Kommt die Textilwende? - Schrot und Korn

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Kommt die Textilwende?

Textilbündnis (Foto: dpa picture alliance)
Ziel des Bündnisses für nachhaltige Textilien: die Arbeitsbedingungen der Näherinnen verbessern. (© dpa picture alliance)

MODE Mit viel Elan und viel Aufsehen wurde vor einem Jahr das Bündnis für nachhaltige Textilien gegründet. Was ist daraus geworden? // Sylvia Meise

Der Schock saß tief, als 2013 über 1000 Menschen beim Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesh ums Leben kamen. Schnell war klar: Das Unglück von Rana Plaza, wo für 28 deutsche Firmen genäht wurde, war das Ergebnis eines gnadenlosen Preisdrucks. Schluss damit! Das forderten NGOs schon lange, als Entwicklungsminister Gerd Müller im vergangenen Jahr mit seinem „Bündnis für nachhaltige Textilien“ vorpreschte. 

Ausgerechnet ein CSU-Mann ohne textile Expertise. Die Branche war überrascht. Mit Hilfe von Nachhaltigkeits-Experten aus Öko-Textil-Firmen und NGOs entwarf er den „Aktionsplan“. Eine Liste, ebenso ehrgeizig wie die Geschwindigkeit, mit der Gerd Müller voranstürmte. Sein erklärtes Ziel: „Konkrete Verbesserungen der sozialen und ökologischen Standards in der Textil- und Bekleidungsindustrie“. 

Kurz vor der Gründung jedoch wandten sich viele der konventionellen Akteure ab. Trotz Zugeständnissen bei den Anforderungen machten sie nicht mit – und liefen damit gegen den Trend. Denn Modemessen und Nachfrage zeigen, dass die Verbraucher mehr Nachhaltigkeit wollen. Angela Merkel sprach über das brisante Thema sogar auf dem G7-Gipfel und unterstrich die globale Dimension. 

Adidas, C&A und Kik treten dem Bündnis bei

Im Juni 2015, einen Monat vor der Wahl des neuen Führungskreises des Textilbündnisses, brach dann der Damm. Seitdem sitzen auch Handelsverbände wie der HDE und deren Mitglieder, darunter Adidas, C&A, H&M, Otto und Kik, mit im Bündnisboot. 

Jetzt wird Seite an Seite mit den Engagierten verhandelt. Mit NGOs, Gewerkschaftlern und Bio-Pionieren, die schon seit Jahren die Messlatte aus eigenem Antrieb hochlegen. Darunter Hess Natur, Living Crafts und Maas Naturwaren. Die Naturmodefirma Hess Natur hat zudem eine Stiftung gegründet, um die Mitglieder beraten zu können. Warum? Rolf Heimann von der Stiftung ist überzeugt: „Endlich gibt es die Möglichkeit, das Thema Nachhaltigkeit breit in der Branche zu thematisieren. Das ist eine historische Chance!“ 

Kirsten Brodde, Macherin der Greenpeace-Kampagne „Detox“ und Herausgeberin des Blogs „Grüne Mode“ sieht das anders: „Warum sollen wir bei der Lightversion mitmachen, wo wir längst gezeigt haben: Es geht auch auf höherem Niveau?“ Sie kritisiert damit die Anforderungen, die das Bündnis an seine Mitglieder stellt. Für Firmen, die in puncto Nachhaltigkeit, Umweltschutz und soziale Arbeitsbedingungen bei null stehen, sei es natürlich schwerer, Standards zu erfüllen. Aber: Niemand verlange eine Umsetzung über Nacht. Was Brodde aber sehr wohl verlangt, sind klare Vorgaben und Fristen sowie Kontrollinstrumente. Und die würden fehlen. Greenpeace ist dem Bündnis von Entwicklungsminister Gerd Müller nicht beigetreten.

Das Bündnis steht am Scheideweg

Sowohl das Argument pro Bündnis „Wir müssen alle mitnehmen“ wie auch das dagegen „Wir dürfen bestehende Standards nicht verwässern“ sind nachvollziehbar. Das sieht auch Enrico Rima so. Der Berliner Umweltwissenschaftler ist als Mitgründer der Online-Stoffagentur Lebenskleidung.de dem Bündnis beigetreten. Grundsätzlich findet Rima das Bündnis richtig: „Es muss eine Veränderung her!“ Es sei wichtig, dass man miteinander redet. Anfangs war Rima skeptisch: „So ein Minister möchte viel Wind machen und Ergebnisse präsentieren. Und es war ja auch zwischenzeitlich sehr mühsam. Aber ich muss zugeben, dass ich seine Penetranz unterschätzt habe. Er nimmt das Thema wirklich ernst.“ 

Allerdings wird Rima die nächsten Monate wie seine grünen Kollegen genau verfolgen, wie es weiter geht. Durch die Beitrittswelle im Juni hat sich das Machtverhältnis zugunsten der konventionellen Unternehmen verschoben. Seit der Wahl im Juli sind die vier Plätze, die für die Wirtschaftsvertreter vorgesehen sind – und vorher zur Hälfte grün besetzt waren – komplett in konventioneller Hand. Zwar werden die Handlungsvorgaben durch vier Arbeitsgruppen erarbeitet, in denen Vertreter der Öko-Labels oder NGOs sitzen, doch die Entscheidungsmacht liegt beim Steuerkreis des Textilbündnisses.

Auch wenn die Besetzung wie ein erwartbares Ergebnis wirkt, hinter den Kulissen tobte der Wahlkampf. Dumm, dass die Vertreter der Öko-Wirtschaft eher auf Demokratie denn auf Strategie gesetzt haben, und zu fünft gegeneinander angetreten sind. Darunter auch Heike Scheuer vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft IVN, die bis Juli selbst im Steuerkreis saß. „Politik halt“, kommentiert sie und betont: „Das wird uns nicht noch einmal passieren.“ Dass die Wahl knapp ausfiel, macht sie dennoch zuversichtlich. „Wenn jetzt mit Hochdruck weitergearbeitet wird, kann man in sechs Monaten sehen, wohin die Reise geht.“ 

Das erste greifbare Projekt des Bündnisses ist die Webseite „Siegelklarheit.de“. Sie listet das Dutzend derzeit gebräuchlicher Siegel gut vergleichbar auf. Als nächstes muss es jetzt darum gehen, sich mit möglichst vielen Akteuren auf einen Standard zu einigen, der von allen angestrebt wird, und den Ist-Stand aller Mitglieder entlang ihrer Produktionskette zu ermitteln. 

Denkbar und von einigen Mitgliedern geäußert wäre eine Zertifizierung aller Beteiligten in drei Stufen, etwa so: Anforderungen zu 30, 70 oder 100 Prozent erfüllt. Damit ließe sich ablesen, welche Unternehmen sich ernsthaft auf den Weg gemacht haben und welche bereits vorbildlich arbeiten. 

Heike Scheuer, Rolf Heimann und Enrico Rima eint das Gefühl, dass es endlich die Chance gibt, etwas zu bewegen. Wenn sich das nicht bestätigt, werden einige wieder aussteigen. Wenn doch – die Ökos sind bereit.

Mehr zum Thema:

‣ www.textilbuendnis.com 
Hier gibt es Infos rund um das Textilbündnis: Ziele, Aktionsplan, Mitglieder 

‣ Unter www.greenpeace.de/publications kann man sich den Einkaufsratgeber „Textillabel unter der Detox-Lupe“ herunterladen. 

Grüne Mode: Die aktuellen Labels

GOTS SiegelGOTS - Global Organic Textile Standard

Meist verbreitet, verlangt mind. 70 Prozent Bio-Naturfasern und Mindest-Sozialstandards, prüft die gesamte Wertschöpfungskette vom Feld bis zum Bügel. Verbot oder Einschränkung gefährlicher Chemikalien wie PFC oder Weichmacher.

IVN SiegelIVN – Naturtextil Best

IVN-Best fordert 100 Prozent Bio-Naturfaser, Mindest-Sozialstandards, gilt vom Feld bis zum Bügel, ist im Punkt Chemie strenger als GOTS. Für Wolle und Seide werden artgerechte Tierhaltung und Bio-Futter überprüft.

bluesignBluesign

Mit mehr als 500 zertifizierten Partnern ein etabliertes System, das vor allem die sichere Verwendung von Chemikalien in der Modeherstellung überwacht – und eine große Anzahl gefährlicher Substanzen bereits in der Produktion verbietet. Die Kriterien werden regelmäßig überarbeitet, Experten kritisieren jedoch, dass etwa Grenzwerte für manche PFC-Verbindungen strenger sein müssten.

Fair Wear FoundationFair Wear Foundation

Sozialsiegel ohne Öko-Kriterien, geprüft wird erst ab dem Punkt Näherei, keine Schadstoffbestimmungen für das Endprodukt. Setzt Arbeitsrechte und Gesundheitsschutz für Textilarbeiter durch.

Fair Trade SiegelFairtrade

Bei Textilien wenig verbreitet, stark bei sozialen Kriterien, verlangt mindestens 50 Prozent Baumwolle (Bio kein Muss, Gentech-Baumwolle verboten), umweltschonender Anbau. 

 

Made in Green SiegelMade in Green 

Löst das Zeichen Öko-Tex 100 plus ab. Regelt die gesamte textile Kette und ist deutlich ambitionierter als der Öko-Tex 100. Der sagt nichts über die Produktionsbedingungen und Sozialstandards, sondern nur: Das Endprodukt ist frei von bestimmten Schadstoffen. Made in Green beleuchtet zusätzlich die Produktion und schreibt ein sicheres Chemikalienmanagement vor. 

Cradle-to-cradle: Die Goldstufe besagt, dass ein Textil optimal wiederverwertet werden kann, ressourcenschonend produziert wurde und keine krebserregenden oder toxischen Chemikalien enthält.

Stand: Juni 2018 

Erschienen in Ausgabe 10/2015
Rubrik: Leben&Umwelt

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incl. 'http://'
Werner deckmann

Hilfreich wären hinweise, wo man solche Kleidung kriegt.