Kolumne: Delikatessen vom Wegesrand - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

Kolumne: Delikatessen vom Wegesrand

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

 Vor ein paar Jahren hatte ich das Vergnügen, Sarah Wiener in ihrer Küche beim Kochen zuzuschauen. Ein paar Stunden lang dachte ich damals, mein Leben würde nie wieder dasselbe sein. Von nun an würde auch ich nur noch gesunde, superleckere Sachen kochen. Meine Familie würde sich vor jeder Mahlzeit dankbar verneigen und ich könnte endlich – so wie Sarah Wiener – Vogelmiere in unseren Speiseplan integrieren.

Vogelmiere? Kannte ich vorher (auch) nicht. Sieht aus wie eine Kreuzung aus Kleeblatt und Feldsalat und schmeckt wie frischer Mais. Auf dem Markt hatte ich das noch nie gesehen. Wo kriegt man sowas her? Sarah Wiener lächelte. „Das haben wir heute früh von der anderen Straßenseite gepflückt.“ Ich gebe zu, aus meinen Vorsätzen ist nicht wirklich was geworden. Unsere Tochter bereitet ihre Speisen inzwischen „lieber selbst“ zu. Meine Gattin „geht lieber essen“. Und selbst wenn ich mal nur für mich ein Rezept von Sarah Wiener oder anderen Küchenkoryphäen nachkoche, sieht es hinterher aus – als hätte ICH gekocht.

Am schlimmsten aber ist: Ich habe mich nie getraut, in den Büschen und Parks unserer Stadt nach Vogelmiere zu suchen. Das sollte eigentlich nicht zu schwer sein, gilt die nährstoffreiche Pflanze doch als besonders robustes „Unkraut“, das man so gut wie überall finden kann.

Jetzt allerdings gibt es für mich keine Ausrede mehr. Ein Buch lässt mich unsere Stadt mit ganz anderen Augen sehen – als riesige Kräuter- und Gemüsekammer für lau. „Hamburgs wilde Küche“ heißt das Werk von Katharina Henne und Lore Otto, mit dem Untertitel: „Was wächst denn da & kann man das essen?“ Man kann. Und zwar viel, viel öfter, als man denkt.

Vogelmiere schmeckt wie frischer Mais

Henne & Otto, beide studierte Biologinnen und Umweltpädagoginnen, erzählen von Limonade aus Giersch-Blättern, von Brennnesselkuchen, von Salaten mit Löwenzahn und von Suppen, die mit wild gepflücktem Sauerampfer erst den richtigen Kick bekommen. Angenehmerweise drängelt einen das Buch nicht, sein Essen fortan ausschließlich draußen selbst zusammenzusuchen. Die „wilde Küche“ verfeinert eher oder ergänzt. Aber sie treibt einen unwiderstehlich vor die Tür. Als bekennender Nichtgärtner (ja, ja, ich weiß …) bin ich zwar nicht gerade ein Naturtalent beim gezielten Pflanzenfinden, doch das scheinbar sinnlose Herumstreifen, bei dem man sich einen geschäftigen Anstrich gibt, liegt mir. Natürlich sollte man beliebte Hundewiesen und den unmittelbaren Straßenrand bei der wilden Ernte meiden, warnen Henne & Otto.

Aber wer mit offenen Augen durch sein urbanes Revier streift, dürfte recht bald fündig werden und kommt garantiert mit einigen schmackhaften Kräutern nach Hause, deren Namen man erst einmal nachschlagen muss. Mal sehen, was meine Tochter dann daraus kocht.<

Erschienen in Ausgabe 10/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'