Kolumne: Der letzte schöne Sommer - Schrot und Korn

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Kolumne: Der letzte schöne Sommer

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Haben Sie eigentlich auch eine Lieblingsjahreszeit? Es soll ja Menschen geben, die mitten im Sommer schon wieder vom Skifahren träumen. Dann gibt es die ewigen Herbstregenmelancholiker, die Frühlingsblumenschwärmer … Ich bin da eher schlicht gestrickt. Obwohl ich jeder Jahreszeit etwas abgewinnen kann, fange ich eigentlich erst bei 25 Grad Wärme richtig an zu leben. Auch wenn man es meiner winterblassen Stubenhockerhaut nicht ansieht, treibt es mich selbst bei
Hitzewellen aus dem Haus und ich werde zum Nachtarbeiter, weil ich keinen Sommersonnenstrahl verpassen will.


Meine Sehnsucht nach langen, trockenen Sommern ist vorbei


Sommer ist, wenn die Menschen in den Cafés im Schatten sitzen wollen; wenn man nicht darüber nachdenken muss, was und wie viel man anzieht (auch wenn manche das vielleicht tun sollten); wenn sich das Leben so viel leichter anfühlt und die Städte abends summen wie ein glücklicher Bienenstock. Meine ganz persönliche Sommerliebe hängt womöglich auch damit zusammen, dass ich in meiner Hamburger Kindheit ständig die fiesen 17-Grad-Dauerregen-Pseudosommer erdulden musste. Auch wurden mir mal geradezu magische Talente als „Regenmacher“ nachgesagt, da sich einige Zeit lang jeder Ort der Welt nach meiner Ankunft binnen Kurzem in eine nasse Kühlkammer verwandelte. Sätze wie „So schlechtes Wetter haben wir hier normalerweise nie“ oder „Ich glaube, da hinten wird es wieder hell“ gehören zu meinen hartnäckigsten Ferienerinnerungen.

Doch inzwischen ist es vorbei mit meiner unschuldigen Sehnsucht nach langen, heißen und, vor allem: trockenen Sommern. In ganz Deutschland fiel vergangenes Jahr nur noch 60 Prozent der sonst üblichen Regenmenge. Auf der BioFach-Messe hörte ich im Februar einen verzweifelten Bauern aus Brandenburg, dem allmählich die ganze Existenz unter den Füßen wegtrocknet. Seit dreißig Jahren sinkt der Grundwasserspiegel dort stetig. Ändert sich das nicht, wird es in seiner Region in wenigen Jahren keine Landwirtschaft mehr geben, fürchtet der Mann. In diesem Jahr mussten im April schon wieder 1,4 Millionen Kubikmeter Wasser aus der Talsperre Spremberg in die ausgetrockneten brandenburgischen Flüsse geleitet werden, damit die überhaupt noch in Bewegung blieben.

Da ist etwas aus der Balance geraten, wenn in den Wintern die Grundwasservorräte kaum noch aufgefüllt werden und
die Zeit ab April vom Wechsel aus gnadenloser Dürre und Sturzregen, den kein Boden halten kann, bestimmt wird. Nein, das ist nicht mehr der ganz normale Wechsel aus mal feuchten und mal eher trockenen Sommern, der bei den Landwirten zum Betriebsrisiko gehört. Da geht etwas zu Ende, womöglich für immer. Der nie enden wollende trockene Sommer ist längst Ausdruck unseres kindischen Unvermögens geworden, die Katastrophe wahrzunehmen, die sich vor unseren Augen vollzieht. 

Erschienen in Ausgabe 07/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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Christa Belzner

Da kann ich meiner Vorkommentatorin voll und ganz beipflichten. Auch mit der Bewertung von Fred Grimms Beiträgen.
Ich frage mich nur, wann die Menschheit endlich kapiert, dass unsere Erde kein Selbstbedienungsladen ist.
Die Trumps dieser Welt sollte man
„vom Hof jagen“, aber ich fürchte es kommt noch schlimmer.
Es muss wohl immer erst die Katastrophe da sein bevor etwas geschieht und dann wird erst einmal gejammert. Schade eigentlich. Ich bin 72 und verstehe die heutige Sorglosigkeit nicht, egal wo man hinblickt. Meine eindringliche Bitte: Wacht endlich auf!!!!!!!!

Klaus Weichselsdorfer

Früher war der Sommer auch meine Lieblingsjahreszeit. Auch mal eine Hitzewelle mit über 30 Grad war gut auszuhalten weil es ja auch immer auch regelmäßig geregnet hat. Ein heisser Tag am See und abends ein schönes Gewitter. Der Geruch der Natur nach dem Regen ist eine meiner schönsten Sommererinnerungen. Jetzt sind 2 bis 3 Wochen ohne einen Tropfen Regen normal. Landregen gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Ich bin 62 Jahre und wundere mich immer wenn Leute in meinem Alter so tun als ob dass alles ganz normal wäre. „Gab es früher ja auch schon“ ist dieser typische Satz den man oft hört. Mitleid mit der leidenden Natur kennen die meisten eh nicht. Der Satz „mein Auto fährt auch ohne Wald“ ist heute aktueller denn je.
Die Mehrheit der Menschen blendet die Katastrophe die wir jetzt in Echtzeit erleben müssen einfach aus.
An dieser Stelle möchte ich Herrn Grimm ein großes Kompliment aussprechen für seine immer treffenden Kommentare! Das ist das beste am ganzen Magazin !