Interview: „Klima kaum entlastet“ - Schrot und Korn

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Interview: „Klima kaum entlastet“

© Rene Zieger
Die Greenpeace-Aktivistin Kirsten Brodde rechnet vor, was welche Klimaschutz- Maßnahme bringen wird.

 

INTERVIEW Greenpeace-Aktivistin Kirsten Brodde ist überzeugt, dass ein Wandel gelingen kann, wenn wir Verbraucher beginnen, uns als Nutzer zu sehen. Oliver Scheiner

Die Klimakatastrophe hat Politik und Medien voll im Griff. Welche Verantwortung müssen Konsumenten für mehr Klimaschutz übernehmen?

Die aktuelle Debatte zeigt, dass wir dringend auch über Lebensstilfragen diskutieren müssen. Dazu gehört unser ungezügelter Konsum. Bislang dachte man beim CO₂-Ausstoß in erster Linie an Kohlekraftwerke, Autos und Flugzeuge, kaum an Handys, Textilien und Nespresso-Kapseln. Die Klimarelevanz von Konsum wurde lange unterschätzt. Mittlerweile horchen die Menschen aber auf, wenn man ihnen Fakten vorlegt, wie irrsinnig viel Energie unser Konsum tatsächlich verbraucht.

Können Sie da ein Beispiel nennen?

Unser Konsum von schnelllebiger Mode hat 2015 weltweit so viel CO₂ verursacht wie der gesamte Schifffahrts- und Flugverkehr zusammen.

Findet dieser Weckruf Gehör?

Einerseits ja. Andererseits dominiert noch immer die Vorstellung, man müsse klimaschädliche Produkte einfach durch grünere ersetzen. Aber das wird nicht reichen, vor allem nicht, wenn wir immer mehr konsumieren. Die Umstellung von der Glühbirne auf LED hat beispielsweise dazu geführt, dass nachts viel mehr Gebäude viel länger beleuchtet werden. Unter dem Strich wird das Klima so kaum entlastet. Deshalb müssen wir nicht bloß anders einkaufen, sondern grundlegend andere Ansätze des Konsums verfolgen. 

Wie sehen diese Gegenmodelle aus?

Wir sollten nicht mehr den Besitz eines Produkts, sondern den Nutzen in den Vordergrund stellen. Uns also nicht mehr als Verbraucher sehen, sondern als Nutzer. Als Nutzer achten wir automatisch auf eine längere Lebensdauer der Produkte, bemühen uns, sie länger zu tragen, zu pflegen, zu reparieren. 

Brauchen wir für solch einen Wandel ein anderes Wirtschaftssystem?

Die westliche Wirtschaftsweise führt zu ungezügeltem Ressourcenverbrauch und damit direkt in die Klimakrise. Wir müssen uns endlich von der Wachstumsideologie verabschieden. Statt immer mehr Rohstoffe mit hohem Energieaufwand in immer mehr Gegenstände zu verwandeln, sollten wir Konzepte wie Leihen, Teilen, Tauschen aus der Nische holen. Wir sollten uns vor jeder Anschaffung die Frage stellen: Brauche ich das wirklich?

Welche Hebel hat die Politik aus Ihrer Sicht an dieser Stelle?

Der Gesetzgeber könnte entscheiden, Konsumgüter mit längeren Garantien zu versehen oder Reparaturdienstleistungen steuerlich begünstigen. Das wird in Schweden erfolgreich praktiziert. Umweltschädliche Produkte wie Fleisch müssen teurer werden, umweltverträgliche billiger. Aber das ist nur eine Baustelle der Klimapolitik. Die Regierung muss jetzt ein Klima-Notprogramm auflegen mit sofort umsetzbaren Maßnahmen, die zu einer drastischen CO₂-Senkung in allen Wirtschaftsbereichen führen: Stromerzeugung, Verkehr, Industrie, Wärme, Gebäude, Landwirtschaft und Konsum. Die Kanzlerin hat selbst gesagt, jetzt sei Schluss mit Pillepalle. Doch die Ergebnisse des Klimakabinetts sind mager. Statt eines wirksamen Klimapaketes brachte die Bundesregierung nur eine Sammlung harmloser „Eckpunkte“ zustande. Als wenn man versuchte, den Atlantik mit einem Zahnputzglas leer zu schöpfen. 

Was muss denn passieren?

Die Bundesregierung muss ihr enttäuschendes Papier zurückziehen. Und wenn es mit diesen Ministern und dieser Regierung nicht geht, dann muss man Neuwahlen fordern. Zunächst einmal werden wir die Regierung daran messen, ob wir dieses Jahr noch ein gutes Kohleausstiegsgesetz bekommen. Aber das kann nur der Anfang sein.  


„Wir müssen darüber nachdenken, das Wahlalter zu senken“


Was können Sie als Greenpeace-Aktivistin dazu beitragen?

Greenpeace ist vor allem für medienwirksame Aktionen bekannt, aber ebenso wichtig ist unsere Lobby-Arbeit hinter den Kulissen, zum Beispiel beim Klimaschutz-Gesetz. Wenn ich da etwas erreichen will, dann sollte ich vorrechnen können, was welche Maßnahme bringen wird.

Greenpeace saß bei der Kohle-Kommission, die sich auf den Ausstieg bis 2038 geeinigt hat, mit am Tisch …

… und da haben wir ein Sondervotum abgegeben, also formal zugestimmt, aber mit dem Hinweis, dass ein Ausstieg 2038 oder 2035 viel zu spät ist. Wir fordern nach wie vor, alle Kohlekraftwerke bis 2030 abzuschalten. Der Erfolg dieses Kompromisses war der schnelle Einstieg in den Ausstieg. Deshalb müssen die ersten vier Braunkohle-Kraftwerksblöcke in Nordrhein-Westfalen noch 2019 abgeschaltet werden.

Wie kann man die Widerstände beim Thema Klimaschutz in Teilen der Bevölkerung überwinden?

Eine Politik kann nur zukunftsfähig sein, wenn sie den Klimaschutz zur obersten Priorität erklärt. Man muss jedoch auch die wertkonservativeren Wähler mitnehmen. Ich weiß, dass das Tier- und Pflanzensterben viele ältere Leute beschäftigt. Vogelarten und bestimmte Pflanzen, mit denen sie aufgewachsen sind, verschwinden zunehmend. Und nicht zuletzt hat der deutsche Wald, der nun vor aller Augen verdorrt, einen hohen emotionalen Wert für viele Menschen.

Sinkt das Vertrauen in die Politiker?

Wenn es um Parteipolitik geht, dann ja. Aber das grundsätzliche Vertrauen, die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Besseren ändern zu können, ist immer noch da. Viele Menschen, derzeit vor allem Jugendliche, machen jeden Tag selbst Politik, indem sie sich engagieren, sich organisieren, auf die Straße gehen. Sie erproben gerade Politik jenseits von Parteikarrieren. Das ist ja das Tolle an dieser Bewegung.

Inwiefern können die protestierenden Schüler den Wandel beschleunigen?

Das Entscheidende ist, dass die Proteste der Jungen die Einstellungen und Verhaltensweisen der Erwachsenen verändern. Die Diskussionen über Verhaltensänderungen finden nämlich zu Hause statt, am Esstisch, im Kreise der Familie. Nicht im Fernsehen, wo man einfach umschalten kann, wenn einem das Programm nicht passt. Wünschenswert wäre es aber auch, wenn junge Menschen mehr direkten Einfluss auf die Politik hätten. Ich finde, wir müssen darüber nachdenken, das Wahlalter zu senken und möglicherweise auch Eltern stellvertretend für ihre kleinen Kinder abstimmen zu lassen. Schließlich geht es darum, in welcher Welt diese jungen Menschen leben werden.

Zur Person

Dr. Kirsten Brodde

... lebt und arbeitet in Hamburg. Sie bloggt seit vielen Jahren über die Themen „Grüne Mode“ und „Nachhaltige Textil-Wirtschaft“  und ist Autorin zahlreicher Sachbücher. Das letzte erschien 2018 unter dem Titel „Einfach anziehend: Der Guide für alle, die Wegwerfmode satthaben“. Seit 2000 arbeitet Brodde bei Greenpeace, bis 2008 als Redakteurin des Greenpeace Magazins. Danach leitete sie die internationale Textilkampagne „Detox my fashion“. Seit Kurzem verantwortet Brodde den Bereich Klima und Energie bei der Umweltschutz-Organisation.

 

Erschienen in Ausgabe 11/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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Rudolf Ott

So richtig die Kritik an der schnelllebigen Mode, hergestellt in armen Ländern, so krankt die Lösung an folgenden Problemen: wenn nicht bei H&M und Co gekauft wird, wozu erst "Mode" nähen? Wozu dann Baumwolle unter hohem Bewässerungs- und Pestizideinsatz erst anbau? Wovon sollen die Tagelöhner ihren Unterhalt bestreiten? Fr. Dr. Bodde ist hoffentlich klar, dass sie letzten Endes einer Wirtschaftskrise das Wort redet. Wäre sie im Kohlebergbau beschäftigt und hätte viele Verpflichtungen (Kinder etc.) wäre dann ihre Kritik am Kohleausstieg auch so harsch? Und Greenpeace hat sich bei der Energiewende nicht als so kompetent erwiesen, wie gerne vorgegeben. Erst die CO2-freien AKW stilllegen und dann die Kohleverstromung verdammen. Umgekehrt wäre es richtig gewesen. GP handelte wie ein Arzt, der bei einem schweren Unfall erst die Schürfwunden versorgt und dann die schweren Fälle, falls die diese Vorgegehnsweise überlebt hätten. Konsum herrunterfahren ist richtig, aber auch die möglichen Konsequenzen nicht vergessen.