Dirk Steffens: "Ich bin Augenzeuge" - Schrot und Korn

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Dirk Steffens: "Ich bin Augenzeuge"

© ZDF/Oliver Rötz
Dirk Steffens unterwegs im Kongobecken. © ZDF/Oliver Rötz

 

INTERVIEW Mit seinen ZDF-Dokus „Terra X“ und seinen Vorträgen erreicht Dirk Steffens ein Millionenpublikum. Ein Gespräch über das Umweltproblem Nr. 1 und den Optimismus als Bürgerpflicht. Fred Grimm

Als Naturfilmer hat Dirk Steffens mehr als 120 Länder der Erde bereist. In das Café im Hamburger Grindelviertel brauchte er nur drei Minuten zu Fuß. Der gut aufgelegte Journalist bestellt einen Apfelkuchen (mit Sahne), einen Cappuccino und lässt keine Frage unbeantwortet.

Im Februar laufen drei neue Folgen Ihrer Terra-X-Reihe »Faszination Erde«. Wohin geht‘s diesmal?

Nach Kanada, Südafrika und dann zeigen wir noch einen Themenschwerpunkt »Inselwelten«.

Das klingt nach neuen Abenteuern.

Unser Prinzip lautet: Nie ein Abenteuer um des Abenteuers Willen. Wir machen das nur, wenn man dadurch etwas besser erklären kann. Ein Beispiel: In Südafrika gibt es eine neue Anti-Wilderei-Einheit, die mit Hubschraubern, Fallschirmen und Hunden arbeitet. Die Tiere wurden dafür ausgebildet und ich werde mit einem dieser Hunde im Arm Fallschirm springen, um die Geschichte dahinter zu erzählen.

Im Prinzip waren Sie bereits überall. Nach welchen Kriterien suchen Sie die Orte aus, zu denen Sie fahren?

Das entscheiden wir gemeinsam im Team. Es gibt dabei drei Faktoren für die Entscheidung: Wo waren wir lange nicht? Wo gibt es gerade interessante wissenschaftliche Projekte? Welche thematische Bandbreite finden wir vor? Ich habe nicht den Ehrgeiz, jedes Land der Erde bereist zu haben. Es gibt aber natürlich bestimmte Länder, in denen Sie Naturwissenschaft und Wildnis besonders anschaulich erzählen können. Ich fahre bestimmt schon zum zwanzigsten Mal in meinem Leben nach Südafrika. Ich war auch schon sehr oft in Australien und häufiger in Brasilien. Aber wenn Sie mich jetzt nach Monaco schicken würden, hätte ich ein Problem. Da gibt es nur Beton und reiche Leute, und beides interessiert mich nicht.

Sie sind ja immer im Team unterwegs. Wie viele Menschen reisen mit?

Ich bin immer mit demselben Kameramann unterwegs, seit 15 Jahren schon. Mit ihm habe ich in manchen Jahren mehr Zeit verbracht als mit meiner Frau. Dazu kommen dann noch die Autorin oder der Autor. Und jemand für die Technik. Ich bin der einzige in der Redaktion ohne naturwissenschaftliche Vorbildung. Im Grunde ist das, was ich mache, betreutes Lernen. Man muss vor Ort in jeder Situation so viel über die Umstände wissen, dass man in jeder Situation frei darüber sprechen kann.

Gibt es einen Ort, an den Sie besonders gern fahren – oder womöglich noch fahren wollen?

Die ehrliche Antwort darauf ist, dass mich eigentlich das nächste Ziel immer am meisten interessiert. Man kann in Papua-Neuguinea etwas Unglaubliches erleben, in der Antarktis, aber auch an der Ostseeküste.

Sie sind durch Ihre Arbeit als Natur- und Tierfilmer zum Umweltaktivisten geworden. Wie kam das?

Wenn man in Deutschland jeden Morgen in seinem schönen Auto zur Arbeit fährt und im Supermarkt einkauft, ist es natürlich möglich, Umweltzerstörung zu ignorieren. Aber ich bin Augenzeuge, ich kann das nicht. Inzwischen können wir keinen Film mehr drehen, ohne auf eine Umweltkatastrophe zu stoßen. Früher haben Naturfilme die Welt ein bisschen überschön dargestellt. Wir haben nur die Hälfte der Geschichte erzählt. Heute werden auf dem Terra-X-Sendeplatz kritische Filme zu den großen Themen wie Klimawandel oder Artensterben immer häufiger. Die Reaktion darauf ist sensationell. Und je anspruchsvoller die Dokumentationen sind, desto jünger ist unser Publikum.

Sie bewegen sich da ja in einer großen Tradition.

Absolut. Ich habe große Vorbilder. Der Haltungsjournalismus eines Bernhard Grzimek oder eines Horst Stern erlebt gerade wieder eine Renaissance. Grzimek war ein viel krasserer Aktivist als ich es bin. Er war der Erste, der das Elend der Massentierhaltung ins Fernsehen gebracht hat und zwar ohne Vorwarnung, direkt in der Prime-Time. Und Horst Stern hat uns am Weihnachtsabend das Waldsterben in die Wohnzimmer gebracht. Aber wir wissen natürlich, dass wir mit einer so großen Marke wie »Terra X« auch behutsam umgehen müssen. Das ZDF ist für Experimente und neue Erzählformen gerade sehr aufgeschlossen, das macht wirklich Spaß.

Unter den vielen Problemen, die es gibt – Klimawandel, Umweltzerstörung etc. –, rücken Sie das Artensterben in den Mittelpunkt. Warum?

Ein internationales Wissenschaftlerteam hat neun »Planetary Boundaries« definiert. Das sind die dringlichsten Umweltprobleme, vor denen die Menschheit steht. Das Artensterben liegt auf Platz 1. Es hat die schlimmsten und die schnellsten Folgen.

Was ist so schlimm daran, wenn ein paar Arten von der Erde verschwinden? Das gab es doch immer schon.

Aber nie in diesem Ausmaß. Wir erleben gerade das größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier. Sie müssen sich das Leben auf der Erde wie ein Netz vorstellen, das uns alle trägt. Jede Art hat eine Funktion, so wie ein einzelner Faden. Wenn zu viele Fäden reißen, bricht alles zusammen. Die Menschheit ist gerade dabei, ihre eigenen Lebensgrundlagen zu vernichten. Zeit haben wir keine mehr. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist: Wenn wir jetzt umsteuern, schaffen wir’s. Wir wissen, was das Problem ist. Wir wissen, was das Problem verursacht. Wir wissen, wie man es ändern kann.

Um welche Art wäre es denn besonders schade?

Um jede natürlich. Wir wissen, dass vor allem Kleintiere, Würmer, Insekten eine riesige Bedeutung für unsere Nahrungsketten haben. Aber ich muss sagen, dass mich der Gedanke sehr beschäftigt, dass ich noch den Tag erleben könnte, an dem es keine frei lebenden Elefanten mehr gibt. Ich hatte sehr schöne und intensive Erlebnisse mit ihnen. Man weiß inzwischen so viel mehr über sie und ihr Sozialleben: dass sie Humor haben, Freundschaften schließen und um ihre Artgenossen trauern. Dass das größte Säugetier auf der Erde, das stärkste Tier von allen, verschwindet – soweit darf es niemals kommen.

Sie wurden zum UN-Botschafter für den Artenschutz ernannt. Jetzt haben Sie auch noch mit eigenem Geld eine Stiftung zum Thema gegründet. Was ist die Idee der Biodiversity Foundation?

Wir wollen die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Artensterben in die breite Öffentlichkeit bringen. Wir haben sechs große Bereiche definiert, die für das Artensterben verantwortlich sind – Lebensraumvernichtung, Klimawandel, Vernichtungsjagd etc. Dazu drehen wir gerade einen internationalen Kinofilm, in dem wir zu jedem dieser Bereiche eine Geschichte erzählen. Sie lernen zum Beispiel Eric, das Nashorn, kennen. Eric lebt in einem Zoo in San Diego, USA, und wird mit Riesenaufwand zurück nach Afrika gebracht, um mitzuhelfen, seine Art zu retten. Das ist nur ein emotionales Beispiel dafür, was wir im Einzelfall unternehmen, um eine einzige Art zu retten. Dabei wäre es so viel billiger, es gar nicht so weit kommen zu lassen.

Was könnten wir in Deutschland für den Artenschutz tun?

In Deutschland ist vor allem die Intensivlandwirtschaft in Kombination mit Monokulturen für das Artensterben verantwortlich. Ein Maisacker ist ökologisch – wenn ich es polemisch formuliere – nicht wertvoller als ein Parkplatz. Darin lebt nicht viel, vor allem, weil die Pflanzen gar nicht erst bis zur Reife da stehen, sondern abgeerntet werden für die Biogasanlage. Ich komme ja aus einem Bauerndorf. Wir waren die einzigen Nicht-Bauern dort, mein Vater war Standesbeamter. Wir hatten zwar einen kleinen landwirtschaftlichen Nebenerwerb, aber keinen Trecker. Das habe ich als kleiner Junge immer als großen Nachteil empfunden (lacht). Ich weiß, dass

Bauern sehr selbstbewusst sind. Da herrscht oft die Haltung vor: Ich will mir von anderen nichts sagen lassen. Wir müssen sie überzeugen, aber nicht bevormunden, wenn wir die Landwirtschaft verändern wollen. Umweltschützer und Bauern müssen eine gemeinsame Sprache finden und endlich zusammenarbeiten.

Wo liegt unsere Verantwortung bei den großen Problemen unserer Zeit?

Wir können bei jeder Entscheidung, die wir täglich treffen, einen Unterschied machen: Wie fahre ich zur Arbeit oder in die Uni? Was esse ich? Wo kaufe ich die Lebensmittel? Wohin fahre ich in den Urlaub? Wie heize ich mein Zuhause? Woher kommt der Strom? Es ist zum Beispiel vergleichsweise einfach, weniger Fleisch zu essen und zum klassischen Sonntagsbraten zurückzukehren. Damit kann jeder einzelne sofort, ab morgen, etwas verändern.

Dass ich fast nur Bio kaufe, ändert noch nichts daran, dass der Großteil der Subventionen in die Intensivlandwirtschaft geht, den Hauptverursacher des Artensterbens in Deutschland.

Ich sag’s mal provokativ: Wenn Bio nur eine Nische bleibt, macht Bio nicht mehr wirklich Sinn. Die Aufteilung in einen kleinen Teil, der biologisch okay ist, und einen großen, der zerstört, funktioniert nicht mehr. Wir müssen die Landwirtschaft insgesamt auf ein Nachhaltigkeitsniveau heben, das dauerhaft arbeitsfähig ist. Das heißt jetzt nicht, dass die konventionelle Landwirtschaft von einem Tag auf den anderen nach Demeter-Kriterien arbeitet. Aber sie muss so arbeiten, dass sie keinen Schaden mehr anrichtet.

Aber haben wir Einzelnen wirklich so viel Macht, die Welt mit unseren Konsumentscheidungen zu retten? Reicht das?

Natürlich nicht. Die Lösungen sind schon komplexer. Im Grunde müssen wir da, simpel gesagt, an die Finanzkreisläufe ran. Ökologisches Handeln muss sich mehr lohnen als unökologisches. Ein Beispiel: In meinem Supermarkt liegt ein Apfel aus dem Alten Land, ökologisch angebaut, 30 Kilometer weg, neben einem konventionell erzeugten, in Plastik eingeschweißten Apfel aus Neuseeland. Der neuseeländische Apfel ist billiger. Das ist das Problem. Weil bei dem neuseeländischen Apfel der irrsinnige Transportaufwand und die Verpackung im Verkaufspreis nicht enthalten sind. Die Kollateralschäden durch Umweltbelastung und Ressourcenverbrauch, die zahlt die Allgemeinheit. Eigentlich ist dies das Gegenteil von Kapitalismus. Wir müssen dahinkommen, dass wir endlich wieder die Preise zahlen, die auch entstanden sind. Bei Lebensmitteln wäre es dann sofort preiswerter, ökologisch zu produzieren.

Sind wir angesichts der Probleme radikal genug?

Nein. Nehmen wir den Hambacher Forst. Jeder naturwissenschaftlich logisch denkende Mensch kommt zu dem Schluss: „Es macht nicht wirklich Sinn, in Deutschland weiter auf Braunkohle zu setzen!“ Aber die Beharrungskräfte sind so stark, dass ich manchmal in mir selber so ein aufkeimendes Wutgefühl habe und denke: Das kann doch nicht wahr sein. Ich würde den Vorstandsvorsitzenden von RWE oder die Landesregierung von NRW gern mal an den Krawatten packen und durchschütteln, das gebe ich zu. Die haben immer noch nicht verstanden, wie dramatisch die Lage ist. Nur – Wut macht alles nur noch schlimmer. Wut erzeugt Hass. Ich bin mein ganzes Leben um die Welt gefahren. Und überall da, wo es keine Konsensgesellschaften gibt, wo man den anderen zum Bösen erklärt, kann man keine Brücken mehr bauen.

Aber reichen unsere politischen Instrumente aus? Die Umweltministerien haben doch kaum etwas zu sagen.

In Deutschland hat das Finanzministerium eine Querschnittsverantwortung, weil jede Entscheidung mit Geld verbunden ist. Wir leben aber jetzt in einer Zeit, in der es um unsere Lebensgrundlagen geht. Also muss das Umweltministerium ähnlich wie das Finanzministerium in jedes andere Ressort reingrätschen können, wenn es umweltpolitisch unverantwortlich wird.

Sie sind telegen, können gut erklären, werden von den richtigen Motiven getrieben – wäre so ein neu zugeschnittenes Umweltministerium nicht was für Sie?

Auf gar keinen Fall.

Warum?

Weil man innerhalb einer Partei agieren müsste. Selbst wenn man als Unabhängiger aufgestellt würde, müssten sich ja Parteien für einen verwenden. Außerdem haben wir sehr viele kompetente und versierte Umweltpolitikerinnen und -politiker.

Aber Sie können Menschen für diese Themen faszinieren und motivieren!

(lacht) Okay, dann so: Wenn mich die Parteien – die AfD natürlich ausgenommen – gemeinsam rufen und ich in keiner Mitglied werden müsste, mach’ ich’s.

Das würde doch passen. Schließlich haben Sie sich mal einen Umwelt-Optimisten genannt. Gilt das immer noch?

Das wird zusehends schwer, das gebe ich zu. Aber mit Pessimismus kann man keine Probleme lösen. Wir haben ja keine zweite Erde. Also ist Optimismus erste Bürgerpflicht.

 

 

Zur Person

Dirk Steffens

... wuchs im norddeutschen Dorf Asselermoor auf, als Sohn eines Standesbeamten, des einzigen Nicht-Bauern am Ort. Über die Stationen Köln (Studium, Volontariat), Deutschlandfunk und Vox landete Steffens beim ZDF. Seine so unterhaltsame wie lehrreiche Terra X-Doku „Faszination Erde“, schauen regelmäßig fünf Millionen Menschen (nächste Folgen: 3.2., 10.2. + 17.2.19). Als UN-Botschafter engagiert er sich gegen das Artensterben. Mit seiner Frau gründete der 51-Jährige die Biodiversity Foundation, die wissenschaftliche Erkenntnisse zum Artenschutz populär aufbereiten soll.
www.biodiversity-foundation.com

 

© ZDF/Johanna Brinckman; Frances Uckermann

Erschienen in Ausgabe 01/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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Dorothea

Danke für dieses schöne Interview. Ich empfinde es auch so: lieber optimistisch und konstruktiv an die Lage herangehen und Krisen generell als Chance sehen (das griechische Wort „Krisis“ steht für einen Höhe- bzw. Wendepunkt, ab dem es eigentlich nur noch besser werden kann :)). Das macht auch einfach viel mehr Freude – was sich wiederum positiv auf alles um uns herum auswirkt.