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Kolumne: An alle Wahlmüden und Zyniker...

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Ab und an sieht man sie kurz in den Nachrichten; lange Menschenschlangen, die in Ländern wie Somalia oder Afghanistan vor den Wahllokalen anstehen. Ängstlich, weil Terroranschläge drohen, aber auch trotzig und stolz. Egal, wie fragwürdig diese Abstimmungen auch sein mögen, einen historischen Moment lang setzen diese Menschen darauf, dass ihre Stimme zählt. Ich mag nah am Kitsch gebaut sein, aber die Grundidee der Demokratie, dass alle Menschen gleich viel wert sind und ebenso jede Stimme bei der Wahl, diese Idee berührt mich noch immer.

In den USA attackieren die Republikaner das allgemeine Wahlrecht seit Jahren mit immer neuen juristischen Winkelzügen. Schwarze Wähler mussten im November im Schnitt knapp zwei Stunden warten, bis sie endlich ihre Stimme abgeben durften. Weiße nicht mal 15 Minuten. Wer einmal diese würdigen älteren schwarzen Damen und Herren erlebt hat, die sich von allen Widrigkeiten beim Wählen nicht beirren lassen, weil sie in ihrer Jugend so für ihr Recht kämpften mussten, der empfindet jeden deutschen Wahlverweigerer als Beleidigung.

Ich mag mich einfach nicht damit anfreunden, dass wohl jeder fünfte Deutsche auch diesmal wieder auf ein Recht verzichtet, für das jeden Tag auf dieser Welt Menschen sterben. Diese Mischung aus Faulheit und Larmoyanz, weil Wahlen „ja doch nichts ändern, sonst wären sie verboten, höhö“, diese öde Selbstgewissheit – wo doch das Nichtwählen erst recht nichts bessern dürfte. War beispielsweise 2013 unter 63 (!) Parteien wirklich nicht eine einzige dabei, die man hätte wählen können, um wenigstens der Grundidee der Demokratie seinen Respekt zu erweisen? Da kandidierte eine „Partei der Vernunft“, eine „für spirituelle Politik“, auch eine Tierschutzpartei zeigte sich. Und wer wirklich so absolut gar nichts vom Wählen hält – hätte der nicht bei der Liste „Nein!“ oder der „Partei der Nichtwähler“ sein Kreuz machen können?

Gehen Sie wählen, denn die Erdbeere hat keine Stimme

Vor fünf Jahren hatte die Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev mal provokativ ein „Wahlrecht für die Erdbeere“ ins Spiel gebracht und wurde dafür ziemlich ausgelacht. Doch angesichts von Artensterben und Umweltzerstörung kommt einem der Gedanke, die Natur sollte auch mal etwas zu sagen haben, gar nicht mehr so bescheuert vor. Jedenfalls auch nicht bescheuerter als viele Sätze, mit denen etwa der Bundesautominister Alexander Dobrindt seine Wiederwahl zu begründen versucht. Daher meine Bitte an all die Wahlmüden und Zyniker, die dem 24. September voller Langeweile entgegensehen: Geben Sie sich einen Ruck! Für all die Menschen auf der Welt, die an die Idee der Demokratie glauben, für all jene, die im Kampf um freie Wahlen gefoltert oder ermordet wurden. Und wenn Ihnen das zu pathetisch vorkommt, dann wählen Sie wenigstens dieses eine Mal stellvertretend nur für sie. Die Erdbeere.

Erschienen in Ausgabe 09/2017
Rubrik: Leben&Umwelt

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Danke für diese Kolumne, ich habe sie soeben auf facebook geteilt.