Grüner surfen - Schrot und Korn

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Grüner surfen

Grüner surfen (Foto: plainpicture/mia takahara)
Tablet statt Buch: schont Bäume, spart Tinte. Aber ist digital wirklich besser?
(Foto: plainpicture/mia takahara)

INTERNET Öko-Apps, Umwelt-Shops und Blogs en masse – dank Internet schnell und einfach zugänglich. Wie nachhaltig kann das sein?  // Johanna Emge

Wie grün ist das Internet?” in die Suchmaschine mit den sechs Buchstaben tippen, während der Wasserkocher langsam anfängt zu blubbern. 20  700 000 Such-ergebnisse in 0,47 Sekunden. Und fünf bis zehn Gramm Kohlendioxid so schnell freigesetzt wie ein Klick auf die Eingabe-Taste. Zumindest nach einer Formel des Harvard-Physikers Alex Wissner-Gross, die Ende 2009 große Wellen schlug. Zwei Suchanfragen setzten laut seiner Berechnung in etwa die gleiche Menge CO2 frei wie ein Wasserkocher für eine Kanne Tee.

Obwohl diese Sieben-Gramm-These nicht alle Faktoren einbezieht, daher nicht haltbar ist und die Zahlen auf etwa 0,2 Gramm CO2 pro Suchanfrage korrigiert wurden, macht Wissner-Gross’ Rechnung eines deutlich: Der Energieverbrauch durch das Internet ist beim schnellen Klicken – ebenso wie beim täglichen Teewasserkochen – oft nicht präsent genug. 

Ökologische Alternativen 

Nachhaltige Suchmaschinen bieten hier eine Alternative, da sie mit ihren Werbeeinnahmen Umweltprojekte unterstützen. Wie die Social-Business-Website Ecosia, die seit Oktober 2014 80 Prozent der Einnahmen an WeForest spendet, die in Burkina Faso Bäume pflanzen. Bei der Suchmaschine Forestle, dessen Suchanfragen seit 2011 zu Ecosia weitergeleitet werden, konnten so 95 000 Euro gespendet und somit mehr als 10 Quadratkilometer Regenwald nachhaltig geschützt werden. Und der Anbieter EcoSearch spendet 100 Prozent seiner Gewinne an Non-Profit-Organisationen wie Tree-People oder die Rainforest Alliance. Die Suchmaschine Hornvogel setzt sich für den gleichnamigen Vogel ein.

Die Krux: Es handelt sich bei diesen Alternativen nicht um eigenständige Suchmaschinen: Die Suchtechnologien von Google, Yahoo & Co. stecken hier im „grünen“ Gewand – der dort entstandene Energieaufwand, zum Beispiel durch Rechenzentren ohne Öko-Strom, bleibt. Ecosia zum Beispiel neutralisiert diese CO2-Emissionen mit dem Kauf von Emissionszertifikaten der Klimaschutzorganisation myclimate

Online-Angebote wie WeGreen und Umlu gehen noch einen Schritt weiter: Sie bewerten die Suchergebnisse danach, wie ökologisch, fair und transparent die dahinter stehenden Unternehmen, Marken und Produkte sind. Bei Umlu, „die Umweltlupe“, werden die Seiten von der Redaktion geprüft und die umweltfreundlichsten dann als erstes angezeigt. WeGreen arbeitet mit Partnerunternehmen und einer Ampelfunktion, die die Produkte in gut (grün), mittelmäßig (gelb), und schlecht (rot) einteilt. Zudem spendet die grüne Suchmaschine 15 Prozent der Einnahmen für wohltätige Zwecke.

Mails: Die Masse macht's

Die Teekanne ist halb leer, die Leseliste mittlerweile ziemlich lang. Gleich mal per Mail weiterschicken. Aber mit welchem Anbieter? In der Zeitschrift taz zeo2 (1/2015) wurden erstmals die zwölf größten kostenlosen E-Mail-Anbieter Deutschlands nach ökologischen Kriterien bewertet. Auch wenn bei allen getesteten Anbietern noch Luft nach oben sei, kam der Öko-Check zu einem deutlichen Ergebnis: „Welche E-Mail-Adresse Verbraucher nutzen, macht einen großen Unterschied.“ 

Gewonnen hat den Öko-Check der kostenlose Anbieter Mail.de mit „gut“ (1,61), der derzeit von etwa 250.000 Menschen genutzt wird. Mail.de aus Gütersloh veröffentlichte 2014 als ers-ter E-Mail-Provider weltweit einen Umwelt- und Transparenzbericht. Jeder Nutzer kann dort detailliert sehen, wie viel Strom sein Mail-Account verbraucht. „Wir sind der Überzeugung, dass die Verwirklichung von Wirtschaftlichkeitszielen mit verbessertem Umweltschutz einhergehen kann“, sagt Geschäftsführer Fabian Bock. „Aus diesem Grund legen wir großen Wert auf den Einsatz energieeffizienter Hardware, eine effektive Software-Entwicklung sowie den umweltfreundlichen Betrieb unseres Rechenzentrums mit Öko-Strom.“ Einziger Wermutstropfen: Der Strom stammt zwar vollständig aus Wasserkraftanlagen, aber deren Profit fließt nicht in den Ausbau erneuerbarer Energien. Im Gegensatz zu kostenpflichtigen Anbietern wie Biohost und Posteo, die im Test nicht berücksichtigt wurden, aber Öko-Strom bei Naturstrom und Greenpeace Energy beziehen und mit der GLS Bank kooperieren. 

Besser geht's noch  

Auch große IT-Firmen arbeiten an ihrem Umwelt-Image: Seit 2012 haben führende Betreiber von Rechenzentren laut der Umweltschutzorganisation Greenpeace entscheidende Schritte zur Errichtung eines umweltfreundlicheren Internets gemacht. Greenpeace untersucht mit seinem 2010 erstmals erhobenen „Click Clean Report“ jährlich, welche IT-Konzerne an einem „grünen“ Internet arbeiten und ihre Infrastruktur mit erneuerbarer Energie betreiben. Vor allem das Unternehmen mit dem Apfel wurde jahrelang für seine „schmutzige Cloud“ kritisiert – von 17 untersuchten Unternehmen ist es 2015 das einzige, das sich in den USA zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie versorgt, so die Umweltschutzorganisation. Facebook hat in diesem Jahr mitgeteilt, dass sein neues Rechenzentrum zu hundert Prozent mit Energie aus Windkraft betrieben werden soll. Und das erste europäische Datenzentrum des Unternehmens wurde im schwedischen Luleå, ganz in der Nähe des Polarkreises, gebaut. Durch das Klima werden die riesigen Server dort automatisch gekühlt und die Energiekosten gesenkt.

Das letzte Schlückchen Tee ist mittlerweile kalt. Und die Ausgangsfrage, „Wie grün ist das Internet“, lässt sich auch nicht vollständig befriedigend beantworten. Aber es im Rahmen der eigenen Möglichkeiten „grüner“ zu gestalten, das geht. 

Schritt für Schritt: Tipps zum grüneren Internet

E-Mail: Auch nach Wahl eines möglichst grünen Anbieters – vor jeder Mail die Frage stellen: Ist sie wirklich notwendig? Persönliche Gespräche bevorzugen.

Lesen: Langfristig gesehen lohnen sich E-Book-Reader, beim Kauf sollte aber auf ein nachhaltiges Gerät mit langlebigem Akku geachtet werden.

Tablet/Smartphone: Kleinere Geräte brauchen weniger Energie als große. Deshalb: Bei schnellen Suchen statt Laptop oder Computer lieber ein Tablet oder Smartphone verwenden. 

Schlafmodus: Den Computer so einrichten, dass er nach wenigen Minuten automatisch in den Ruhezustand geht. Auch das verbraucht Energie, ist allerdings wesentlich effizienter. 

Standby: Auch „Vampire Power“ genannt, weil die Geräte auch im Standby Strom aus der Steckdose ziehen. Am besten Steckdosenleisten für zusammengehörende Geräte nutzen.  

Ausschalten: Wenn Sie den Computer für mehr als zwei Stunden nicht nutzen – jetzt lohnt sich das Ausschalten! 

Erschienen in Ausgabe 12/2015
Rubrik: Leben&Umwelt

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Es ist viel wichtiger, dass man sich beim Videoschauen im Internet zurückhält, denn da

entsteht ein großes Wachstum der Datenmengen, das ein Wachstum der Strom fressenden

Infrastruktur bedingt. So viele E-Mails kann man gar nicht schreiben, dass ein

vergleichbarer Aufwand wie bei der Übermittlung von einer Minute Video entsteht.

Im Ruhezustand wird *keine* Energie verbraucht.

http://sedl.at/Computer/Ruhezustand

(Davon zu unterscheiden ist der Standby-Modus.) Ob es allerdings praktikabel ist, den

Ruhezustand schon nach wenigen Minuten automatisch zu aktivieren, erscheint mir

zweifelhaft. Das wird dann eher vom Arbeiten abhalten, nerven und erst Recht unnötig

Energie verbrauchen. Ich entscheide lieber selbst, wann der Computer in Pause geht.