Kolumne: Der unwiderstehliche Reiz des Neubeginns - Schrot und Korn

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Kolumne: Der unwiderstehliche Reiz des Neubeginns

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Einer meiner besten Freunde beginnt jedes Jahr mit einem Ritual. Gegen Nachmittag, wenn er von den Exzessen der Silvesternacht erwacht, nimmt er sich einen Stift und schreibt seitenweise Pläne für die kommenden zwölf Monate in ein Heft: detaillierte Vorsätze zu Arbeit, Leben, Liebe, Geld und Körpergewicht. Es ist die Bilanz eines Jahres, bevor es so richtig begonnen hat. Tatsächlich, so schwört mein Freund, schaut er nach dem Schreibanfall am 1. Januar nie wieder in das Heft. Für ihn besteht der Reiz des Rituals im Formulieren eines Lebens, das er gerne führen würde. Einmal innehalten, sich klar machen, was man erreichen will und kann, eine Art mentaler Neustart – und dann kommt einem eh das Leben dazwischen.

Den unwiderstehlichen Reiz des Neubeginns, den jedes neue Jahr mit sich bringt, beobachte ich an meinen Kalendern. Im 
Januar und Februar finden sich noch zahlreiche Einträge abseits der reinen Termine: Planungen für tolle Projekte, kleine Sportprogramme, Stichworte zu womöglich fantastischen Einfällen, an die ich mich später leider nicht mehr erinnern kann (zum Beispiel 2.3.2018: „Sandrad“ – hä???). Spätestens im April werden die Einträge spärlicher und ab Sommer steht bei mir nur noch das Notwendigste drin. 

„Ich will Wie eine wild wachsende Blume auf dem 
gestutzten Rasen sein“

 

2019 soll das anders werden. Ich möchte jeden Monat einen wichtigen Schritt in meinem Leben notieren können, der mich zu einem erträglicheren Menschen macht. Sie alle kennen die zahllosen Berichte zu Klimawandel, Umweltverschmutzung und dem Niedergang der Artenvielfalt. Natürlich ist auch mir klar, dass wir als Einzelne wenig gegen die Großmacht aus Ignoranz, Profitgier und Feigheit tun können, die notwendige drastische Maßnahmen zur Rettung der Welt verhindert. Aber wie die wild wachsende Blume auf dem brav gestutzten Rasen möchte ich 2019 versuchen, den kleinen Unterschied zu leben.

Vergangenes Jahr haben wir endlich unser Auto abgeschafft. In einer Stadt wie Hamburg geht das leichter als in den ÖPNV-befreiten Zonen auf dem Lande, klar. Aber wenn ich die vielen zugeparkten Straßen sehe, habe ich nicht das Gefühl, dass außer uns noch viele andere Hamburger auf diese naheliegende Idee gekommen sind. Meine Monatsplanung für 2019 steht noch nicht fest, während ich diese Zeilen schreibe. Eine Freundin von mir will einmal in der Woche eine Stunde früher aufstehen, um spazieren zu gehen. Sie möchte einmal am Tag „so richtig in der Welt sein“, eine wunderbare Idee. Andere wiederum wollen zu Vegetariern werden, öfter demonstrieren gehen oder ihre Kleiderschränke entrümpeln – und nicht wieder füllen. 

Es gibt so viele große und kleine Dinge, die einen daran erinnern, dass wir auf der Welt sind, um etwas zu tun. Und nicht, um alles mit uns machen zu lassen. Der Januar ist der beste Monat, einmal damit anzufangen. <

In Deutschland mehren sich die Anzeichen, dass auch wir die kleinen FeLHer wieder wertschätzen lernen. Gerade in der Bio-Landwirtschaft, wo der geringere Chemieeinsatz der Natur freieres Spiel erlaubt, fällt wesentlich mehr Obst und Gemüse aus der „Norm“. Zu kleine Kartoffeln, verformte Zucchini, verwirbelte Möhren. Münchener können bei „Etepetete“ sogenannte „Gemüseretterboxen“ abonnieren. Die Berliner Firma „Querfeld“ sammelte vergangenes Jahr 30 Tonnen „hässliches“ Obst und Gemüse bei Bio-Bauern ein und belieferte damit Kantinen, Catering-Service oder Weiterverarbeiter. Und nicht zuletzt half die katastrophale Ernte nach dem Dürresommer, dass es in diesem Jahr so viele „Schönheitsfehler“ in die Auslagen schaffen wie lange nicht. Selbst Discounter wie Penny mit seinen „Bio Helden“ oder Aldi („Krumme Dinger“) bringen inzwischen clever vermarktete Abweichungen zu Sonderpreisen auf den Markt. Allerdings landen nach Schätzungen des WWF etwa bei den Kartoffeln immer noch weit über 700 000 Tonnen nicht auf dem Teller, weil sie dem Ideal nicht entsprechen. Eine Welt, in der Kartoffeln in Herzchenform aussortiert werden, fühlt sich nicht wirklich gut an.

Vor uns liegen Festtage, an denen wieder mal alles besonders gut gelingen soll. Das Feiertagsmenü, die Geschenke, die Stimmung. Das Weihnachtsideal, wie es uns in Fernsehwerbung und Kochzeitschriften vorgelebt wird, erinnert an einen perfekt glänzenden roten Apfel. Jeder Knubbel wäre ein Unglück, jede Delle eine Katastrophe. Mir sind die unrunden Äpfel lieber, bei denen die Natur Lässigkeit und Fantasie walten ließ.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein herrlich unperfektes Fest. Eines mit kleinen Schrammen, winzigen Unebenheiten, aber eben auch mit der inneren Süße eines Apfels, der in unserer durchnormierten Welt als „Fehler“ gilt.

Erschienen in Ausgabe 01/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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Lena

Ja und nein, ich stimme zu, dass wir alle etwas tun sollten, aber ich fühle mich veräppelt. Vor 25 Jahren habe ich aufgehört Fleisch zu essen, vor 20 Jahren habe ich mein Auto abgegeben, seit 18 Jahren habe ich kein Flugzeug mehr betreten. Seit über 15 Jahren gehen wir nur noch Rodeln, nicht mehr Skifahren. Ich kaufe Bio und auf dem Wochenmarkt, unsere 70 qm Wohnung ist zu dritt sparsam bemessen, der Kühlschrank ist winzig usw. Und trotzdem, Es reicht bei Weitem nicht was wir tun Unser CO2 Fußabdruck liegt, soweit ich das rechnen kann, bei ca. 2.5 Tonnen pro Jahr, das ist ca. 3 mal zu hoch. Ich möchte gern gesellschaftsfähig bleiben, aber jetzt fehlen mir die Stellschrauben, weitere große Einsparungen zu machen.
Deshalb wundert es mich, dass auch Ökojournalisten so zurückhaltend sind wie Sie. So wie ich möchte aus meinem Bekanntenkreis kaum einer leben. Ohne Auto, ohne Flugreisen, ohne Fleisch, alles Bio … Bitte inspirieren Sie uns doch mit Gedanken, die das Klima wirklich retten können. Denn wenn wir alle ein bisschen erträglicher werden, dann reicht das nicht, um das Klima zu retten. Ich wünsche mir ein wirkliches Bild, eine Inspiration, was wir tun können, um das Klima zu retten und dabei gesellschaftsfähig bleiben.