Kolumne: Aktenzeichen YZ - Schrot und Korn

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Kolumne: Aktenzeichen YZ

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Ich gehöre zu der Generation, die „Aktenzeichen XY“ noch mit Eduard Zimmermann gesehen hat. Und zwar, das macht es nicht besser, in Schwarz-Weiß. Die Gruselabende aus der wirklichen Welt haben mich die Kindheit hindurch begleitet: Nächtliche Vorstadtsiedlungen, durch die perverse Mörder huschten, erwürgte Anhalterinnen am Rande der Landstraße, Einbrecher auf der Jagd nach dem Schmuck schlafender Rentnerinnen. Das alles präsentiert mit der Beamtenstimme des Moderators, der seine Zuschauer nur selten mit der erlösenden Nachricht in die Nacht entließ, dass man den Serienmörder aus der vorvorletzten

Die Unternehmen
wissen seit jahren,
was sie anrichten

Folge endlich aufgegriffen habe.
Heute mag ich die ZDF-Sendung kaum noch anschauen. Der Versuch, auch hier mit der Ästhetik von Vorabendkrimis zu arbeiten, damit sich das reale Verbrechen leichter konsumieren lässt, nervt. Doch da sind immer noch die ganz normalen Kriminalbeamten, die – oft rührend nervös – im Studio ihre Ermittlungsansätze vortragen und uns um Hilfe bitten: Wer könnte die entscheidende Beobachtung beisteuern, wer sich nach vielen Jahren entscheiden, sein Wissen zu teilen, damit ein Verbrechen doch noch aufgeklärt wird?

Bei „Aktenzeichen XY“ herrscht ein zutiefst demokratisches Prinzip. Die zugewanderte Prostituierte, die von einem Freier erstochen wird, der erschlagene Obdachlose und der beraubte Juwelenhändler – sie alle sind es wert, dass man aufklärt, was ihnen angetan wurde und von wem. Wenn man in die Gesichter der Kriminalbeamten schaut, die bisweilen gerade dieser eine ungeklärte Fall nie losgelassen hat, ahnt man, wie sehr sie diese Prinzipien verinnerlicht haben. Letztlich geht es in „Aktenzeichen XY“ um Respekt für jeden Menschen und darum, dass sich die Gemeinschaft kümmert, wenn einem etwas angetan wird.

Ich überlege manchmal, wie wohl eine Sendung aussehen würde, die diesen Gedanken auf die uns umgebende Welt übertragen würde, und das Recht auf Unversehrtheit auch für die Natur und die Lebewesen, mit denen wir die Erde teilen dürfen, einfordert. Während ich dies schreibe, steigt die Zahl der in den australischen Feuern umgekommenen Tiere gerade auf über eine Milliarde. Wer wird die für dieses Verbrechen Verantwortlichen eigentlich zur Rechenschaft ziehen? Gerade mal 100 Unternehmen sind für 71 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich, ergab eine Studie. Und alle wissen seit Jahren, was sie da anrichten: 100 Vorstände, zusammengesetzt aus (meist) Männern in dunklen Anzügen, zu deren Taten wohl niemals Kriminalbeamte in Fernsehstudios Ermittlungsergebnisse zusammentragen werden, obwohl sie jedes Gerichtsverfahren verdient hätten. Aber vielleicht gibt es so etwas demnächst ja doch mal im Fernsehen. Einen Titel hätte ich auch schon: „Aktenzeichen YZ. Die Täter kennen wir“. 

 

Erschienen in Ausgabe 03/2020
Rubrik: Leben&Umwelt

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