Anzeige

Anzeige

Kolumne: Ein deutscher Held

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Ich habe Andreas Schwiede nie persönlich kennengelernt, ihn nur im Fernsehen gesehen und einiges über ihn gelesen. Ein anstrengender Mann. Bei Autofahrern ist er ungefähr so beliebt wie eine Alkoholkontrolle im Karneval. Bis zu vier Stunden täglich läuft der gebürtige Berliner durch die Bezirke Kreuzberg oder Schöneberg und meldet Autos, die auf Busspuren oder Radwegen parken. Gegen diese Verkehrsbehinderungen – im Juristendeutsch „VBH“ genannt – müsste die Polizei eigentlich sofort vorgehen. Immer wieder kommt es zu Unfällen, wenn Busse von der zugeparkten Spur in den Verkehr einfädeln oder Radfahrer parkenden PS-Hooligans ausweichen müssen. Viel zu viele enden tödlich.

Schwiede, der sich auf Twitter „@poliauwei“ nennt, den Polizeibeobachter, hat allein zwischen Mai 2016 und November 2017 5438 Tweets abgesetzt, in denen er die Regelverstöße dokumentiert. Die von ihm jedes Mal über 110 alarmierte Polizei ist nicht immer glücklich mit ihrem freiwilligen Mitarbeiter. Wenn überhaupt, kommen die meisten Verkehrsbehinderer mit einem Knöllchen davon, obwohl die Wagen – rein rechtlich gesehen – sofort abgeschleppt werden müssten. Das Ordnungsamt hat Herrn Schwiede mal eine „systematische und damit rechtlich unzulässige Verkehrsüberwachung“ vorgeworfen. Ihm wäre es sicherlich auch lieber, er hätte nichts zu melden. Aber einer muss es ja tun.

Wir haben uns in Deutschland daran gewöhnt, dass Regeln nur gelten, wenn sie nicht die Automobilindustrie und ihre Kunden betreffen. Der Audi 8 stößt statt erlaubten 80 Milligramm Stickoxid bis zu 1938 Milligramm je Kilometer aus? Geschenkt! Die von der EU-Kommission verfügten CO2-Grenzwerte werden nicht einmal mit den lächerlichsten Rechentricks eingehalten? Macht nichts. Neuwagen verbrauchen im Durchschnitt 42 Prozent mehr Benzin als angegeben? Ist halt so.

Regeln gelten nur, wenn sie nicht die Automobilindustrie betreffen

Man fügt sich auch darin, dass die Städte zu reinen Abstellflächen für immer größere, immer schwerere und, nebenbei, auch immer hässlichere Automobile verkommen sind. Und weil es so viele Autos gibt, aber so wenig Platz, „müssen“ diese dann ja zwangsläufig auf Busspuren, Bürgersteige oder Radwege ausweichen. Dass sie dazu auch noch die Luft verpesten und gerade jetzt, im Januar, wo die Bäume nicht mehr gegenhalten können und die Städte unter einer mörderischen Dunstglocke versinken, wieder Hunderte an den Folgen der Schadstoffbelastung sterben, scheint die meisten von uns ebenfalls kalt zu lassen.

Andreas Schwiede kämpft einen symbolischen Kampf für die Rückeroberung des Raumes durch den Menschen. In einigen Jahren wird man sich fragen, warum es eigentlich damals nicht mehr gegeben hat wie ihn, die sich gegen die Allmacht des automobilen Wahnsinns gestemmt haben. Andreas Schwiede ist ein deutscher Held.

Erschienen in Ausgabe 01/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'
Flo

Selten habe ich aus so vollem Herzen zugestimmt. Gruß und Dank an Herrn Schwiede!