„Jeder kann Großes leisten“ - Schrot und Korn

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„Jeder kann Großes leisten“

Interview © Joel Junge/bio verlag
Stephanie Weigel ist Organisatorin beim Umweltfestival Tollwood, das noch bis Ende Dezember in München läuft. © Joel Junge/bio verlag

 

INTERVIEW Tollwood ist dieses Jahr 30 geworden. Weil man aber mit einem Festival nicht sprechen kann, haben wir uns mit Stephanie Weigel getroffen. Sie organisiert dort den Weltsalon. Ein Gespräch über Helden, Trägheit und visionslose Politiker.

In München ist gerade Tollwoodzeit. Bis Ende Dezember läuft das Umweltfestival auf der Theresienwiese – mit Kunst, Kultur und Bio-Essen. Und mit Stephanie Weigel, die dort den Weltsalon organisiert und die Besucherinnen und Besucher dazu einlädt, Helden zu werden.

Kannst du das Tollwood-Festival mit drei Worten beschreiben? International, unerwartet, engagiert.

Was macht Tollwood zu einem Umweltfestival? Das ökologische und nachhaltige Engagement. Wir halten den ökologischen Fußabdruck dieser Großveranstaltung so klein wie möglich – mit Öko-Strom, Bio-Essen und umweltfreundlichen Anreiseangeboten. Und das obwohl hier pro Jahr 1,5 Millionen Menschen ein- und ausgehen. Außerdem benutzen wir das Festival als Bühne für ökologische und gesellschaftliche Themen.

Ein Highlight ist der Weltsalon. Was passiert dort? Konkret ist das ein Veranstaltungszelt mit Bühnenprogramm und interaktiven Installationen. Im Weltsalon holen wir die Menschen mit Kunst und Kultur ab, zu Themen, die nicht immer einfach sind. Diesmal wird der Weltsalon zur Heldenschmiede. Wir sagen „Gut geht besser“ und erzählen Geschichten des guten Gelingens. Zum Beispiel von Unternehmern, die fair mit ihren Mitarbeitern umgehen, nachhaltig arbeiten und auch sonst vieles anders machen. 

Und wie wird der Weltsalon zur Heldenschmiede? Die Geschichten des guten Gelingens zeigen, was möglich ist. Es geht einem ja selbst auch so, dass man an bestimmte Dinge glaubt, aber denkt „es geht ja nicht“ – weil alle meinen, dass es nicht geht. Der Weltsalon will erreichen, dass die Menschen mutig werden und sagen: „Ich mach das jetzt anders.“ Egal, ob es um das Nachbarschaftsverhältnis, um Umweltschutz oder um Frieden geht.

Wer in den Weltsalon reingeht, kommt als Held wieder raus.Genau – oder zumindest mit der Anleitung zum Held sein. Man muss ja nicht Gandhi sein, um etwas für den Frieden zu tun oder fürs gute Zusammenleben. Jeder kann in seinem Wirkbereich Großes leisten. Diese Zuversicht und diesen Schwung wollen wir den Leuten geben.

Hast du einen persönlichen Helden? Ob er ein Held ist, weiß ich nicht, er ist ein Vorbild: Qwatsinas, der Häuptling der Nuxalk-Indianer. Er hat an der Westküste Kanadas für den Erhalt seines Stammesgebietes gekämpft. Das Gebiet sollte abgeholzt und die heiligen Stätten eingerissen werden. Sein Stamm hat sich friedlich hingesetzt und so lange gewaltfrei protestiert, bis das Gebiet unter Schutz gestellt wurde.

vch so darüber nachdenke, sind meine alltäglichen Vorbilder tatsächlich Kinder und meine Tochter. Sie leben so viel mehr als Erwachsene in der Gegenwart und zeigen uns, dass nichts verschoben werden sollte, was wichtig ist. Sie haben noch ein echtes Interesse am Leben um sich herum. Am Regenwurm zum Beispiel, der sich auf dem Asphalt dahinmüht, während wir in Eile sind, weil der Bus gleich fährt. Diese Empathie ist, da bin ich sicher, die wichtigste Grundlage für Engagement, das wichtigste Mittel gegen Trägheit.

Von dir stammt das Zitat: „Trägheit ist der schleichende Tod unserer Gesellschaft.“ Was meinst du damit? Wenn ich merke, es läuft etwas schief – und ich mich einfach daran gewöhne. Das ist gefährlich, weil wir dabei Dinge akzeptieren und Werte verraten, an die wir eigentlich glauben. Es ist wichtig, beweglich zu bleiben und sich inspirieren zu lassen. Tollwood hat dazu tolle Möglichkeiten. Wir können dort irritieren, konfrontieren, in Szene setzen, auf eine Weise, die man annehmen kann.

Hast du dich schon immer für Menschen und Umwelt eingesetzt? Mein Erweckungserlebnis war Tschernobyl. Als Jugendliche erlebte ich damals, wie meine Oma aus dem Garten kam und den ganzen geernteten Salat weggeworfen hat. In dem Moment war so klar, dass da etwas schiefläuft. Dass sich das nicht mehr von selbst regelt. Und auch nicht, indem man sagt: „Man müsste mal.“ Das regelt sich nur, wenn man sagt: „Jetzt mach ich mal.“

„Viele Junge Leute trauen sich nicht, ihre Meinung zu sagen“

Was treibt dich an? Ich halte Ungerechtigkeit nicht aus. Was findest du ungerecht? Dass wir mit dem Planeten umgehen als gäbe es kein morgen. Dass Kinder verhungern. Wir haben genug Essen. Es geht um Verteilung und hier ist die Politik gefragt. Und den Klimawandel. Das ist alles menschengemacht. Und es ist durch den Menschen zu stoppen.

Was hält uns auf, aktiv zu werden? Zum größten Teil ist es – glaube ich – Bequemlichkeit. Es gibt aber auch eine große Desillusionierung und Frustration, weil der Politik nicht mehr geglaubt wird. Weil es zu wenige mutige Politiker gibt, die Visionen vertreten und sich nicht nur nach Umfragewerten richten. Oder am Ende vor der Wirtschafts-Lobby einknicken. Viele Menschen reagieren darauf mit Rückzug. Dabei müssen wir heute sogar die Demokratie verteidigen. Rückzug lässt sich aber wieder umkehren. Und da sind wir wieder bei den Geschichten des guten Gelingens. Vieles ist machbar. Es müssen nur
genügend Menschen daran glauben.

Sollte nicht auch die Jugend mehr tun? Jeder muss etwas tun. Aber wir haben den Karren in den Dreck gezogen und können jetzt nicht sagen, die nächste Generation soll ihn da wieder rausholen. Bei diesem Gedanken stellen sich mir die Nackenhaare. Wenn ich mir die Jugendlichen ansehe, die Tollwood besuchen, für die muss ich die vegetarischen Bio-Angebote nicht groß bewerben. Die suchen solche Angebote. Was ich aber auch beobachte: Viele junge Leute trauen sich nicht mehr ihre Meinung zu äußern. Weil sie in Schule, Ausbildung und Studium gelernt haben, keine Forderungen zu stellen. Das soll sie nicht aus der Verantwortung nehmen. Aber man muss ihnen echte Räume der Mitgestaltung geben. Und dann auch zulassen, dass Veränderungen passieren, die ich als ältere Generation so vielleicht nicht gemacht hätte.

Warum sollten unsere Leser das Festival auf keinen Fall verpassen? Weil man durch die Geschichten des guten Gelingens inspiriert und gut gelaunt nach Hause geht. 

© Joel Junge/bio verlag; Privat

Zur Person

Stephanie Weigel

... leitet bei der Tollwood GmbH den Bereich Mensch und Umwelt. Zuvor hat die Diplom-Pädagogin als Kampaignerin bei Greenpeace Deutschland und International und in der Entwicklungshilfe gearbeitet. Bei Tollwood organisiert Stephanie Weigel mit ihrem Team nicht nur das Veranstaltungszelt „Weltsalon“, sondern auch die Projekte „Bio für Kinder“ (www.bio-fuer-kinder.de) und „Artgerechtes München“ (www.artgerechtes-muenchen.de). Stephanie Weigel lebt mit ihrer Tochter und drei Mäusen in Augsburg. www.weltsalon.de, www.tollwood.de

Erschienen in Ausgabe 12/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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