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Kolumne: Leise zwitschert die Vogelwelt

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Endlich April! Endlich gilt man nicht mehr als Sonderling, weil man auch im Winter nachts lieber das Schlafzimmerfenster geöffnet hält, anstatt sich von der Zimmerluft austrocknen zu lassen. Jetzt freuen sich auch jene, die mein Schlafzimmer sonst demonstrativ mit Schal und Mütze betreten, über den sanften Frühlingshauch, der morgens durch die Fenster weht. Vor allem aber schätzen auch sie das Freikonzert, das die Vögel nun wieder allmorgendlich unter unserem Fenster anstimmen. Ich muss gestehen, ich bin eher ein Vogel- unkundler als einer dieser erstaunlichen Hobbyornithologen, der die Zwitscherstimmen mühelos auseinanderhält. Ich tue mich ja schon schwer damit, mir diese neudeutschen Kindernamen zu merken: Wer war jetzt noch mal Liam? Wer Linus, wer Luis und was macht eigentlich Luca da hinten?

Dabei gäbe es gute Gründe, sich über das Morgenfreuen hinaus intensiver mit unseren gefiederten Freunden zu befassen. Dass Vögel durchaus intelligent sind, ahnt jeder, der mal einen jener magischen Herbstschwärme beobachtet hat. Auf engstem Raum bewegen sich da manchmal Tausende Tiere eleganter und rücksichtsvoller als die meisten Menschen, die schon beim Einfädeln im Straßenverkehr scheitern. Das Magazin „Geo“ berichtete unlängst über neue Forschungen, die den ausgeprägten Scharfsinn der Vögel belegen. Krähen legen Walnüsse auf Straßenkreuzungen ab, damit Autos für sie das lästige Aufbrechen übernehmen. Buschhäher und Hühner haben ein Zeitgefühl. Elstern erkennen sich im Spiegel. In Tokio stellte man bei einer Versuchsreihe fest, dass Tauben sogar in der Lage sind, einen Picasso von einem Gemälde Monets zu unterscheiden. Die winzigen, überaus leistungsfähigen Vogelhirne weisen wesentlich mehr neuronale Vernetzungen auf als lange vermutet. Wahrscheinlich amüsieren sich die Millionen Vögel am Himmel schon seit Jahrhunderten darüber, dass wir Menschen zum Fliegen einfach zu blöd sind.

"Vögel sind Massenopfer in unserem unerklärten Krieg gegen die Natur"

Umso bedrückender, dass auch die Vögel zu den Massenopfern in unserem unerklärten Krieg gegen die Natur gehören. Vor kurzem meldete der Naturschutzbund für Deutschland einen Rückgang von knapp 13 Millionen Brutpaaren binnen der vergangenen zwölf Jahre. Europaweit brüteten bei der letzten Zählung im Jahr 2010 bereits 57 Prozent weniger Vogelpaare als noch 1980. Die Initiative „Jeder Gemeinde ihr Biotop“ versucht jetzt jenseits der großen, viel zu wenigen Naturschutzgebiete auf kommunaler Ebene vogelfreundliche Lebensräume zu erschließen. Das können kleine Brachflächen sein, auf die man Büsche pflanzt, Gärten und Parks, die man wieder in kleine Paradiese der Artenvielfalt verwandelt. Vielleicht hat die Idee ja den verdienten Erfolg und ich mache nachts tatsächlich mal das Fenster zu. Weil mich das Konzert aus noch mal doppelt so vielen Vogelstimmen nicht schlafen lässt. Eine schöne Vorstellung. 

Erschienen in Ausgabe 04/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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