Kolumne: Die im Dunkeln sieht man nicht - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

Kolumne: Die im Dunkeln sieht man nicht

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Falls es mal so etwas wie einen Wettbewerb für besonders unspektakuläre Tiere geben sollte – der Regenwurm wäre kaum zu schlagen. Er schmückt keine Cover von Tiermagazinen. Kein Karel Gott besingt seine Qualitäten. Im Karneval sieht man Menschen in Bienen- und Katzenkostümen, manche verkleiden sich sogar als Schildkröte. Als Regenwurm geht hingegen keiner.

Oder besser: kriecht. Denn der Regenwurm ist im Prinzip nichts anderes als ein von Haut und Muskeln umgebener, enorm beweglicher Fressschlauch. Er hat keine Augen, hört nix und stumm ist er sowieso. Und man sieht ihn auch eher selten, denn der Wurm hat zu tun. Unermüdlich holt er sich Blätter und andere Pflanzenreste in seine unterirdischen Wohnröhrenanlagen, zerkleinert, frisst, verdaut, wühlt sich wieder nach oben, holt neue Nahrung, zerkleinert, frisst, verdaut … Etwa die Hälfte seines Eigengewichts verschlingt so ein Regenwurm täglich und tut damit ein gutes Werk. Durch seine Arbeit lüftet er den Boden, vermengt seine Nahrung und die Pflanzen mit Mikroorganismen aus seinem Darm und produziert so den besten Dünger, den man sich nur denken kann. Auch als Bauherr sollte man ihn nicht unterschätzen. In Baden-Württemberg wurden schon völlig intakte, 100 000 Jahre alte Regenwurmbehausungen entdeckt.

Sie bringen Leben in den Boden, aber vielleicht sind sie zu unscheinbar

Wenn man es recht betrachtet, ist der Regenwurm so etwas wie die fleißige Biene der Unterwelt. Ein unverzichtbarer Teil des komplizierten Kreislaufs aus Wachsen und Vergehen, aber einer, für den man keine Volksbegehren anstrengt. Dabei gelten von den knapp fünfzig Arten, die sich durch Deutschland graben, über die Hälfte als stark gefährdet: niedergewalzt und -gestreckt vom schweren Gerät, den Häckslern und Giften der modernen Aggro-Industrie, die sich „Landwirtschaft“ nennt.

Die Regenwürmer bringen das Leben in den Boden, aber vielleicht sind sie zu unscheinbar, als dass man begreift, was man an ihnen hat. Diese Einstellung erinnert mich daran, wie den vielen Menschen begegnet wird, deren Arbeit die Welt eigentlich am Laufen hält: Menschen, die nachts die Büros und Fabriken sauber machen, die in Güterzügen sitzen, Stromnetze überwachen, Busse und Bahnen reparieren. Menschen, die dafür sorgen, dass morgens die Regale gefüllt und nachts die Bettpfannen der Schwerkranken geleert werden. Das Wirken der Regenwürmer, die im Übrigen auch noch das 60-Fache ihres Körpergewichts wegdrücken können, männliche wie weibliche Geschlechtsorgane in sich tragen und zur Fortpflanzung stundenlang entspannt nebeneinander liegen, um sich gegenseitig zu befruchten, gehört zu den viel zu selten erzählten Geschichten der Natur. Die Geschichten jener Menschen, deren oft lächerlich schlecht bezahlte Arbeit den Alltag so vieler anderer trägt, werden ebenfalls viel zu selten gehört. Die im Dunkeln, heißt es, sieht man nicht. 

Erschienen in Ausgabe 01/2020
Rubrik: Leben&Umwelt

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'

Lieber Herr Grimm,
monatlich lese ich mit großer Aufmerksamkeit Ihre Kolumne und bin von Ihren treffsicheren und damit gedankenanregenden Worten immer wieder beeindruckt.
Die Auswahl und Darstellung des Themas der aktuellen Ausgabe unterstreicht das für mich wieder einmal besonders. Daher mein Leserbrief und mit Grüßen und besonderen Wünschen, insbesondere Gesundheit zum Neuen Jahr.
Ihr Namensvetter Gerhard Grimm