Kolumne: Wer suchet, der findet - Schrot und Korn

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Kolumne: Wer suchet, der findet

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Ich bin ein großer Fan der Schauspielerin Anke Engelke und hatte vor vielen Jahren mal eine Sketch-Idee für ihre leider längst eingestellte „Ladykracher“-Show. Die Szene: Anke Engelke steigt in ihren Wagen, stellt das Navigationsgerät an und erhält von einer weiblichen Stimme Anweisungen, wo sie hinfahren muss. Nach zwei Sätzen aus dem Navigationsgerät mischt sich plötzlich eine männliche Stimme ein: „Wieso rechts? Links! Wir fahren total falsch!“ Die beiden künstlichen Stimmen fangen an, über den richtigen Weg zu streiten, und, naja, das Ende verrate ich hier nicht, falls doch noch jemand vom Fernsehen den Sketch haben will. Sooo lustig ist die Idee vielleicht nicht, aber sie bringt mich auf halbwegs elegante Weise zu meinem Thema: dem Orientierungssinn.

Tatsächlich sagt man Männern einen besonders ausgeprägten nach, also vor allem Männer sagen das. Gleichzeitig hat dieser Sinn inzwischen dramatisch an Strahlkraft eingebüßt. Denn heute trägt so gut wie jeder ständig ein Smartphone bei sich. Google Maps lässt Touristen so zielsicher durch fremde Städte laufen, als hätten sie dort soeben ihre Taxifahrerprüfung bestanden. Kulturbeflissene finden mühelos die entlegensten Galerien, Kaffeeliebhaber die schönsten Cafés. Nur ich, ich finde nichts.

Selbst wenn ich einen Weg schon zehn Mal gegangen bin, renne ich beim elften Mal wieder nach links statt nach rechts. Das wunderbare, etwas versteckte Restaurant von gestern finde ich – trotz notierter Adresse – ebenso wenig wieder wie den verträumten Park an der Kirche, zwei Straßen links von der Fußgängerzone. Oder war das doch rechts?

Ich komme auch mit Online-Maps nicht besonders gut klar, weil ich immer das Gefühl habe, ich halte mein Smartphone falsch herum. Die Navigationsstimme einzuschalten, ist mir zu blöd. Nicht weil ich mir als Mann von niemandem den Weg erklären lassen würde; im Gegenteil. Ich habe an manchen Orten wahrscheinlich mehr Menschen nach dem Weg gefragt, als dort wohnen. Nein, ich merkte einfach irgendwann, dass es viel schöner sein kann, wenn man eben nicht genau weiß, wo man gerade ist.

Ich liebe die ziellos verschlenderte Zeit, in der man einfach drauflos spaziert, immer da lang, wo es interessant aussieht. Auf diese Weise bin ich auf verwunschene Orte gestoßen wie halb verfallene Villen oder zugewucherte Sportplätze mit Brombeersträuchern. Ein Mal lief ich so weit weg von allem, dass mich – ausgerechnet mich – zwei verirrte Wanderer nach dem Weg fragten, die seit Stunden keinen Menschen mehr gesehen hatten. 

Sollten Sie also in der nächsten Zeit mal wieder unterwegs sein, probieren Sie es doch einfach mal aus. Der Spaziergang ohne Navigationsgerät erspart den Streit um den „richtigen“ Weg und lehrt einen am Ende sogar noch etwas fürs Leben: Denn wer nicht sucht, der findet mehr.

Erschienen in Ausgabe 09/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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Fred Grimm

Liebe Frau Ebert, vielen Dank für die Grüße und die freundlichen Worte! Beste Grüße zurück!

Gesa Ebert

Hallo Herr Grimm,

Ihre Kolumne lese ich immer sehr gern, auch diese. Ich fahre ohne Navi, lebe ohne Smartphone, habe mich neulich mal wieder verlaufen (trotz Stadtplan) - aber einiges entdeckt. - Es gibt tatsächlich Leute, die ohne Straßenatlas weite Strecken fahren; für mich total unverständlich. Die haben keine Ahnung, wo sie herumfahren.
Ich nehme mir sogar bei Zug-Fernreisen eine kleine Karte mit, weil ich wissen will, wo ich bin, was da so am Weg liegt ...
Oft frage ich mich, was die Menschheit eigentlich macht, wenn mal flächendeckend der Strom ausfallen sollte.

Wenn ich daran denke, wieviel Zeit wir mittlerweile dafür brauchen, die schlecht geschriebenen Bedienungsanleitungen für die vielen komplizierten Geräte zu studieren ...

Schreiben Sie weiter. Vielen Dank und beste Grüße

Gesa Ebert