandat an den Internationalen Gerichtshof.

Anliegen des Tribunals:
1. Exemplarisches Urteil gegen ein Unternehmen, das aus Sicht der Organisatoren die Sicherheit von Erde und Menschen bedroht.
2. Tatbestand des „Ökozids“ ins internationale Strafrecht aufnehmen.

(© Karin Heinze)
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Der kolumbianische Kleinbauer Pablo  Mutumbajoy berichtete von Missbildungen  bei Mensch und Tier. (© Karin Heinze)
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Die fünf Richter hörten zwei Tage lang die Zeugen. (© Karin Heinze)
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(© Karin Heinze)
Erschienen in Ausgabe 12/2016
Rubrik: Leben&Umwelt

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