Kolumne: Teilen in Zeiten der App-Kultur - Schrot und Korn

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Kolumne: Teilen in Zeiten der App-Kultur

Fred Grimm, Autor von „Shopping hilft die Welt verbessern“, schreibt hier über gute grüne Vorsätze– und das, was dazwischenkommt.

Fred GrimmJahrelang konnte man an deutschen Autobahnraststätten kaum eine Ausfahrt passieren, ohne an mindestens einem Tramper vorbeizufahren – sofern man überhaupt vorbeigefahren ist. Denn Sie, verehrte Leserinnen und Leser, gehörten bestimmt zu den freundlichen Fahrern, die sich auch von noch so zotteligen Gestalten nicht schrecken ließen und Anhalter prinzipiell mitnahmen. Oder Sie warteten selbst am Straßenrand, mit Schildern, auf denen "Hamburg" stand, "Meer" oder einfach "Egal – Hauptsache Sonne!".

Als ich Jahre nach meinen Anhalter-Urlauben selbst Auto fuhr, waren leider kaum noch Tramper zu finden, bei denen ich mich für die frühere Großzügigkeit meiner Spontan-Chauffeure hätte revanchieren können. Wenn ich mal von einer unvergesslichen Fahrt nach Leipzig absehe, bei der ich nacheinander ein sächsisches Gothic Girl, einen Bankangestellten aus Budapest und einen irischen Tischler, der gerade aus einer psychiatrischen Anstalt entlassen worden war, auflas. Aber das ist eine andere Geschichte.

Trampen war für mich immer mehr als nur eine günstige Art zu reisen. Die zu 99 Prozent erfolgreichen Fahrten zeigten, dass man mit gegenseitigem Vertrauen buchstäblich weiterkommt. Diese Mikroökonomie aus Teilen und Gemeinsamkeit erlebt im Zeitalter der sozialen Netzwerke und der allgegenwärtigen App-Kultur gerade eine Renaissance. Musste man früher den Daumen rausstrecken, um als Anhalter mitgenommen zu werden, wischt heute der Zeigefinger auf dem Touchscreen eines Smartphones, um mit Hilfe der entsprechenden App nach Mitfahrgelegenheiten, einer günstigen Privatübernachtung oder der besten Kleidertauschbörse zu suchen.

Die australische Trendforscherin Rachel Botsman spricht vom "Rise of Collaborative Consumption", vom Aufstieg des Gemeinschaftskonsums, also von den im Internet rasant wachsenden Angeboten des Verleih-ens, Tauschens, Schenkens, Mitnehmens, Beherbergens, die einen Weg aus unserer Überflussgesellschaft weisen könnten.

Währung der Zukunft: Vertrauen

Muss, zum Beispiel, wirklich jeder eine Bohrmaschine nur für sich besitzen oder wegschmeißen, was jemand anderes vielleicht noch gut gebrauchen könnte? Was könnten wir an Ressourcen sparen, wenn wir – wie auf netcycler.de – unsere alten Digitalkameras, Drucker oder Was-auch-immer gegen Dinge eintauschen würden, die wir selbst gerade brauchen?

Vertrauen werde die Währung der Zukunft, erklärt Rachel und freut sich, dass die natürliche Sehnsucht nach Gemeinschaft im "Collaborative Consumption" seinen Ausdruck findet. Aber auch, wenn ich jetzt auf dem Weg von Hamburg nach Berlin auf dem Smartphone jederzeit eine günstige Mitfahrgelegenheit finden könnte, die Hand geschriebenen Schilder werden mir fehlen.

Erschienen in Ausgabe 07/2011
Rubrik: Leben&Umwelt

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