Filmtipp „Erde“: wie der Mensch die Massen bewegt - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

Filmtipp „Erde“: wie der Mensch die Massen bewegt

Im Dokufilm „Erde“ bewegen Menschen Erdmassen.
© Stadtkino Filmerverleih

Der Dokumentarfilm „Erde“ enthüllt, wie brutal wir die Erdoberfläche zu unseren Zwecken umgestalten – und wie unsere Welt darunter aussieht.

In Kürze:

  • „Erde“ – Ein Film von Nikolaus Geyerhalter, bekannt von „Unser täglich Brot“
  • Worum geht’s? Wir Menschen verändern die Erdoberfläche schon mehr als die Natur.

  • Worum geht’s noch? Dieser Planet lässt sich bestimmt nicht für immer ausbeuten.
  • Richtig gut: Der Marmor-Abbau in Carrara ist brutal, bizarr und doch wunderschön.
  • 
Könnte besser: Ein Schauplatz in der östlichen Hemisphäre, in Indien oder China wäre noch spannend gewesen.

  • Das bleibt offen: Wie können wir den Raubbau an der Erde stoppen?

  • Empfehlung für: Cineasten mit einer Liebe für laaaaange, sehr ruhige Szenen.
  • 
Ein Film wie: eine lange Zugfahrt durch fremde Landschaften.
  • Kinostart: In Österreich läuft er schon, in Deutschland gibt es ihn ab dem 4. Juli zu sehen.

 

Der abschließende Sound dieses Films ist das eindringliche Fiepen von großen Erdbewegungsmaschinen: Achtung, wer nicht rechtzeitig einen anderen Weg einschlägt, findet sein jähes Ende.

„Erde“ würde es einem zwar so niemals ins Gesicht sagen, aber der aktuelle Dokumentarfilm des Österreichers Nikolaus Geyerhalter ist schon eine Warnung. Mindestens ist er jedoch ein deutlicher Störton im Lied vom stetigen Wirtschaftswachstum: Denn die dafür nötigen Aktivitäten verändern die Gestalt unseres Planeten so sehr, dass wir ihn schon bald nicht wiedererkennen werden.

Erdbewegung: Wie viel Erde und Gestein der Mensch verschiebt

60 Millionen Tonnen Erde und Gestein werden von Wind und Wetter täglich verändert, heißt es in einer der wenigen textlichen Einblendungen gleich zu Beginn des Films. 156 Millionen Tonnen aber bewegen die Menschen nach ihren Vorstellungen, an jedem einzelnen Tag.

© Stadtkino Filmverleih

Die Filme des Autodidakten Geyerhalter sind bekannt dafür, die schwierige Mensch-Natur-Beziehung und unsere hochkomplexen Systeme in ästhetische Bilder zu bannen. Seine ruhigen Einstellungen haben viel Zeit, sich ins Gehirn zu brennen. Deren Interpretation überlässt er dabei den Menschen selbst. Auch „Erde“ ist eine Dokumentation, kein bildlich unterlegter Kommentar des Regisseurs. Für seine (alb-)traumhaften Bilder und die offenen, emotionalen Interviews mit den beteiligten Arbeitern bekam dieser Film zu Recht den Preis der Ökumenischen Jury an der Berlinale 2019.

Im Dokumentarfilm „Erde“ ist der Mensch ein Kind im Sandkasten

Geyerhalter hielt fürs Kino fest, welche Landschaften entstehen, wenn Menschen mit Hilfe von riesigen Maschinen ganze Berge abtragen, durchbohren und nach ihren Wünschen modellieren. Ein Vorher-Nachher – von der Natur- zur Kulturlandschaft – zeigt er jedoch nicht. Vielleicht wäre das auch zu viel fürs Herz gewesen.

Früher habe er ja ganze Wälder umnieten müssen, das habe ihn schon nachdenklich gemacht, sagt im Film ein Arbeiter, der in Kalifornien gerade einen Hügel für eine neue Siedlung umgebaggert hat. „Aber wenn wir hierher kommen, ist es keine Natur mehr.“ Um ihn herum ist nur noch Braun, Braun, Braun – und der große, kräftige Mann, fühlt sich in dieser aufgerissenen Landschaft wie ein kleiner Junge in der „Sandbox“.

Vom Brenner-Tunnel bis zu Marmorbrüchen in Carrara

Geyerhalter reiste noch an fünf weitere Schauplätze, an denen Stein und Erde in großem Stil bewegt werden. Etwa zur Baustelle des Brenner Basistunnels zwischen Tirol und Südtirol, wo ein Bohrer rund 3.500 Tonnen Gestein an einem einzigen Arbeitstag fördert.

© Stadtkino Filmverleih

Oder zu den Marmorbrüchen vom italienischen Carrara, in denen noch heute Männer beim Versuch sterben, dem Berg die tonnenschweren, wertvollen Steinblöcke abzutrotzen. So einen tonnenschweren Marmorblock herauszuhauen, habe früher zwei Tage gedauert und sei reine Handarbeit gewesen, sagt einer der Arbeiter. „Heute dauert es nur eine Stunde.“ Natürlich, es tut ihm weh, wenn er sich umschaut. „Die Berge werden kleiner und kleiner.“ Und doch kam er nie von seiner Tätigkeit weg, denn der Adrenalin-Rausch zieht ihn immer wieder in den Steinbruch zurück.

Bergarbeit: ein Männerjob in einem Männersystem

Bergarbeit ist überwiegend ein Job für Männer. Das beweist der Film, auch wenn er einige Frauen zu Wort kommen lässt. Ebenso sind es Männer, die unsere Art des Wirtschaftens maßgeblich geprägt haben. „There is no limit“ war bisher das Motto dieses Systems. Einer der kalifornischen Bergarbeiter spricht es aus. Und doch beweisen solche wie er in kurzen Interviewsequenzen emotionale Zugänge zu ihrem Tun.

„Man frisst sich hinein in das Fleisch des Gebirges“, sagt etwa ein Arbeiter im Brenner-Basistunnel, als er vor dem Monsterbohrer steht, der einen Schacht von acht Metern Durchmesser in den Berg jagen kann. 1,7 Meter pro Hub, bis zu fünfzehn solche Hübe am Tag schafft er. Der junge Mann ist der erste Mensch, der diese inneren Schichten der Erde sieht. „Die Natur hat dieses Gestein in Millionen von Jahren entwickelt“, sagt er. „Und wir versuchen nun für einen kurzen Augenblick im Universum da durchzubohren für unseren eigenen Zweck.“

Die Gletscher schmelzen – und die Kohle hat Schuld

Ein ungarischer Kohlearbeiter wiederum zeigt seine Handybilder von einer Radreise zum Gletscher: Millionen Jahre ist dieser alt und nun innerhalb einer Generation schon fast verschwunden. Es sei schrecklich gewesen, sagt er. Denn er wisse ja, dass die Kohle am Schmelzen der Gletscher beteiligt ist. „Du siehst sowas im Fernsehen, aber es ist etwas anderes, wenn du wirklich dort bist. Du fühlst dich so machtlos.“ Auch er wird weiter Kohle fördern, irgendwo muss die Energie ja herkommen. Und wir werden auch weiter Öl und Kupfer brauchen. Nur schauen wir uns selten so genau an, wo das alles herkommt.

Die Kamera klagt darum die Menschen in den Minen und Steinbrüchen nicht an, denn sie sind nur die ausführenden Organe in einem System, dem wir gemeinsam angehören: „Tatsache ist, dass wir alle Mitverursacher sind, dass unsere Art zu leben ohne diese Narben in der Erdkruste kaum zu verwirklichen wäre“, sagt der Filmemacher Geyerhalter.

Atommüll: Mit den Entscheidungen von früher müssen wir nun umgehen

Wie gut wir darin sein werden umzusteuern und ob wir den fiependen Warnton jemals wahrnehmen werden, das ist die andere Frage. Selbst wenn kann es sein, dass unser zeitlicher und physischer Horizont als Menschen dafür nicht mehr ausreichen wird. Die Aufnahmen in der einst als sicher eingestuften Atommüll-Lagerstätte im ehemaligen Salzbergwerk Asse deuten es an.

Nichts ist hier je sicher gewesen, durch unzählige Risse im Gestein könnte jederzeit Lauge auf Fässer mit radioaktiven Abfällen treffen. Die Hoffnung der Experten: Das System soll so lange wie möglich halten und bleiben, wie es ist. Die Rückholung der einfach übereinander geworfenen Fässer ist schwierig, mit den Entscheidungen aus den Siebzigerjahren muss man nun umgehen. Denn mal ehrlich: Eine sichere Atommülldeponie, gibt es das überhaupt?

Schnelle Antworten auf solche Fragen darf man sich von diesem Film nicht erwarten. Dazu wurde er nicht gedreht. Er erlaubt aber einen neuen Blick auf – und unter – unsere Erde, gibt uns Zugang zu Welten, die wir sonst nie erreichen würden.

Ob einen diese Bilder deprimieren oder aber mit produktivem Trotz erfüllen, ist wohl Typsache. Geyerhalter jedenfalls hat einen eher fatalistischen Zugang: „Wir reden immer vom Ende der Welt, in Wahrheit meinen wir unser Ende als Menschheit. Das ist noch lange nicht das Ende der Welt.“

Text: Rebecca Sandbichler, Fotos: Stadtkino Filmverleih

 

Infobox:
Über Nikolaus Geyerhalter:
Der österreichische Dokumentarfilmer geht mit der Kamera konsequent dorthin, wo man sonst nicht so schnell hinkommt. So führte er in „Unser täglich Brot“ die Zuschauer hinter jene Marketingkulissen, die von idyllisch bedruckten Milchpackungen und Eierschachteln aufgebaut werden – und zeigte stattdessen die industrialisierte Wirklichkeit in Tierfabriken und auf pestizidbelasteten Sonnenblumenfeldern. In „Homo Sapiens“ wiederum lassen wortlose Aufnahmen von überwucherten, einst genutzten Orten schon erahnen, wie eine Welt nach uns aussehen könnte.

 

Veröffentlicht:
Rubrik: Leben&Umwelt

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'