Kolumne: Lob des Fehlers - Schrot und Korn

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Kolumne: Lob des Fehlers

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Als ich klein war, trieb ich mich im Supermarkt gern vor dem Gemüseregal herum. Damals sahen die Möhren, die Kartoffeln und die Äpfel noch nicht so makellos aus als wären sie in der Lebensmittelfabrik entworfen worden. 

Knollige Kartoffeln verwandelten sich in meiner Fantasie in kleine Monsterfiguren. Aus Äpfeln mit Ausbuchtungen wurden winzige Menschen mit dicken Bäuchen und lustigen Köpfen.

Mir sind Äpfel lieber, bei denen die Natur Lässigkeit walten ließ

Dank EU-Normen und einem bizarren Schönheitsterror sieht es heute in der Gemüseabteilung so ordentlich aus wie auf einem nordkoreanischen Parteitag. Keine Abweichung ist erlaubt. Jährlich werden rund ein Drittel der auf den Feldern erzeugten Lebensmittel an Biogasanlagen und dergleichen verschleudert oder gleich wieder untergepflügt, weil sie zu „hässlich“ sind für den Verkauf. Vor vielen Jahren würdigten die Briten in einer „Ugly Vegetable Competition“ die Schönheit der Vielfalt und kürten eine Pastinake zur Siegerin, die aussah wie eine Mischung aus Tintenfisch und Donald Trump.

In Deutschland mehren sich die Anzeichen, dass auch wir die kleinen FeLHer wieder wertschätzen lernen. Gerade in der Bio-Landwirtschaft, wo der geringere Chemieeinsatz der Natur freieres Spiel erlaubt, fällt wesentlich mehr Obst und Gemüse aus der „Norm“. Zu kleine Kartoffeln, verformte Zucchini, verwirbelte Möhren. Münchener können bei „Etepetete“ sogenannte „Gemüseretterboxen“ abonnieren. Die Berliner Firma „Querfeld“ sammelte vergangenes Jahr 30 Tonnen „hässliches“ Obst und Gemüse bei Bio-Bauern ein und belieferte damit Kantinen, Catering-Service oder Weiterverarbeiter. Und nicht zuletzt half die katastrophale Ernte nach dem Dürresommer, dass es in diesem Jahr so viele „Schönheitsfehler“ in die Auslagen schaffen wie lange nicht. Selbst Discounter wie Penny mit seinen „Bio Helden“ oder Aldi („Krumme Dinger“) bringen inzwischen clever vermarktete Abweichungen zu Sonderpreisen auf den Markt. Allerdings landen nach Schätzungen des WWF etwa bei den Kartoffeln immer noch weit über 700 000 Tonnen nicht auf dem Teller, weil sie dem Ideal nicht entsprechen. Eine Welt, in der Kartoffeln in Herzchenform aussortiert werden, fühlt sich nicht wirklich gut an.

Vor uns liegen Festtage, an denen wieder mal alles besonders gut gelingen soll. Das Feiertagsmenü, die Geschenke, die Stimmung. Das Weihnachtsideal, wie es uns in Fernsehwerbung und Kochzeitschriften vorgelebt wird, erinnert an einen perfekt glänzenden roten Apfel. Jeder Knubbel wäre ein Unglück, jede Delle eine Katastrophe. Mir sind die unrunden Äpfel lieber, bei denen die Natur Lässigkeit und Fantasie walten ließ.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein herrlich unperfektes Fest. Eines mit kleinen Schrammen, winzigen Unebenheiten, aber eben auch mit der inneren Süße eines Apfels, der in unserer durchnormierten Welt als „Fehler“ gilt. 

Erschienen in Ausgabe 12/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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Herzlichen Dank für diese tolle Kolumne!

Anita

Danke für die tollen Kolumnen! Ist mitunter immer das Erste was ich in diesem Heft lese. :-)
Ich wünsche Ihnen ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!