Kolumne: Mein Fahrrad - Schrot und Korn

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Kolumne: Mein Fahrrad

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Neulich habe ich im Freundeskreis anklingen lassen, dass ich überlege, mir ein neues Fahrrad zuzulegen. Ich denke da antizyklisch. So teuer wie die richtig guten Räder heutzutage sind, macht es womöglich Sinn, sie im November zu kaufen, wenn kräftige Preisnachlässe locken. Wer holt sich schon ein neues Fahrrad, wenn es draußen stürmt und – gefühlt – kurz nach dem Aufstehen schon wieder dunkel wird?

Im Gegensatz zu meinen Freunden bin ich kein Experte, wenn es um Fahrräder geht. Eher das Gegenteil. Mein klobiges Hollandrad, das zur Hälfte aus Gepäckträgern zu bestehen scheint, wird von ihnen mitleidig belächelt. Als Experten sind sie auf federleichten Spezialgeschossen unterwegs, die vollbärtige Pedalgurus in irgendwelchen Edelwerkstätten zusammengeschraubt haben. Zwei-, dreitausend Euro muss man da schon einkalkulieren. Natürlich gehen dann noch mal über hundert Euro für das Spezialschloss drauf. Sicher ist sicher. Ich dagegen befestige mein Rad, das wohl nicht mal die bedürftigsten Diebe mitnehmen würden, mit einem Zahlenschloss. 0000, falls Sie Interesse haben.

Neue Autos sehen aus, als hätte sie ein panzerdesigner entworfen

Je mehr ich mich in die Materie Fahrradkauf einarbeite, umso klarer wird mir, dass ein ganzer Kosmos des Wissens in den vergangenen Jahren an mir vorbeigerauscht ist. Bei „Scheibenbremse“ denke ich spontan an einen Mechanismus, der verhindert, dass man beim Zusammenprall mit einem Auto direkt in die Heckscheibe kracht. „Connected Bikes“, die meinen Standort jederzeit ins Netz melden, locken mich nur bedingt. Und dass ich „unbedingt“ eine „Baseplate“ bräuchte, wie mir ein befreundeter Kampfradler versicherte, war mir auch nicht klar (dabei handelt es sich um eine Platte auf dem Gepäckträger, um Bierkisten zu transportieren).

Die Suche nach dem neuen Traumfahrrad wird auch dadurch nicht leichter, dass es heute so viele wunderschöne Räder gibt. Während neue Autos inzwischen allesamt aussehen, als hätte sie ein und derselbe schlecht gelaunte Panzerdesigner entworfen, wärmt die Vielfalt beim Fahrrad ökomobilen Ästheten das Herz: Britische Noblesse, italienisches Retrodesign, skandinavischer Minimalismus, aber auch futuristische E-Bikes für Technophile – sogar die Klappräder erinnern heute nicht mehr an die Überreste eines Fahrradunfalls. Eigentlich sollte ich jetzt einen Freund und echten Experten fragen, der unlängst viel Geld für sein neues Rad ausgegeben hat. Und mir das Teil mal ansehen, so wie er davon schwärmt. Leider fährt er so gut wie nie damit. „Bin ich wahnsinnig? So ein Rad wird Dir doch sofort weggeklaut.“ Und dann schaue ich aus dem Fenster; direkt auf mein schwergängiges, altes Moppelrad mit den angerosteten Riesenkörben und dem Rücklicht, das nur im Sommer geht, und werde plötzlich ganz sentimental. Zu früh, denke ich. Zu früh. Morgen ändere ich den Zahlencode für das Schloss. 

Erschienen in Ausgabe 11/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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Lis

Das ist so treffend und aber auch nett geschrieben, weil der Autor klarmacht warum er sein altes Möhrchen doch noch gerne etwas behalten will, aber auch Verständnis zeigt für alle, die aus dem wunderbar großen Angebot sich ein persönlich passendes Gefährt suchen. Auch ein Zweitfahrrad ist ja besser ale irgendein Automobil. Danke, ich habe während des Lesens gelacht und applaudiert:)

Monika

Danke für diese schöne Kolumne!
Ich habe sie in meinen Fahrradkreisen verbreitet, und von dort kommt der Hinweis, dass der Trend zum Zweit-, Dritt- oder Viertrad gehe. - Dem kann ich nur beipflichten!
Keep on cycling!

Susanne Jud

So manches Mal habe ich mich in Ihrer Kolumne wiedererkannt.
"Mein Fahrrad" spricht mir aus der Seele.
Ich werde es in meiner facebook-Gruppe "Dìe Alltagsradler" teilen.
Vielleicht schon Sie ja auch mal rein.

Saskia Schubert

Hallo Herr Grimm. Ich mag Ihre Kolumne.
Ich hatte kürzlich überlegt, meinem inzwischen ordentlich in die Jahre gekommenen Rädchen eine neue Lackierung zu verpassen. Hab dann aber festgestellt, dass mein 90'er Drahtesel kurz davor steht Oldtimer zu werden und dass es mir im Grunde Bockwurst ist, ob alle Welt in niegelnagelneuen 2000-Euro-Rädern unterwegs ist. Mir ist viel wichtiger, in meinem Leben nicht mehr allzuviele Ökosauerein zu produzieren und deswegen bleibt mein Rädchen wie es ist und ich freue mich jeden Tag aufs neue über meine Entscheidung.
Beste Grüße, Sophie Scholl