Kolumne: Sozialer Klimaschutz - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

Kolumne: Sozialer Klimaschutz

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Das Schöne an der Klimadebatte, wie sie hierzulande geführt wird, ist – man lernt immer was dazu. Arme Leute zum Beispiel. Ich selbst komme nicht gerade aus wohlhabenden Verhältnissen. Bei „Armut“ denke ich an Rentnerinnen, die an der Tafel für eine warme Mahlzeit anstehen; an Menschen, die im Müll nach Pfandflaschen fischen oder an Alleinerziehende, die ihr Kind von der Klassenfahrt abmelden, weil sie sich die Mehrausgabe nicht leisten können. Ganz zu schweigen von jenen, die sich – etwa als Paketboten – für Winzlöhne die Gesundheit ruinieren. Ist aber Quatsch.

Wirklich sozial wäre der Kampf um saubere Luft und sauberes Wasser

Die wirklich Armen fahren im Diesel-SUV zur Arbeit, fliegen regelmäßig nach Mallorca, weil man da nun mal nicht mit dem Rad hinkommt, und müssten ohne ihr tägliches Schweinenackenkotelett verhungern. Von ihnen scheint jedenfalls die Rede zu sein, wenn Neu-Klassenkämpfer wie FDP-Chef Christian Lindner Klimaschutzmaßnahmen als grünbürgerliches Elitenprojekt wider „die Ärmeren“ geißeln und vor der „sozialen Spaltung“ warnen, sobald man wagt, bestimmte Lebensgewohnheiten in Frage zu stellen. Er ist damit nicht allein. Ausgerechnet die Medien, die in der Vergangenheit eher nicht als Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit aufgefallen sind, entdecken plötzlich ihre Fürsorglichkeit. Der „Spiegel“ dröhnt, wer Fleisch verteuern wolle, der „stellt die soziale Frage“. Die „Welt“ erschaudert vor dem zutiefst unsozialen „Sadismus“ der „Linksgrünen“, die über Ökoterrormaßnahmen wie autofreie Innenstädte oder Nahverkehrsabgaben für Touristen nachdenken. Die „Bild“-Zeitung schreibt, dass der Klimaschutz „auf dem Rücken der sozial Schwachen im Land“ durchgezogen werden soll. Mal abgesehen davon, dass „sozial Schwache“ eher diejenigen sind, die Menschen mit wenig Geld so nennen, stimmt der Gegensatz zwischen Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit hinten und vorne nicht. Denn ginge es bei alledem wirklich um das Soziale, dann würde man fragen, warum eigentlich die Aldi-Kassiererin mit ihrer Lohnsteuer die industrielle Landwirtschaft oder von Stromkosten befreite Großkonzerne subventionieren muss. Oder der Bauarbeiter den tonnenschweren Spritfresser seines Chefs, weil dieser das Geschoss als „Dienstwagen“ angemeldet hat. Abgesehen davon sind es wohl auch eher die Ärmeren, die an den Hauptverkehrsstrassen wohnen und dort die Drecksluft einatmen müssen. Und denen die immer höheren Wasserrechnungen so richtig weh tun, nur weil wir Massentierhalter nach wie vor das Grundwasser versauen lassen und die Wasserfilterung immer aufwendiger und teurer wird. Wirklich sozial wäre der engagierte Kampf um saubere Luft, sauberes Wasser und den Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Wer den Klimaschutz mit Pseudo-Klassenkampfparolen ausbremsen will, dem geht es nicht um die „Schwachen“, sondern um das Recht des Stärkeren, das noch immer die Politik bestimmt hat, wenn die Argumente ausgegangen sind. 

 

Erschienen in Ausgabe 10/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'
renate Hellwig

wie wahr, wir wahr!!! wünsche mir viel unterstützung für Sie!

Ellen Reinecke

Danke, dass Sie so deutliche Worte schreiben!
Das vermisse ich oft bei den Medien.

Manfred Schumann

Diesen Kommentar sollten sich all diejenigen verinnerlichen, die auf Grund der Berichterstattungen in den meisten Medien, inkl. (a)sozialer Medien, die seit Jahren im Bild-Zeitungstil geistigen Müll verbreiten (Hauptsache man ist der Erste) , je nach Mentalität mit "Optimierter Ratlosigkeit" oder "Agressivem Lebensmut" zurückbleiben.