Kolumne: Es war das Jahr der Kinder - Schrot und Korn

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Kolumne: Es war das Jahr der Kinder

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Vor Kurzem wurde die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die gerade versucht ihre wunderschöne Stadt vom Würgegriff des Automobils zu befreien, gefragt, wie sie sich die „ideale Metropole“ vorstellt. Madame Hidalgo antwortete mit einem Lächeln. Sie wünsche sich eine Stadt, durch die man mit seinen Kindern an der Hand spazieren gehen könne. Ohne Angst zu haben, dass den Kleinen etwas passiert, wenn man sie loslässt.

Besonders ernst genommen wurde ihr Satz nicht. Wäre ja noch schöner, eine Stadt nach den Bedürfnissen kleiner Kinder auszurichten, was für eine lächerliche Idee, wüteten ihre Kritiker. Tatsächlich aber steckt in den Worten von Anne Hidalgo eine viel weiter reichende Idee von der Zukunft unserer Welt. Vielleicht sogar die freundlichste Vision, die man sich vorstellen kann.

Der Blick der Kinder auf die Wirklichkeit ist vielen abhanden gekommen

In ein paar Jahren wird man auf das Jahr 2019 zurückblicken als dasjenige, in dem die Kinder weltweit zum politischen Faktor wurden. Die „Fridays for Future“-Bewegung machte deutlich, dass es vor allem um ihre Zukunft geht, über die wir gerade entscheiden, und dass ihr Blick naturgemäß weiter reicht als bei den meisten Vertretern der Politgeneration Ü65. Denn nicht eine oder einer von denen wird ihr oder sein Nicht-Handeln einmal ausbaden müssen. Höchstens indirekt, falls die spätere Grabstätte zufällig in einem potenziellen Überflutungsgebiet liegen sollte. 

Die Kinder von heute dagegen werden sich womöglich in einer Welt einrichten müssen, die aus den Fugen geraten ist. Zwei, drei Grad wärmer als heute, mit einer Vielzahl von Unwettern und Naturkatastrophen, die wir uns heute nicht einmal vorstellen können. Ganz zu schweigen von den sozialen Verwerfungen, den unwiederbringlich verlorenen Schätzen der Natur. Jedes Kind würde alles tun, um so eine Katastrophe zu vermeiden

Im Prinzip fordert uns der Satz der Pariser Bürgermeisterin Hidalgo dazu auf, unsere Welt auch einmal mit den Augen der Kinder wahrzunehmen. So ein Perspektivwechsel könnte helfen, wieder ein Gefühl für die Absurditäten unseres Daseins zu bekommen, das uns beim täglichen Funktionieren abhanden gekommen ist.

Ich möchte Kinder hier nicht romantisieren, ich war selber eins. Auch sind viele, viele Lernerfahrungen nicht das Schlechteste, was einem im Menschenleben passieren kann. Aber der unverstellte Blick der Kinder auf die Wirklichkeit, ihr grundsätzlicher Respekt vor dem Leben, ihre gewaltige Energie, die sich nicht von Unwägbarkeiten bremsen lässt – all das sind Eigenschaften, die allzu vielen von uns beim Erwachsen- und Zynischwerden abhanden gekommen sind.

Vielleicht wäre das ja die eigentliche Utopie: In einer Welt leben zu dürfen, in der WIR an den Händen unserer Kinder spazieren und diese keine Angst mehr davor haben müssten, UNS loszulassen. 

 

Erschienen in Ausgabe 12/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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Guenning

Liebe Ulrike Kurzhals,
Warum fühlen Sie sich angesprochen. Da hat doch der Verfasser von den meisten gesprochen...
Wenn ich täglich Senioren sehe, die ihre Enkelkinder zur Schule fahren, weil sie das als ihren Lebensinhalt betrachten, dann Zweifel ich an deren Verstand.

Ulrike Kurzhals

Hallo, ich lese seit Jahren die Schrot und Korn, aber die letzte Ausgabe wird auch die letzte sein, die ich gelesen habe. Ich bin so wütend über die anmassende Kolumne von Herrn Grimm, von dem ich übrigens auch einige Bücher habe. Diese Aussage über die ü65 jährigen ist so was von verachtend. Ich bin 60 und ich kann hier nicht alles aufzählen, wie unsere Familie sich ökologisch verhält. Wobei die ü65 jährigen den Krieg und Nachkriegszeit mitgemacht haben und nicht so verschwenderisch gelebt haben, als die jüngere Menschen.Von unseren Familienvorfahren hatte jeder den Hunger und Bombenabwürfe erlebt. Einige haben dafür auch sterben müssen. Die ü65 Menschen haben Deutschland wieder aufgebaut und müssen sich so beleidigen lassen . Das ist der menschenverachtendste Artikel, den ich je gelesen habe. In was für einer Welt leben wir, in der ein Schreiberling so tiefe Gräben in unserer Gesellschaft aufreisst .
?Ulrike Kurzhals