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Kolumne: Fuchtelnde Idioten der Moderne

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Bei uns im Fitnessstudio haben sie jetzt neue Wasserhähne, „intelligente Hydro-systeme“ genannt. Man dreht nicht mehr auf und zu. Stattdessen wartet ein Sensor neben der Armatur darauf, dass man ihn mit einer Handbewegung aktiviert. In der Theorie bringt man das Wasser mit einer geschmeidigen Geste zum Fließen und stellt es auch genauso wieder ab. In der Praxis steht man vor dem Waschbecken wie ein fuchtelnder Fluglotse vor einem Jet, dem gerade das Benzin ausgegangen ist. Man wedelt und schüttelt, bis plötzlich doch noch ein viel zu starker Strahl herausschießt, der einem missverständliche Flecken auf die Sporthose zaubert.

Um beim Bild mit dem Flugzeug zu bleiben: Wenn man seine Hände abschließend durch den neuen High-Tech-Trockner führt, dröhnt es los, als würde ein Airbus starten. Immerhin weiß ich jetzt, warum die anderen hier ihre Kopfhörer auch im Waschraum nicht mehr ablegen mögen. Allerdings wird der Düsentrockner nur selten wirklich gebraucht. Nach dem minutenlangen Herumgefuchtel, um den verdammten Wasserstrahl endlich wieder abzustellen, ist sowieso keine Hand mehr nass.

Auto-Autos, alexa & Co.: Mit Fortschritt hat das nichts zu tun 

Wir leben im Zeitalter der Entmündigung und mit „Fortschritt“ hat das leider nichts zu tun. Statt dass uns die Errungenschaften der Technik zu Diensten sind, werden wir zu ihrem Werkzeug, zu fuchtelnden Idioten der Moderne. Wir reden auf „digitale Assis- tenten“ wie Amazons „Alexa“ ein. Wir „steuern“ Fernseher, Waschmaschinen und
Lichtanlagen mit Gesten – im Prinzip, via Tinder-Wischundweg, inzwischen auch schon die Partnerwahl. Bald sollen einen ferngesteuerte „autonome Autos“ durch die Gegend fahren. Auto-Autos wie von Geisterhänden geführt, die man dann wahrscheinlich auch mit irgendeiner bizarren Geste in Gang setzt. Und wer heute noch mühsam nach Centstücken im Portemonnaie kramt, sollte das genießen, so lange es noch geht. Denn demnächst werden wir wohl unser Smartphone zum bargeldlosen Zahlen über irgendwelche Scanner ziehen müssen, weil das angeblich „effektiver“ ist.

Wann ist das eigentlich passiert, dass sich der technische Fortschritt nicht mehr an der Lösung tatsächlicher Probleme orientiert und stattdessen ständig neue Alltagspeinlichkeiten schafft? Das sensorische Waschbecken in unserem Fitnessstudio zum Beispiel spart nicht einen Tropfen Wasser, so wie eigentlich versprochen. Weil man den Hahn nicht mehr so einfach abdrehen kann, läuft das Wasser oft noch minutenlang weiter. Neulich, nachdem ich wieder mal gefühlte Ewigkeiten vor dem Sensor herumfuchtelte, um endlich das Wasser abzustellen, habe ich dem blöden Ding in einer Gefühlsaufwallung einfach mal den Mittelfinger gezeigt. Es hat funktioniert, der Strahl versiegte sofort. Wahrscheinlich ist das „Hydrosystem“ doch intelligenter als ich dachte.

Erschienen in Ausgabe 07/2017
Rubrik: Leben&Umwelt

Kommentare

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incl. 'http://'

Wo ist das Problem? Da die meisten Menschen fremdbestimmt leben in der Illusion, einen freien Willen zu haben, waren die entsprechenden Geräte mehr als überfällig.

Laut der Roman-Trilogie "Celestine" waren Mobiltelefone nur die Krücke, um Gedankenübertragung zu erlernen. Die werden ohne Gefuchtel übertragen! ;-)

christina magro

Lieber Fred Grimm!
Es ist mir immer wieder eine Freude,ihre Kolumne zu lesen.. und oft schallend zu lachen so wahr,was sie da schreiben und SO auf den PUNKT gebracht. Ich kann meist nicht abwarten und lese die Schrot und Korn von HINTEN! herzlichen Dank!! Christina Magro

P. Gerte

Herr Grimm hat leider keine Ahnung was den Beruf des Fluglotsens ausmacht. Es geht doch nichts über gute Recherche wenn man einen guten Kommentar schreiben möchte.

Ruth Deans

Fuchtelnde Idioten .....ich könnte Ihnen nicht mehr zustimmen, jedesmal denke ich das, wenn ich es erlebe; wer macht diese Entscheidungen?
Aber welche ist nun die bessere/beste Entscheidung? Denken wir an die Papierberge in den Ecken von manchen Toiletten, das endlos Stofftuch, das doch nicht endlos ist und regelmässige Wechsel und Wäschen bedarf - wer hat denn eine wirklich gute, brauchbare Idee?