Kolumne: Schrot&Korn-Revolution! - Schrot und Korn

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Kolumne: Schrot&Korn-Revolution!

Fred Grimm, Autor von „Shopping hilft die Welt verbessern“, schreibt hier über gute grüne Vorsätze – und solche, die es noch zu fassen gilt.

Fred GrimmWie es sich für einen Vater gehört, lese auch ich meiner 8-jährigen Tochter etwas vor. Gottlob ist der „Lillifee“-Virus an ihr komplett vorbeigegangen, sodass wir uns auf Detektivromane für Kinder, Gruselgeschichten oder wunderbar durchgeknallte Erzählungen wie Jo Nesbøs „Doktor Proktors Zeitbadewanne“ konzentrieren können. Letzteres Buch führt eine Gruppe von Zeitreisenden ins Paris während der Französischen Revolution. Dank der Detailfreude des norwegischen Autors weiß meine Tochter jetzt, was eine „Guillotine“ ist – vielleicht ein paar Jahre zu früh, aber man weiß beim Vorlesen ja nicht immer gleich, was kommt. Auch wenn meine Tochter nicht mal eine Mücke töten würde, leuchtete ihr ein, dass es bei der Revolution zunächst vor allem den Reichen und Adeligen an den Kragen ging. „Die armen Leute haben sich bestimmt immer über die geärgert“, analysierte sie messerscharf und fragte: „Warum gibt es eigentlich keine Revolutionen mehr?“

Gute Frage. Weil es heute gerechter zugeht? Weil die Menschen endlich einander achten? Ich habe meiner Tochter natürlich ganz brav etwas von „freien Wahlen“ erzählt, trotzdem geht mir eine Frage nicht mehr aus dem Kopf: Lassen wir uns nicht doch zu viel gefallen? Es muss ja nicht gleich die Guillotine sein, aber wenn ich mich so umhöre, dann spüre ich eine immer explosivere Mischung aus Ohnmacht und Wut. Egal, ob es um die Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke geht, die Macht der Lebensmittelindustrie, die eine transparente Kennzeichnung ihrer Produkte verhindert, oder die Tatsache, dass etwa Eltern in Hamburg mittlerweile ein kleines Monatsgehalt für

Kitagebühren ausgeben müssen, weil die Steuergelder leider dafür gebraucht werden, kriminellen Bankern ihre obszön dotierten Verträge auszubezahlen.

Immer mehr entdecken ihren „inneren Aktivisten“

Der 25. Geburtstag von Schrot&Korn ist eine gute Gelegenheit für viele Leserinnen und Leser, sich daran zu erinnern, was sie einmal dazu brachte, den Traum von einem besseren, ökologischeren und faireren Leben zu träumen, für den auch diese Zeitschrift steht. In diesem Monat erscheint ein Buch mit dem schönen Namen „Protest!“. Darin zeigt die als Vorkämpferin für ökofaire Mode bekannt gewordene Autorin Kirsten Brodde, wie immer mehr Menschen ihren „inneren Aktivisten“ entdecken und die Welt – oft mit Pfiffigkeit – wenigstens ein bisschen besser machen. Oft beginnen diese Geschichten als David-gegen-Goliath-Duelle und es macht Mut zu lesen, dass David nicht nur in der Bibel gewinnen kann. Goliaths, denen man auf die Füße treten müsste, gibt es genug – wenn Sie uns also etwas zum 25. Geburtstag schenken wollen, dann locken Sie doch auch mal den David aus sich heraus. Lassen Sie sich nicht mehr alles gefallen. Wie gesagt, es muss ja nicht gleich die Guillotine sein.

Erschienen in Ausgabe 09/2010
Rubrik: Leben&Umwelt

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