„Weil das Miteinander wichtig ist“ - Schrot und Korn

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„Weil das Miteinander wichtig ist“

© Catharina Frank/bio verlag
Judith Faller-Moog, Geschäftsführerin von Bio Planète, Barbara Maria Rudolf, die Landwirtschaft auf dem Christiansen-Hof betreibt und Tina Andres, Geschäftsführerin der LVG Landwege. (v.l.n.r.)

 

IM GESPRÄCH Die Bio-Branche zeichnet sich durch einen hohen Anteil an Frauen in Führungspositionen aus. Oliver Scheiner und Stephanie Silber sprachen mit drei Entscheiderinnen darüber, woran das liegen könnte. 

Bauernhof, Unternehmen, Einzelhandel: Wir sprachen mit Tina Andres, Barbara Maria Rudolf und Judith Faller-Moog aus der Bio-Branche darüber, was ihren persönlichen Führungsstil ausmacht und ob Bio-Firmen anders geführt werden. Alle drei Frauen teilen sich die Verantwortung mit einem männlichen Pendant. Wir wollten wissen, ob Frauen es in dieser Branche tatsächlich leichter haben, in solche Positionen zu kommen.

War der Weg in Ihre jetzige Position steinig?

Andres: Ich bin in diese Führungsposition gekommen, weil die Notwendigkeit bestand, die Dinge in die Hand zu nehmen und zu entwickeln. Die Genossenschaft stand an einem Wendepunkt und ich wollte gestalten. Was sich daraus entwickeln würde, war nicht abzusehen.


„Mit Testosteron geladene Runden“ 
Barbara Rudolf


Rudolf: Dass ein Bauernhof von Ehepartnern gemeinsam geführt wird, ist ja nichts Ungewöhnliches. Viel spannender in dieser Hinsicht ist mein Engagement beim Anbauverband Bioland. Dort wurde ich 2009 zur Landesvorsitzenden von Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Das war anfangs heftig, weil ich die erste Frau im Präsidium war. Da gab es mit ziemlich viel Testosteron geladene Runden.

Faller-Moog: Ich war das Mädchen, das mit den Jungs Fußball gespielt und zu Hause Säcke geschleppt hat. Nach dem Abitur ging ich zum Studieren nach Kiel, und noch vor dem Vordiplom ist mein Vater gestorben. Also bin ich zurück nach Frankreich und habe parallel zum Studium den Betrieb mit seinen zwei Mitarbeitern und meiner Mutter weitergeführt. Ich hatte das Gefühl, dass das Unternehmen stirbt, wenn ich nicht weitermache.

Was zeichnet Ihren persönlichen Führungsstil aus?

Rudolf: Ich habe da viel von unserem Bioland-Präsidenten Jan Plagge gelernt. Mit ihm kam ein ganz neuer Führungsstil in den Verband. Er arbeitet teamorientiert, führt mit den leitenden Mitarbeitern Jahresgespräche. Kurz: Er führt die Menschen, damit sie führen können. Das ist im Grunde auch mein Ansatz. Auf dem Hof konnte ich das lange nicht so umsetzen, weil mein Mann anders führt. Er gibt seinen Mitarbeitern exakte Anweisungen, wie sie ihre Aufgaben zu erledigen haben.


„Ich bin diejenige, die mit der Faust auf den Tisch haut“
Tina Andres


Faller-Moog: Ich habe erst durch meinen Geschäftspartner angefangen, Mitarbeitergespräche zu führen. Bis dahin war ich eher in einem permanenten Austausch mit meinen Mitarbeitern. Und ich muss sagen, dass ich diese jährlichen Gespräche jedes Mal erhellend finde. Aber das regelmäßige persönliche Gespräch ist und bleibt sehr wichtig für mich. Ich glaube, dass ich an der Art und Weise, wie mir jemand „Guten Tag“ sagt, erkennen kann, wie es ihm geht.

Andres: Wir praktizieren das sehr ähnlich, führen Jahresgespräche aber nur mit unserem Führungsstab. Das ist mit 140 Mitarbeitern nicht machbar. Aber auch ich finde, dass der tägliche Austausch wichtig ist, damit man schnell den Faden wieder aufnehmen kann, wenn er zu Boden gefallen ist.

Führen Frauen anders als Männer?

Andres: Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, ob ich meine Rolle weiblich oder männlich besetze. Und wenn wir schon über Stereotype sprechen: Bei uns bin ich eher diejenige, die klare Ansagen macht oder mal mit der Faust auf den Tisch haut. Mein männlicher Kollege hat andere Stärken. Er hat die Strukturen im Blick und stellt die Detailfragen. Ich bin der Meinung, dass Männer und Frauen mit unterschiedlichen Stärken ausgestattet sind.

Faller-Moog: Männern fällt es zum Beispiel leichter, „nein“ zu sagen.

Andres: Und sich abzugrenzen.

Faller-Moog: Vielleicht auch Feierabend zu machen.

Andres: Ich habe das Gefühl, dass meine männlichen Kollegen nur selten früher Feierabend machen, um Zeit mit der Familie zu verbringen.

Faller-Moog: Also bei uns gibt es durchaus Männer im Unternehmen, die sagen: Donnerstagnachmittag bin ich bei meiner Familie.

Andres: Das ist für mich eine Generationen-Frage. Die Generation 50 Plus hat die Trennung von Familie und Beruf viel stärker verinnerlicht als die 30- bis 40-Jährigen, die junge Kinder haben.

Rudolf: Das trifft auch auf unseren Meister zu. Der verbindet Privates und Beruf und ist auch während der Arbeitszeit für seine Familie ansprechbar. Und das soll er auch. Darauf achte ich, weil mir das Miteinander wichtig ist. Mein Mann stellt hingegen die Arbeitsabläufe in den Vordergrund. Auch das ist wichtig. Denn wenn der Betrieb nicht rundläuft, haben wir von unserem tollen Miteinander am Ende nichts.

Andres: Manchmal braucht es eben eine klare Ansage.

Faller-Moog: Ich wollte es gerade sagen. Manchmal bin ich wirklich froh, wenn unter den Führungskräften mal einer sagt: So machen wir das jetzt! Zack, fertig, aus. Das muss aber auf Augenhöhe geschehen. Respekt ist wichtig. Und dennoch braucht es auch diesen Willen zur Führung.

Und dieser Wille ist bei Männern und Frauen unterschiedlich ausgeprägt?

Faller-Moog: Ich finde die Diskussion darüber schwierig, weil sie mit Vorurteilen belastet ist. Ich glaube, dass Frauen höhere Ansprüche an sich stellen. Das ist auch wieder ein Vorurteil. Trotzdem habe ich das Gefühl, ständig auf der Suche zu sein. Stelle mir die Frage: Mache ich meinen Job gut? Wie kann ich ihn besser machen?

Andres: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich überprüfe mich und mein Handeln auch immer wieder. Ich halte diese Eigenschaft allerdings für ein Zeichen von Stärke und eine ganz wesentliche Qualität von Führung, die sehr wertvoll für die Entwicklung eines Unternehmens sein kann.

Läuft die Führung im Tandem bei Ihnen reibungslos?

Rudolf: Bei uns geht es immer hoch her. Es hat ein paar Jahre gedauert, ehe wir uns gegenseitig in unseren Führungsrollen akzeptiert haben. Trotzdem haben wir den Betrieb zu dem gemacht, was er heute ist. Es hat also funktioniert – mit sehr viel Reibung.

Glauben Sie, dass Bio-Unternehmen grundsätzlich anders geführt werden?

Rudolf: Bei uns sind die Rollen nicht gendermäßig festgelegt. Wenn eine Frau Schlepper fahren will, wird sie genau so gefördert wie ihre männlichen Kollegen. Klar, jeder wird nach seinen Fähigkeiten eingesetzt, aber auch nach dem, was er oder sie lernen möchte. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass sich keine Frustration breitmacht.

Faller-Moog: Ich denke, es gibt da schon einen generellen Unterschied. In der konventionellen Landwirtschaft gibt es wesentlich mehr männliche Lehrlinge – locker 90 von 100 in unserer Region, die ackerbaulich geprägt ist. Das kommt daher, weil – das nächste Klischee – es im Ackerbau um große Maschinen geht. Natürlich kann da jede Frau mitmachen. Ich glaube aber, nicht zuletzt weil auch meine Tochter Landwirtschaft studiert hat, dass junge Frauen etwas anderes unter Landwirtschaft verstehen, als den größten Traktor zu fahren, vor allem im Bio-Bereich.

Andres: Ich würde die Frage spontan mit jein beantworten, nicht grundsätzlich. Ich sehe in unserer Branche zwar viele Frauen, aber ich weiß nicht, ob es mehr in Führungspositionen sind. Es bleibt da ein diffuses Gefühl. Für mich ist die Gender-Frage eher eine Generationen-Frage. Trotzdem werden Bio-Betriebe insgesamt anders geführt.

Inwiefern?

Andres: Wir stehen für andere Werte als konventionelle Unternehmen. Das fängt bei den Inhalten an und zieht sich durch bis in die gelebten Strukturen. Es geht sehr viel um den guten Zweck und das Miteinander. Deswegen sind unsere Führungssysteme für Frauen grundsätzlich durchlässiger.

Welche Rolle spielt Feminismus in diesem Wertekanon?

Rudolf: Ich finde, dass der weitere Blick auf Verhältnisse in der Welt dazukommen sollte. In Deutschland haben wir Frauen sehr gute Möglichkeiten, uns zu verwirklichen. Sicherlich gibt es auch Hindernisse. Aber wenn ich das mit den Problemen meiner Geschlechtsgenossinnen in anderen Ländern vergleiche, kann ich nur sagen: Halleluja, was hab ich für ein Glück gehabt, dass ich hier geboren bin. Deswegen ist Feminismus so wichtig. Die über Jahrtausende antrainierten Rollen kann man nicht einfach so in ein paar Generationen ablegen.

Andres: In meinem Werdegang hat Feminismus keine aktive Rolle gespielt. Sicherlich bin ich eine Tochter des Feminismus, aber mein Selbstverständnis war immer ein selbstbewusstes. Ich beanspruche für mich eher so eine Raubritterinnen-Mentalität: Ich nehme mit, was mir gefällt.


„Frauen haben Türen aufgestoßen.“
Judith Faller-Moog


Faller-Moog: Als ich im Vorfeld dieses Gesprächs darüber nachdachte, warum es in der Bio-Branche überdurchschnittlich viele Frauen in Führungspositionen gibt, fiel mir auf, dass viele dieser Firmen in den 80er-Jahren von Frauen gegründet beziehungsweise mitgegründet wurden. Es ging ihnen nach 1968 darum, etwas Neues zu  kreieren. In dieser Zeit wurde den Menschen ein gesundes Leben und eine andere Form des Wirtschaftens wichtiger. Die Gründer wollten einen neuen Bezug sowohl zu Landwirtschaft und Essen herstellen als auch einen neuen Unternehmergeist etablieren. Grundsätzlich finde ich aber, dass Frauen sich mit dem Thema Zukunft anders auseinandersetzen als Männer. In der Szene damals haben vor allem die Frauen die Türen aufgestoßen.

War die Gründungszeit der Bio-Branche geprägt durch einen emanzipatorischen Geist?

Andres: Unbedingt. Die Branche ist aus Querköpfen und Querdenkern entstanden. Da mischten auch Frauen mit starken Persönlichkeiten von Anfang an mit. Die ließen sich nicht so schnell einschüchtern, weil sie ja aus einer Protesthaltung kamen.

Unternimmt die Bio-Branche mehr, um traditionelle Muster aufzubrechen?

Andres: Die Männer dieser Zeit waren offen für diesen Geist. Deswegen ist die Bio-Branche auch sehr heterogen.

Rudolf: Sie schufen Raum für diese Akzeptanz, weil sie sich von diesen starken Frauen nicht bedroht fühlten.

Faller-Moog: Die Männer dieser Branche haben diese Frauen geliebt. Sie wollten selbstbewusste Partnerinnen an ihrer Seite und nicht die sprichwörtlichen Heimchen am Herd.

Sehen Sie sich selbst als Rolemodels?

Rudolf: Ich glaube, dass mein Mut, auch schwierige Situationen zu meistern, andere Menschen inspirieren kann. Und Tapferkeit, das würde ich mir auch noch erlauben. Denn dieser Gentechnik-Lobby immer wieder entgegenzutreten, ist nicht leicht.

Faller-Moog: Die Frage habe ich mir noch nie gestellt. Aber ich habe von Kolleginnen schon gehört, dass ich sie inspiriere, weil ich Kinder und Beruf verbinde. Ich glaube auch, dass ich mutig bin, weil ich mich dem Urteil meiner Mitarbeiter aussetze, anderes Denken zulasse und damit positive Prozesse in Gang setzen kann.

Andres: Mir wurde auch schon gesagt, dass ich andere inspiriere, weil ich den Spagat zwischen Familie und Beruf hinbekomme. Außerdem lasse ich nicht locker und setze die Dinge um, die ich sage. Insofern wären Durchhaltevermögen und Authentizität vielleicht Eigenschaften, die ich anderen vorleben kann. 

 

Zur Person: Tina Andres

Gemeinsam mit Klaus Lorenzen leitet Tina Andres die Landwege Genossenschaft in Lübeck, in der sich Erzeuger und Bio-Läden zusammengeschlossen haben und zu der 140 Mitarbeiter gehören. Die 49-Jährige arbeitet seit 14 Jahren in der Genossenschaft. In ihrem Führungstandem funktioniert die Aufgabenverteilung gut, „weil wir so komplementär sind“. Andres ist zweifache Mutter und hatte Lust auf die Führungsposition, weil sie die Verbindung von Genossenschaft und Bio reizvoll fand. In ihrem anderen Leben, wie sie es nennt, ist sie Jazz- und Chansonsängerin.

Zur Person Judith Faller-Moog

Schon während ihres Studiums übernahm Judith Faller-Moog die Geschäftsführung der Öl-Mühle, die ihr Vater in den 80er-Jahren in Südfrankreich aufgebaut hatte. Aus dem kleinen Familienunternehmen ist die Marke Bio Planète hervorgegangen, zu der 2004 auch ein zweiter Unternehmensstandort in der Lommatzschen Pflege in Sachsen hinzukam. Seitdem ist Jérôme Stremler Mitgesellschafter und kümmert sich um die Geschäfte am französischen Standort. Faller-Moog hat vier Kinder und ist „froh darüber, dass bei uns niemand versucht, sich mit Trommeln auf der Brust zu profilieren“.

 

Zur Person Barbara Maria Rudolf

Die Landwirtin lebt und arbeitet mit ihrem Mann auf dem Biolandhof Christiansen in der Nähe von Schleswig. In den letzten Jahren hat der erste Meister am Hof zunehmend Verantwortung übernommen, sodass Rudolf von einem Führungstrio spricht. Daneben engagiert sich die 58-Jährige im Anbauverband Bioland, wo sie in unterschiedlichen Gremien daran arbeitet, die ökologische Landwirtschaft voranzubringen. Der Mutter von zwei Kindern ist Mitarbeiter-Führung auf Augenhöhe wichtig.

Erschienen in Ausgabe 11/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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