Kolumne: Oma, kannst’ mir mal beim Upcyceln helfen? - Schrot und Korn

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Kolumne: Oma, kannst’ mir mal beim Upcyceln helfen?

Fred Grimm, Autor von „Shopping hilft die Welt verbessern“, schreibt hier über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt.

Fred GrimmWenn man nicht gerade Punker ist, hört man so eine Frage eigentlich nicht so gern: „Hey, was trägst du denn da für’n Müll?“ Doch vielleicht wird es gar nicht mehr lange dauern, bis der Spruch als Kompliment durchgeht.

Beim ethisch-ökologischen Zweig der Berliner Fashion Week gehörte diesen Sommer das Wort „Upcycling“ zu den heißesten Trendbegriffen. Der Ausdruck, der einen eher an schweißtreibende Bergauffahrten mit dem Sportrad als an Mode denken lässt, bezeichnet – im weitesten Sinne – Fertigungsmethoden, die vermeintlichen Abfällen neues Leben einhauchen. Und das kann ziemlich stylish sein. Ich hatte das Vergnügen Kirsten Brodde, Deutschlands bestinformierte Expertin für Grüne Mode, beim Einkauf in einen Upcycling-Laden in Berlin-Mitte zu begleiten. Das Geschäft war nicht zu verfehlen. Von Weitem leuchtete ein Kleid im Schaufenster, das die britische Designerin Orsola de Castro aus ausrangierten Olympiaschwimmanzügen des Herstellers Speedo hatte nähen lassen: ein besonders buntes Exemplar ihrer Kollektion spektakulärer Abendgarderoben, die aussehen, als hätten Friedensreich Hundertwasser und Piet Mondrian nach zwei, drei Joints einen Malwettbewerb veranstaltet. Sieht am Frauenkörper allerdings wesentlich besser aus als sich das hier vielleicht anhört.

Während Kirsten mit geschmackssicherem Auge eine dezente, blaue Bluse von aluc aussuchte – Textilreste aus der Hemdenproduktion, abnehmbarer Kragen in diversen Farbvarianten –, wirkte ich in den aus ehemaligen Sakkos und Arbeitsuniformen zusammengesetzten Männerjacken eher wie ein Clown im Selbstgenähten. Die kreisch-bunten Speedo-Abendkleider hätten mir besser gefallen. Aber die feminine Stimme in mir schrie dann doch nicht laut genug. Man muss beim Shoppen seine Grenzen kennen.

Abendkleid aus Vorhang und so

Älteren Lesern dürfte das Prinzip Upcycling bekannt vorkommen. Nach dem Krieg fanden ausgediente Uniformjacken als Kostüme neue Verwendung und mancher Vorhang verwandelte sich unter nähkundigen Händen in ein schickes Abendkleid. Überhaupt gab es mal eine Zeit, in der viel genäht und repariert wurde, anstatt wöchentlich zu H&M zu rennen. Ich selbst verlängerte in den fröhlich-farbigen Siebzigern meine zu kurz gewordenen Lieblingsjeans regelmäßig mit raffiniert ausgesuchten Stoffresten. Das mit dem „raffiniert“ hatte ich allerdings exklusiv. Heute sind wir gottlob nicht mehr auf meine kümmerlichen Kreationen angewiesen. Die immer größere Auswahl von Upcycling-Mode schwankt zwischen Luxusfashion und Do-it-yourself-Charme. Und sie setzt Denkprozesse in Gang, die längst vergessene Tugenden weckt. Kirstens 15-jährige Tochter jedenfalls hat sich jetzt von ihrer Oma das Nähen beibringen lassen. Neukaufen war gestern.

Erschienen in Ausgabe 09/2013
Rubrik: Leben&Umwelt

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