Kolumne: Macht Bio kaufen böse? - Schrot und Korn

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Kolumne: Macht Bio kaufen böse?

Fred Grimm, Autor von „Shopping hilft die Welt verbessern“, schreibt hier über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt.

Fred GrimmBitte verzeihen Sie die indiskrete Frage, aber haben Sie heute schon was geklaut? Sind Sie wenigstens mit Tempo 70 durch eine verkehrsberuhigte Spielstraße gebrettert? Nein? Kann nicht sein. Sie lügen. Ganz bestimmt. Oder Sie sind kein richtiger Bio-Käufer. Schließlich habe ich es doch gerade erst gelesen: „Studie: Bio kaufen macht böse“, titelte die „Hamburger Morgenpost“. Zitat: „Bio kaufen verdirbt den Charakter“ müsste in Öko-Märkten als Warnsticker auf Produkten kleben.

Die „Welt“ trompetete im gleichen Ton „Bioesser lügen öfter“. Auch die ehrwürdige „Zeit“ präsentierte die Thesen „kanadischer Forscher“ zur Doppelmoral von Öko-Konsumenten: „Grün kaufen, schlecht handeln“. Den Artikeln zufolge sei jetzt (endlich?) erwiesen, dass wir Öko-Moralisten, die mit imaginären Heiligenscheinen durch die Bio-Märkte schweben, uns mit dem Kauf pestizidfreier Karotten das Recht auf Sünden aller Art verschaffen wollen. Erwischt!

Natürlich wollte ich genau wissen, wie die Forscher uns auf die Schliche gekommen sind. Deutsche Journalisten – bekanntlich die besten der Welt – würden schließlich nicht einfach ungeprüften Unsinn drucken, ohne die entsprechenden Studien vorher durchgearbeitet zu haben, oder?

Also besorgte ich mir „Do Green Products Make Us Better People?“ von der Psychologin Nina Mazar, die als Co-Autorin der Untersuchung zeichnet, und freute mich auf eine empirisch gesättigte Arbeit. Bestimmt hatte Frau Mazar rund 1 000 Personen quer durch alle Schichten und Altersstufen ausgesucht und mit unzweideutigen Versuchsanordnungen konfrontiert, bevor sie die zitierten Schlüsse zu veröffentlichen wagte. Um es kurz zu machen: 1000 waren es nicht ganz. Auch keine 500. Frau Mazar stützt ihre Thesen auf Tests mit gerade mal 90 „zufällig ausgesuchten“ Studenten der Uni Toronto.

Wenn es gegen uns Gutmenschen geht

Die jungen Menschen konnten sich bei einem kleinen Testspiel durch Schummeln einen minimalen finanziellen Vorteil verschaffen. Und tatsächlich: Aus der Gruppe der gelegentlichen Bio-Käufer kamen sage und schreibe zwei „Betrüger“ mehr als aus der Gruppe der „Normalen“. Noch mal kurz zusammengefasst: 90 nach Zufall zusammengewürfelte Testpersonen, am Ende zwei „Lügner“ mehr aus der Gruppe der Bio-Konsumenten – genau so habe ich mir exakte Wissenschaft immer vorgestellt ...

Wenn es gegen uns „Gutmenschen“ geht, scheint deutschen Medien keine Studie zu zweifelhaft, kein Befund zu aberwitzig zu sein, um ihn nicht mit einer Gewissheit herauszutröten, als handle es sich um die zehn Gebote. „Bio kaufen verdirbt den Charakter“ – besser hätten es die Betreiber von Tierfabriken, die Boden- und Wasserverpester aus der industrialisierten Landwirtschaft oder die Hersteller von Ersatzkäse oder Klebeschinken auch nicht sagen können.

Erschienen in Ausgabe 11/2010
Rubrik: Leben&Umwelt

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