In der Welt der Fantasie - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

In der Welt der Fantasie

Erzählen (© Privat)
Erzählerin Kirsten Stein schlüpft auf ihren Märchenwanderungen gern
auch mal ins Dirndl. (© Privat)

FREIZEIT Auf einer Märchenwanderung in der Natur: Wie Erzähler Geschichten zum Leben erwecken und was das mit uns macht. // Astrid Wahrenberg

Weder Rüschenbluse noch Schnürmieder oder wallender Rock – das Outfit von Kirsten Stein entspricht zumindest dieses Mal keinem der gängigen Märchenklischees. Für die Wanderung in den kühlen Abendstunden hat sich die 50-Jährige für praktische Kleidung entschieden. Mit festem Schuhwerk und einem knielangen Regenmantel erscheint die Erzählerin am Besucherzentrum des Bergparks Wilhelmshöhe, um ihre Zuhörer abzuholen.

Etwa 25 Personen haben sich für die mehrstündige Märchenwanderung vom frühen Abend bis in die Nacht angemeldet. Viele Teilnehmer kommen aus Kassel und Umgebung. Anna und Claudio machen mit ihren Kindern Lasse und Madita einen Urlaubsausflug. Das Paar hat Kirsten Stein schon vor ein paar Monaten auf einer Laternenwanderung erlebt und freut sich auf neuen Märchenstoff. Mit elf Jahren ist Lasse der jüngste Teilnehmer und gerade alt genug, denn Stein hat für den Spaziergang Märchen und Geschichten für Erwachsene ausgesucht.

Die Fantasie beflügeln

Der Kasseler Bergpark bietet die perfekte Kulisse. Dort, wo sich einst Fürsten und Grafen in kunstvoll angelegter Gartenlandschaft mit Wasserspielen, Schloss, Ritterburg, Grotten und romantischen Brücken verlustierten, braucht es nicht viel, um die Fantasie zu beflügeln. Am Fuße des Kasseler Wahrzeichens, dem acht Meter hohen Herkules auf seinem rund 62 Meter hohen Sockel, schlüpft Kirsten Stein zum ersten Mal in ihre Rolle als Erzählerin.

„Auf eine Zeit lebten eine Blutwurst und eine Ahle Worscht in Freundschaft, und die Blutwurst bat die Ahle Worscht zu Gast“, erzählt sie mit ruhiger, voller Stimme. Es ist das wenig bekannte Märchen von der Wunderlichen Gasterei der Brüder Grimm. Sie hält sich wortgetreu an das Original, nur setzt sie an die Stelle der Leberwurst die Ahle Worscht, „weil die Nordhessen besser präsentiert als eine Leberwurst“. Beim Erzählen sucht ihr Blick ständig den Kontakt zum Publikum. Die altertümliche Sprache und die eindrückliche Art zu sprechen zeigen Wirkung. Alle hängen fasziniert an ihren Lippen.

Stein, die gelernte Erzieherin und Erlebnispädagogin ist, hat das professionelle Erzählen am Raile Institut für Erzählkunst in Hannover gelernt. Sie ist eines von 80 Mitgliedern im Verband der Erzählerinnen und Erzähler (VEE), der sich als Berufsorganisation versteht. Stein kann inzwischen von ihrer Kunst leben. Weit über 100 Geschichten kann sie aus dem Stegreif frei erzählen. Neben einem großen Repertoire an Märchen, Geschichten, Mythen oder Sagen und einem guten Sprachgefühl müssen sich Erzähler lebendig ausdrücken können und spontan mit dem Publikum interagieren. Die wichtigsten Stilmittel sind Gestik (eher sparsam) und Mimik, vor allem aber die Stimme, die Kirsten Stein gekonnt einzusetzen weiß. Alsbald poltert und fleht sie, wechselt Tempo und Lautstärke, flüstert, schmeichelt und droht. Als die Geschichte ihren Höhepunkt erreicht und die Ahle Worscht in letzter Minute aus der Mördergrube entwischt, steht die Spannung den Zuhörern ins Gesicht geschrieben. 

Kirsten Stein knipst mit ihren bildhaften  Erzählungen beim Hörer das Kopfkino an. Und jeder sieht dabei andere Bilder. Erzählkunst nennt der VEE dieses Talent, einer Geschichte „ohne Buch oder Script, allein durch Sprache, Ausdruck und Gestik eine einzigartige Lebendigkeit und individuelle Interpretation“ zu verleihen.

Wegweiser in schwierigen Lebenssituationen

So ist es auch beim nächsten der insgesamt acht Märchen, die die Erzählerin auf dem Spaziergang durch den verwunschenen Park erzählt. In der hereinbrechenden Dämmerung an einem waldumstandenen Teich beginnt sie mit den magischen Worten „es war einmal“ die Geschichte von Prinz Schwan, ebenfalls von den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm. Wie so oft geht es darin um Liebe und Leid, Wunder und Wendungen, Prüfungen und Erlösung.

Themen, die wir alle kennen und Märchen so faszinierend für uns machen. „Märchen sind Überlebensgeschichten“, schreibt die Psychoanalytikerin Verena Karst, die als Professorin an der Universität Zürich lehrt. „Sie handeln vom Umgang mit existentiell bedeutsamen Situationen wie Bedrohung und Aufbruch: Tod, Liebe, Trennung, Neubeginn, Finden von Identität, Verlieren von Sinn, Finden von Sinn.“ Ein Märchen zeige während der Handlung eine Möglichkeit auf, wie es gelingen kann, mit diesen Situationen angemessen umzugehen. „Diese schwierigen Lebenssituationen sind auf das aktuelle Leben übertragbar“, sagt Karst. Je stärker sich jemand auf die Geschichte einlassen könne und je bildhafter er das Ganze erlebt, umso intensiver wirke es. Und das gelingt, so Karst, am besten, wenn jemand das Märchen frei erzählt.

Schließlich endet diese Märchenwanderung sogar ein bisschen wie im Märchen. Wie tanzende Glühwürmchen tasten sich plötzlich unzählige Lichtkegel von Taschenlampen durch das Dunkel der Kasseler Nacht. Ausgerechnet heute finden im Bergpark die barocken Wasserspiele statt. Vom Herkules stürzen sich Wassermassen über Kaskaden und illuminierte Terrassen hinab in den Teich von Schloss Wilhelmshöhe. Unten, wo sich bei festlicher Beleuchtung einige Hundert staunende Menschen um den Teich versammelt haben, steigt wie durch Zauberhand ganz ohne Pumpenkraft eine 52 Meter hohe Wasserfontaine wie schon im 18. Jahrhundert auf. Das ist bis heute ein kleines Wunder, das die Zuhörer in dieser Märchennacht leibhaftig erleben dürfen.

Erzählen (© Rainer Sander)

DIE KRAFT DES ERZÄHLENS

Heilsam und wirkungsvoll

  • Legenden, Märchen, Mythen und andere Geschichten regen nicht nur die Kreativität und Fantasie an, sie können auch eine heilende Wirkung entfalten. Psychologen setzen das Märchenerzählen beispielsweise in der Therapie und Trauerarbeit ein, Demenzkranke lassen sich damit beruhigen.
  • An vielen Schulen und in Kindergärten laufen Erzähl-Projekte zur Sprachförderung, vielerorts erzählen professionelle Erzähler vor Kindern mit Migrationshintergrund, was die Sprachentwicklung spielerisch voranbringt. Geschichten erzählen kann auch eine Tür zu fremden Kulturen öffnen, das gegenseitige Verständnis verbessern und die Integration fördern.
  • Die Kraft einer guten Geschichte hat auch die Werbung längst entdeckt. Beim sogenannten Storytelling erzählen Firmen eine mit Emotionen und Werten aufgeladene Geschichte zu Personen oder einem Produkt. Die Wirkkraft entfaltet sich dann am Ladenregal, wenn das Gefühl, oft unabhängig vom Preis, die Entscheidung trifft.

(© Rainer Sander)

 

Mehr zum Thema

‣ www.natuerlichmaerchen.de
Erzählkunst und Märchenwanderungen mit Kirsten Stein

‣ www.erzaehlerverband.org
Verband der Erzählerinnen und Erzähler e. V. (VEE) bietet Aus- und Weiterbildungen an.

www.raile-institut.de
Raile Institut, Hannover – Ausbildung in der Kunst des Erzählens, für heilsames Erzählen und Coaching für professionelle Erzähler.

www.maerchen-emg.de
In der Europäischen Märchengesellschaft e.V. erforschen Wissenschaftler und Erzähler Märchen. Außerdem soll die Völkerverständigung gefördert werden. Einmal jährlich richtet die EMG einen internationalen Märchenkongress in Würzburg aus.

www.akademie-erzaehlkunst.de
Die Akademie für Erzählkunst bietet Aus- und Weiterbildungen an, die Techniken der Erzählkunst und die Deutung von Geschichten und Märchen verbinden.

 

Veranstaltungen und Festivals:

www.erzaehlfest.de
Festival der Erzählkunst – Hannover

www.maer.de
Zwischen-Zeiten Erzählfestival, Aachen

www.die-welt-erzaehlt.de
Internationales Erzählfest, Ludwigshafen

www.gute-stube-erzaehlfestival.de
Gute-Stube Erzählfestival, München

Erschienen in Ausgabe 05/2017
Rubrik: Leben&Umwelt

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'