Kolumne: Wie Mehlwürmer ihren Schrecken verlieren - Schrot und Korn

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Kolumne: Wie Mehlwürmer ihren Schrecken verlieren

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Der Ort – ein ehemaliges Schlachthaus – passte. Das Ticket-Design war perfekt: Jeder Besucher des weltweit ersten „Disgusting Food Museums“ im schwedischen Malmö bekam statt einer Eintrittskarte eine hübsch gestaltete Spucktüte in die Hand gedrückt. Eine gute Idee, schließlich durfte man bei den 80 als besonders ekelerregend eingestuften Speisen immer wieder mal probieren.

Hier ein Schluck Wein aus China, in den tote Babymäuse eingelegt waren. Dort ein Stückchen fermentierter Hai aus Island.
Die auf einem Salatblatt angerichtete Fledermaus aus Guam verstörte mit einem penetranten Uringeruch (schmeckt aber angeblich „nach Hähnchen“). Dafür roch die frittierte Tarantel aus Kambodscha nach nichts. Leider isst das Auge auch mit. Insofern konnten sich nicht wirklich viele Besucher für den Casu Maru erwärmen, einen sardischen Schafskäse, in dem lebende Würmer vor sich hin wühlen.

Des einen Delikatesse ist des anderen „Oh, mein Gott!“. Dem einen dreht sich bereits bei der Rezept-Lektüre des schottischen Nationalgerichts Haggis (fragen Sie nicht …) der Magen um. Dafür können wiederum Menschen aus anderen Kulturkreisen nicht nachvollziehen, was Deutsche daran finden, kleine süße Kälber zu braten. Das „Disgusting Food Museum“, das ich bislang leider nur aus Videos kenne und das nach erfolgreichen Monaten in Malmö mittlerweile in Los Angeles Station gemacht hat, sieht seine Mission daher auch nicht darin, dass wir mit dem Finger angeekelt auf fremde Esskulturen zeigen. Museumsdirektor Andreas Ahrens wünscht sich eher, dass die Auswahl Menschen dazu bringt, „über ihr Essen nachzudenken“. Man wolle den Blick auf unsere Ernährung verändern, damit wir „offener werden gegenüber nachhaltiger produzierten Lebensmitteln der Zukunft“.


Des einen Delikatesse ist des anderen „Oh, mein Gott!“


Insekten zum Beispiel. Ökologisch gesehen ein durchaus sinnvoller Proteinlieferant für unseren Speiseplan, doch wenn man sieht, wie die liebevoll zubereiteten Mottenraupen aus Südafrika von vielen Museumsbesuchern betrachtet werden, in Europa wohl noch nicht ganz so populär. Andererseits erleben RTL-Zuschauer einmal im Jahr, wie die Dschungelcamp-Bewohner mittlerweile Krokodilpenisse, Fischaugen und auch Känguru-Anusse verspeisen, als handele es sich dabei lediglich um das leicht missglückte Tagesgericht aus der Kantine.

Einstellungen und Geschmäcker wandeln sich offenbar und erst recht gegenüber dem Essen. An der amerikanischen Ostküste wurde Gefängnisinsassen vor über 100 Jahren noch regelmäßig Hummer serviert, vor dem sich das erlesenere Bürgertum damals ekelte. Und wer sich wirklich einmal damit beschäftigt, was so alles in unserer Wurst, in unseren Gummibärchen oder in der Tiefkühllasagne drinsteckt, für den verlieren kandierte Mehlwürmer womöglich irgendwann doch ihren Schrecken. 

Erschienen in Ausgabe 04/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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