Insektensterben: Es ist noch nicht zu spät - Schrot und Korn

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Insektensterben: Es ist noch nicht zu spät

Insektensterben © gettyimages/borchee
Bienen, Käfer und Schmetterlinge brauchen bunte Wiesen. Nur so können sie überleben. © gettyimages/borchee

 

INSTEKTENSTERBEN Immer mehr Menschen wenden sich aktiv gegen das Insektensterben. Denn die Politik tut wenig. Dabei wäre jetzt die große Gelegenheit für die Wende. Leo Frühschütz

Den Insekten geht es schlecht. Das weiß mittlerweile jedes Kind. Insektenhotels und bunte Samentütchen reichen längst nicht mehr aus, um Bienen, Käfer & Co. zu retten. Es braucht größere Hebel. Doch die Politik scheint das Thema trotz Warnung vieler Wissenschaftler noch immer nicht ernst genug zu nehmen. Zwar steht der Insektenschutz im Koalitionsvertrag der Bundesregierung und Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner sagte vor einem Jahr: „Was der Biene schadet, muss vom Markt“. Doch es geschieht zu wenig.

Dabei ist die wichtigste Ursache für das Insektensterben längst ausgemacht: die intensive Landwirtschaft. Sie wirkt sich gleich mehrfach negativ auf Insekten und ihre Lebensräume aus: Insektizide töten die Tiere und Herbizide vernichten mit den Wildkräutern die Nahrungsgrundlage für viele spezialisierte Insekten. Durch immer größere, maschinengerechte Äcker verschwinden Hecken, Randstreifen und andere Lebensräume. Artenreiche Blumenwiesen werden in intensiv gedüngtes und häufig gemähtes Grünland umgewandelt. „Wir brauchen dringend eine Wende in der Agrarpolitik hin zu einer naturverträglicheren Landwirtschaft“, fordert Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz.

Um die Bienen zu schützen, verbot die EU mit Klöckners Zustimmung im vergangenen Jahr zwar drei besonders schädliche Insektizide aus der Gruppe der Neonicotinoide. „Doch seit dem Verbot herrscht Flaute“, kritisiert der Umweltverband NABU. Zahlreiche andere Wirkstoffe dieser Klasse seien unverändert auf dem Markt. Klöckner bleibe „jegliche Idee und Lösung zum Stopp des Insektensterbens in der Agrarlandschaft schuldig“, lautet die Bilanz der Umweltschützer. Noch unzufriedener sind sie mit dem Engagement der Ministerin bei der Reform der EU-Agrarpolitik. Die Reform soll noch in diesem Jahr auf den Weg gebracht werden und ist laut Olaf Tschimpke, Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (NABU), der entscheidende Hebel, die Insektenwelt zu retten und das Artensterben zu stoppen (s. Interview).

Viele Menschen haben das Abwarten und Nichtstun mittlerweile satt. Der Druck aus der Gesellschaft wächst. Dafür gibt es viele Beispiele:

Der 13. Februar 2019 wird vielleicht einmal in den Geschichtsbüchern stehen. An diesem Tag endete die Eintragungsfrist für das bayerische Volksbegehren „Rettet die Bienen!“. 1,75 Millionen Menschen waren innerhalb von zwei Wochen zu ihren Rathäusern gepilgert und hatten dort für einen Gesetzentwurf unterschrieben, der die Artenvielfalt retten soll – mit Biotopvernetzung, Erhalt von Hecken und Bäumen, mehr blühenden Wiesen und 30 Prozent Öko-Landbau bis 2030. Über 160 Organisationen hatten das Volksbegehren unterstützt, tausende Aktive warben auf Veranstaltungen und an Infoständen für Unterschriften.

Insektensterben © mauritius images/imageBroker; mauritius images /European Wildlife/Alamy; Andreas Hartl/Okapia
links: Berghexen zählen zu den Tagfaltern und sind vom Aussterben bedroht. rechts oben: Zikaden, auch Zirpen genannt, leiden unter der intensiven Landwirtschaft.  rechts unten: Der Große Kolbenwasserkäfer steht wegen zunehmender Gefährdung unter Naturschutz. © mauritius images/imageBroker; mauritius images /European Wildlife/Alamy; Andreas Hartl/Okapia

Der Druck aus der Gesellschaft wächst

Ein großer Erfolg war auch die Aktion von Thomas Radetzki. Der Bio-Imker startete Ende April mit der Aurelia-Stiftung die Bundestagspetition „Pestizidkontrolle“. Seine Forderung:  Risiken für Insekten müssen künftig bei der Pestizidzulassung besser überprüft werden. Bis Anfang Mai 2019 hatten über 70 000 Menschen unterschrieben, nötig waren 50 000 Unterschriften innerhalb von vier Wochen. Jetzt muss der Bundestag öffentlich über die Forderungen Radetzkis diskutieren. „Ich werde gemeinsam mit dem Team der Aurelia-Stiftung alles daransetzen, den Erfolg zu nutzen und den Bundestag zu einer ernsthaften fachlichen Auseinandersetzung mit unseren Forderungen zu bewegen“, erklärt Radetzki im Hinblick auf die Anhörung.

Druck auf die Politik kommt auch via Internet. Anfang des Jahres schlossen sich 400 000 Menschen einem Appell der Online-Aktivisten von Campact gegen das neue bienengiftige Pestizid Sulfoxaflor an. Das Gift darf nun nicht auf dem Acker, sondern nur noch im Gewächshaus angewandt werden.

Und viele Menschen tun ganz direkt etwas gegen das Insektensterben: Sie halten selbst Bienen, bauen Insektenhotels, pflanzen Blühstreifen oder übernehmen Patenschaften für Bienenstöcke oder Blumenwiesen. Für viele Bio-Unternehmen gehört ein solches Engagement längst zum Alltag. Der Krunchy-Hersteller Barnhouse etwa hat Insektenhotels mit Mauerbienenkokons an Verbraucher verlost und startet jetzt in seinem Standort-Landkreis einen Wettbewerb für den insektenfreundlichsten Garten. Das Bio-Unternehmen Allos legt zusammen mit Initiativen und Gemeinden Blühwiesen an. „Biene sucht Blüte“ heißt das Projekt. Andere Firmen wie Byodo, Herbaria und Sonnentor stellen Bienenkästen auf ihren Grundstücken auf. In vielen Bio-Läden gibt es Samentütchen für Kunden, die Bienen im Garten mehr Nahrung bieten wollen.

Blühstreifen sieht man auch in vielen Kommunen. Häufig geht das Engagement sogar noch einen Schritt weiter: Mittlerweile haben sich 460 Städte und Gemeinden zur pestizidfreien Kommune erklärt. Sie setzen auf ihren Flächen, Sport- und Spielplätzen kein Glyphosat oder gar keine chemisch-synthetischen Spritzmittel mehr ein. Doch selbst wer auf Pestizide verzichtet, kann nicht sicher sein, dass seine Äcker, Wiesen und Gärten frei davon und damit gut für Insekten sind. Das „Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft“ konnte mit einer Studie nachweisen, dass verschiedene Pestizide, darunter Glyphosat, mit dem Wind über viele Kilometer verfrachtet werden. Sogar in Naturschutzgebieten wurde Glyphosat gefunden. Ziel müsse das Vermeiden von Pestiziden  in der Landwirtschaft sein, fordert das Bündnis, dem über 40 Bio-Unternehmen, die Schweisfurth-Stiftung und die Bürgerinitiative Landwende angehören.

Was öffentlicher Druck erreichen kann, zeigt das bayerische Volksbegehren. Nach dessen überwältigendem Erfolg gab die Landesregierung ihren Widerstand gegen die Forderungen auf. Der Landtag wird den Gesetzentwurf im Sommer beschließen und mit zusätzlichen Maßnahmen anreichern. Ausgearbeitet hat sie ein Runder Tisch aus Naturschützern und Landwirten. „Natürlich hat uns dieser Erfolg beflügelt“, sagt Tobias Miltenberger vom Verein proBiene. Der Demeter-Imker hat mit seinem Imker-Kollegen David Gerstmeier ein ähnliches Volksbegehren in Baden-Württemberg gestartet. Am 19. Mai, dem Internationalen Tag der Biene, haben sie dafür den Startschuss gegeben. In Brandenburg sammeln Umweltverbände Unterschriften für eine Volksinitiative „Artenvielfalt retten – Zukunft sichern“. Auch in den anderen Bundesländern sind Volksbegehren grundsätzlich möglich.

Und auch auf EU-Ebene passiert etwas. Ende Mai wurde die Europäische Bürgerinitiative (EBI) „Rettet die Bienen – Schutz der Artenvielfalt und Verbesserung der Lebensräume von Insekten in Europa“ von der EU-Kommission zugelassen. Da Politik kaum noch ohne Druck aus der Bevölkerung handele, bauen wir jetzt ein bürgerliches Gegengewicht zum immensen Einfluss der Agrarindustrielobby in Europa auf, erklärt der Initiator, die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP).

Insektensterben 1,75 Millionen Menschen beteiligten sich am bayerischen Volksbegehren „Rettet die Bienen!“. ©  Rat für Nachhaltige Entwicklung/Andreas Weiss; Alexander Reifinger

Lage ist ernst, aber nicht aussichtslos

Die Lage ist wirklich ernst: Das zeigte zuletzt der Bericht zur globalen Artenvielfalt des Weltbiodiversitätsrats der Vereinten Nationen (IPBES). Von geschätzten acht Millionen Tier- und Pflanzenarten seien eine Million vom Aussterben bedroht, warnt der IPBES. Mit den Tieren und Pflanzen verschwindet der Beitrag, den sie für das Wohlergehen der Menschen leisten. Deutlich wird das bei Insekten, die Pflanzen bestäuben und somit für unsere Nahrungsmittelgrundlage sorgen.

„Insekten erhalten einen Großteil der Pflanzenwelt und sichern so auch unsere Lebensgrundlagen“, erklärt das Bundesamt für Naturschutz. „Indem sie über 80 Prozent aller Nutzpflanzen bestäuben, sorgen sie dafür, dass wir Obst und Gemüse ernten können.“ Auch die meisten Wildpflanzen brauchen Insekten für ihre Vermehrung – und umgekehrt. Zahlreiche Insekten haben sich auf bestimmte Pflanzen spezialisiert, von denen sie sich ernähren oder auf denen sie ihre Eier ablegen. Verschwinden die Pflanzen, verschwinden auch die Tiere. Zudem sind Insekten eine wichtige Nahrungsgrundlage für Vögel, Fledermäuse, Frösche und andere Tierarten. Fehlen Insekten, geht es auch diesen Tieren schlecht.

Dass das Insektensterben immer dramatischere Ausmaße annimmt, zeigte sich sehr nachdrücklich 2017. Damals veröffentlichten niederländische Wissenschaftler eine Studie. Sie hatten die über Jahrzehnte zusammengetragenen Daten ehrenamtlicher Insektenforscher aus Nordrhein-Westfalen ausgewertet. Das Ergebnis: Zwischen 1989 und 2016 hat die Menge der Fluginsekten in westdeutschen Naturschutzgebieten um drei Viertel abgenommen. Andere Studien untermauern den Trend. So stellten Wissenschaftler der TU München fest, dass von 117 Schmetterlingsarten, die rund um Regensburg Mitte des 19. Jahrhunderts heimisch waren, nur 71 Arten überlebt haben. Australische Wissenschaftler haben zahlreiche solcher Arbeiten und Untersuchungen aus aller Welt gesichtet. Sie befürchten, dass weltweit in den nächsten Jahrzehnten 40 Prozent aller Insektenarten aussterben werden.

Laut Weltbiodiversitätsrat lässt sich der Rückgang der Artenvielfalt noch aufhalten. Es müsse aber auf allen Ebenen sofort und konsequent gegengesteuert werden, um den Verlust an Lebensräumen für Tiere und Pflanzen aufzuhalten. Passiere das nicht, drohe ein ökologischer Kollaps. 

Auf der roten Liste

Berghexe, Wasserkäfer und Zikaden

Die Erhebungen des Bundesamtes für Naturschutz zeigen, dass bei 45 Prozent der betrachteten Insektenarten die Bestände rückläufig sind. Am stärksten betroffen sind die Köcherfliegen, die an sauberen Bächen und Flüssen leben. Doch auch Wasserkäfer, Zikaden, Wildbienen und Laufkäfer sind massiv gefährdet.

Innerhalb einer Insektenklasse leiden die Spezialisten am meisten, etwa bei Schmetterlingen. Während die Berghexe mit ihrem Lebensraum – vollsonnige Trockenrasen mit viel Schotter – langsam ausstirbt, nehmen die Bestände des anspruchslosen Zitronenfalters zu.

Deshalb ist es wichtig, vielfältige Lebensräume zu erhalten, neu zu schaffen und miteinander zu verbinden, etwa durch Hecken oder Säume. Ohne einen Verbund verarmt der Genpool der einzelnen Arten und die Tiere verlieren ihre Anpassungsfähigkeit.

Insektensterben InterviewInterview

„Dahinter stehen die Interessen der großen Konzerne“

Die EU will dieses Jahr über ihre künftige Agrarpolitik entscheiden. Wird sie umsteuern?

Leider nicht. Dabei ist die künftige Förderstruktur der EU der Schlüssel zu Veränderungen. Bisher geht der größte Teil der Gelder in der sogenannten ersten Säule pauschal an die Landwirte, bezogen auf die Größe der Betriebe. Diese Mittel müssen umgewidmet werden. Mit dem Geld müssen die Leistungen der Landwirte für Umwelt, Klima, Naturschutz und Tierwohl honoriert werden. Zusätzlich braucht es Fördermittel für den Aufbau einer wirklich nachhaltigen Landwirtschaft.

Welche Rolle spielt die Bundeslandwirtschaftsministerin in der EU-Diskussion?

Frau Klöckner sagt zwar öffentlich, dass sie mehr Umwelt- und Insektenschutz will. Aber sie bringt das nicht als klare Position in die Verhandlungen ein. Bisher schweigt sie beharrlich dazu, wie sie sich die künftige Geldverteilung und damit den Anteil für den Naturschutz vorstellt. Dabei ist die Reform der EU-Agrarpolitik dringend notwendig zur Rettung der Insektenwelt, es ist der entscheidende Hebel, um das Artensterben zu stoppen.

Warum lässt sich die Landwirtschaftspolitik so schwer ändern?

Wir haben eine Studie bei der Universität Bremen machen lassen, die die engen Lobbyverflechtungen aufzeigt. Hinter der Landwirtschaft stehen die Interessen der ganz großen Konzerne wie Bayer/Monsanto oder BASF, die ihr Geld mit Saatgut, Pestiziden und Düngemitteln verdienen. Sie sind sehr gut vernetzt mit dem Bauernverband und haben im Agrarausschuss des Europa-Parlaments und im Landwirtschaftsausschuss des Bundestages Abgeordnete, die ihre Interessen vertreten und nicht die der Allgemeinheit. Mit ihrer Hilfe verwässert die Lobby Gesetzesvorhaben und streut Sand ins Getriebe.

Olaf Tschimpkeist Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (NABU). In dem Verband engagieren sich 700 000 Mitglieder in 2 000 örtlichen Gruppen für den Naturschutz. www.nabu.de

Mehr zum Thema

www.bluehende-landschaft.de Das Netzwerk setzt sich für blühende Kulturlandschaften ein

www.neueagrarpolitik.eu  
Mit dem NABU die EU-Politik beeinflussen.

www.wir-tun-was-fuer-bienen.de   
Hier werden die schönsten Blühflächen gesucht

www.ufz.de/tagfalter-monitoring 
Schmetterlinge bestimmen

www.wildermeter.de
Blog über insektenfreundliche Balkone

www.campact.de/bienengift

Segerer, Andreas; Rosenkranz,Eva: Das große Insektensterben. Oekom Verlag, 2018, 208 Seiten, 20 Euro

Insektensterben

Sverdrup-Thygeson, Anne: Libelle, Marienkäfer & Co. Die faszinierende Welt der Insekten. Verlag Goldmann, 2019, 288 Seiten, 15 Euro

Erschienen in Ausgabe 07/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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incl. 'http://'
Sabine S.

Sehr schöner Artikel, vielen Dank.
Leider wird hier die Lichtverschmutzung nicht erwähnt.

Das Umweltbundesamt schätzt, daß jährlich 150 Bio. Insekten durch Straßenlampen zugrundegehen.
https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/oekologischestadtbeleuchtung/banner_stadtbeleuchtung_final_low.pdf (ich habe keinerlei Verbindung zum Nabu)

Anscheinend sind moderne Lampen mit hohem UV-Anteil besonders attraktiv und stören die nachtaktiven Tiere in ihrem Verhalten, so daß sie durch das Umschwirren der Beleuchtung an den Lampen verbrennen, an Erschöpfung sterben oder zu wenig fressen und sich seltener fortpflanzen.

Hier sollten alle ansetzen: Ganz einfach wäre es, Leuchtreklamen und Schaufensterbeleuchtung nachts auszuschalten, keine Zierbeleuchtung an Hausaußenwänden und in Gärten anzubringen, sowie dimmbare oder abschaltbare Straßen- und Gehwegbeleuchtung einzusetzen, die durch Bewegungsmelder gesteuert werden.