Interview: „Essen hält zusammen“ - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

Interview: „Essen hält zusammen“

Interview © Dirk Messner
Max Mutzke ist Schwarzwald- Bursche durch und durch. Er tourt mit seiner Band besonders nachhaltig. © Dirk Messner

 

INTERVIEW Wenn Sänger Max Mutzke unterwegs ist, wohnt er mit der ganzen Crew wochenlang im Bus: Das ist eng, aber öko. Benimmregeln sind nötig. Mutzke erzählt aus dem Inneren des Buslebens.

Wir treffen uns im Café des Gloria, einer kleinen, feinen Konzerthalle in Köln Zentrum. Da spielt Max Mutzke mit seiner Band vier Stunden später. Vor dem Gloria steht ein 20 Meter langer Doppeldeckerbus. Er ist unser erstes Thema.

Was ist das für ein Bus vor der Tür?

Das ist ein sogenannter Nightliner. In dem Bus wohnen wir alle seit Wochen.

Alle? Die ganze Crew?

Ja, alle. Auf der Bühne sind wir acht, und dann kommen noch die Techniker dazu. Wir sind dann 14, 15 Leute, je nachdem, ob wir einen oder zwei Fahrer im Bus haben.

Wie sieht es im Bus aus?

Unten ist ein großer Gemeinschaftsraum. Oben sind die Betten. Es ist wie in einem Schiff. Rechts und links sind jeweils Etagenbetten. Das sind Kajüten wie auf See. Es gibt schwere Vorhänge, die man zu zieht, eine eigene Lüftung, die man einstellen kann, damit Frischluft reingepustet wird, ein Licht und eine Steckdose, um das Handy aufzuladen. Alles ist sehr eng: Man kann nicht sitzen, man kann nur liegen. Aber es ist vollkommen okay. Wir werden sanft in den Schlaf geschaukelt, der Busfahrer fährt ganz vorsichtig. Wir fahren die Nacht über. Wenn wir morgens aufwachen, steht der Bus schon vor der Halle in der nächsten Stadt. Dann gibt es im Bus das leckerste Frühstück, das Du Dir vorstellen kannst: frische Eier, es gibt einen Entsafter, jede Menge Gemüse und Obst, Honig, Ingwer, Minze, jeder mischt sich sein Müsli zusammen oder einen Smoothie. − Und abends nach dem Konzert gehen alle duschen. Es gibt die Vereinbarung, dass jeder, der in den Nightliner geht, geduscht hat. Damit man nicht verschwitzt oder mit verrauchten Klamotten da rein geht. Jeder, der reinkommt, hat seine Tourklamotten an, meistens einen Trainingsanzug, einen Hoodie, eine Jogginghose. Und in diesem Wohnzimmerlook sitzen wir dann frisch geduscht, gut riechend, fit im Nightliner.

Und dann gibt’s Essen und Trinken?

Genau! Der Konzertveranstalter hat den Auftrag, den Bus zu bestücken. Er stellt also Wasser, andere Getränke und Sandwiches zur Verfügung.

Sind das besondere Sandwichs?

Wir achten darauf, dass es kein Weißbrot gibt. Also ist dann viel Graubrot und Schwarzbrot dabei, mit Körnern, Käse, Salat, Gurke, Frischkäse … Das Gegenteil wären weiße Brötchen mit winkendem Käse, der schon das Brötchen umarmt.

Alkohol?

Ja, bei Alkohol muss alles da sein. Jeder ist anders. Der eine liebt es, einen Rum zu trinken, der andere möchte einfach nur ein Bier, der nächste Rot- oder Weißwein. Dadurch ist immer alles auf dem Tisch. Aber es übertreibt keiner, sonst hat man schlechte Nächte ...

Dann seid Ihr also erst um zwei Uhr fertig und fahrt weiter?

Genau! Um zwei fährt der Bus ab. Und heute Nacht werden wir uns ziemlich beeilen, weil wir acht Stunden bis nach Hamburg vor uns haben. Man rechnet immer 100 Kilometer in zwei Stunden. Nicht, weil der Bus nur 50 fährt, sondern weil die Lenkzeiten berücksichtigt werden müssen, weil man erst aus der Stadt raus muss. Wir werden also acht, neun Stunden brauchen.

Das ist ja vergleichsweise umweltfreundlich, so zu reisen: Alle zusammen in einem Bus?

Ja, das ist sehr ressourcenschonend: Du brauchst keine 15 Hotelzimmer, wo jeder eine eigene Dusche hat, eine eigene Heizung aufdreht. Man muss nicht jeden Tag in ein anderes Hotel, Bettzeug waschen, Handtücher wechseln. Das ist total klasse.

Macht Ihr Eure Tourneen schon lange mit dem Nightliner?

Immer schon! Wir finden das schön: Wir sitzen abends nach dem Konzert zusammen, reden über den Tag, und wenn der Auftritt gut gewesen ist, freut man sich gemeinsam darüber. Wir nehmen die Konzerte oft mit der Kamera auf, gucken uns das dann gerne an, um manches noch besser zu machen.

Woher kommt dieser Wunsch, umweltschonend zu reisen, zu leben?

Ich bin im Schwarzwald aufgewachsen. Wir hätten das Interview eigentlich an einem Felsen machen müssen: Falkenstein heißt der. Da habe ich meine ersten Klettererfahrungen gemacht. Da ist ein Felsplateau, von dem schaut man wie in den Grand Canyon rein, fast wie im Tessin: bemooste Steine, weißer Kalkstein, rote Felsen, Granit, aber alles begrünt, ein Wasserfall. Eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Und da lebe ich mit meiner Familie. Viele sagen: „Ihr lebt da, wo andere Urlaub machen!“ Da groß zu werden, war ein Traum.

Also Natur pur!

Und in unserem Garten geht das genau so weiter: Wir düngen überhaupt nicht, wir spritzen nicht, ich gebe nur Mulch oder Erde aus dem eigenen Komposthaufen auf die Beete. Bio ist uns echt wichtig. Wir haben uns schon immer sehr naturnah ernährt. Ich bin kein Vegetarier. Aber wenn ich Fleisch esse, dann Bio-Fleisch oder Wild. Massentierhaltung geht gar nicht.

Verpackungsarm einkaufen ist gerade ganz in ...

Da achten wir sehr darauf. Wir gehen – so doof es sich anhört – mit unserem Jutebeutel und Plastikdosen zum Einkaufen. Und natürlich achten wir darauf, möglichst nichts wegzuschmeißen. Wenn im Kühlschrank ein Fenchel nicht mehr total klasse aussieht, dann wird der ganz schnell verarbeitet. Man muss sich dann halt etwas einfallen lassen. Vielleicht mit ein bisschen
Zitrone, Öl, Essig kurz angaren, mit Sesam und Honig in der Pfanne, das ist doch total lecker.

Da spricht der erfahrene Hobbykoch …

Ja, das mache ich gern. Ich koche auch immer mal auf Tour. Bei Plattenaufnahmen koche ich immer abends schon vor. Wir haben uns angewöhnt, Essen zu machen, das in großen Töpfen lange vor sich hin brodeln kann; das schmeckt immer besser, je länger es steht. Mit Früchten und indischen Gewürzen, Linsen und Kokosmilch, viel mit Chili und Kartoffeln. Wir machen viele vegetarische Sachen. Das gemeinsame Essen ist fürs Wohlfühlen und den Zusammenhalt ganz wichtig. 

Zur Person

Max Mutzke ...

... wird in diesem Monat 38 Jahre alt. Er wurde in Waldshut-Tiengen im Schwarzwald geboren und hat fünf Geschwister. Der Sänger/Songwriter ist nicht nur in Pop, Rock, Soul und Funk zu Hause, sondern auch im Bereich Jazz. Im Jahr 2004 vertrat er
Deutschland mit „Can’t Wait Until Tonight“ beim Eurovision Song Contest in Istanbul und belegte den achten Platz. Sein aktuelles Album „Colors“ kam im vergangenen Jahr heraus. Derzeit ist er mit seiner Band auf Tour durch Deutschland. Max Mutzke wohnt mit seiner Partnerin und den vier gemeinsamen Kindern weiter in Waldshut-Tiengen im Schwarzwald.
www.maxmutzke.de

© Fotos: Dirk Messner; Privat

Erschienen in Ausgabe 05/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'