Kinotipp: "Fair Traders" – hoffen auf den besseren Handel - Schrot und Korn

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Kinotipp: "Fair Traders" – hoffen auf den besseren Handel

Foto: RFF – Real Fiction Filmverleih e.K.

Der Film „Fair Traders“ porträtiert Unternehmer, die sich die Maximierung von Gemeinwohl zum Ziel machen. Eine erfreuliche Pause von den Negativ-Prognosen dieser Tage. Rebecca Sandbichler 

Es hätte ein peinlicher Moment vor laufender Kamera werden können: Gerade sitzen die Zimmermanns, zwei Schweizer Bio-Bauern und Tante-Emma-Laden-Betreiber, bei sich zuhause am Esstisch und überlegen, ob sie auf dem Feld mit den Luzernen schon wieder anbauen sollen – da klopft es am Küchenfenster.

Es ist wieder der Bio-Kontrolleur, der das junge Ehepaar doch vor Kurzem erst wegen ihrer Freiflächen kontrolliert hatte. „Das ist eine routinemäßige Nachkontrolle, purer Zufall“ sagt er fast entschuldigend und stiefelt gleich los; den Weg zu den Freilandschweinen kennt er bereits. Claudia Zimmermann schließt das Fenster, dreht sich zu ihrem Mann um und fragt in die Stille hinein doch ein wenig unsicher: „Ist alles okay?“ Er lacht nur: „Aber sicher!“

Dass auf dem Hof der Zimmermanns auch wirklich alles in Ordnung ist, daran hat man als Zuschauer in diesem Moment längst keinen Zweifel mehr. So geradlinig, so überzeugend wirkte die ehemalige Kindergärtnerin und überzeugte Biobäuerin schon in den ersten Minuten der Dokumentation „Fair Traders“ des Schweizer Regisseurs Nino Jacusso. 

Jeder soll bekommen, was er braucht

Zimmermanns große, braune Augen leuchten, als sie über die anderen „Buur“, die Bauern spricht, mit denen sie Handel treibt. Den Preis für ihre Tomaten sollen sie ihr einfach sagen und dann werde man sich schon einig. Wichtig sei doch, dass jeder bekommt, was er braucht, nicht mehr und nicht weniger. Als „Fair Traderin“ steht sie noch am Anfang, lieber rechnet sie nicht so genau nach, wieviel Stundenlohn sie und ihr Mann für die Arbeit am Hof und im eigenen Bioladen bekommen. Denn darum geht es ihr nicht vorrangig.

Faire und biologisch erzeugte Lebensmittel sind für sie nicht nur ein Label – es ist eine Lebensaufgabe. „Es geht da nicht um eine politische Neigung“, sagt sie gleich zu Beginn. „Bio heißt, Sorge für die Natur zu tragen. Wir produzieren gemeinsam mit der Natur.“

Es sind solche einfachen Aussagen, keine steilen Thesen oder Skandale, die Jacusso für seine Dokumentation über die sozial engagierten Händler in schönen Szenen arrangiert hat. Neben Zimmermann porträtiert er auch die deutsche Sozial-Modeunternehmerin Sina Trinkwalder und den Bio-Baumwollpionier Patrick Hohmann. Er zeichnet in ruhigen Interviewsituationen und den Begegnungen mit deren Mitarbeitern oder Geschäftspartnern die Karrieren von drei Menschen nach, die irgendwann beschlossen haben, etwas gänzlich anders zu machen, als es die gewinnorientierte Marktwirtschaft eigentlich vorsehen würde. 

Sein kurzer Film kann nur erahnen lassen, wie sie es unter großen Anstrengungen und Rückschlägen schafften, diesen Gegenentwurf zum Erfolg zu machen. Was wäre auch die Alternative? „Wir können nicht auf eine Ökonomie setzen, die unendliches Wachstum verlangt“, sagt Jacusso in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen zu seiner Motivation für den Film. „Das gibt es nicht, das ist unnatürlich.“ 

Der Handel als Vehikel für soziales Wachstum

Unnatürlich groß ist das Wachstum auf den überwiegend genetisch veränderten, mit Pestiziden besprühten Baumwoll-Plantagen, von denen sich Patrick Hohmann schon 1990 bewusst abwendete. Er ließ seine Lieferanten damals schon auf Bio-Anbau umsteigen, als noch gar nicht klar war, wie die Erträge ohne Chemie ausfallen würden. Heute können die wattigen Bio-Baumwollbäusche mit denen der konventionellen Konkurrenz mithalten.

Für ihren Einsatz machte Hohmann die Pioniere in Afrika oder Indien von den Weltmarktpreisen unabhängig, indem er Mindestsummen garantierte und Prämien bezahlte. Selbst behält er nur zwei bis drei Prozent vom Gewinn. Das ganze Unterfangen sei nämlich ein Vehikel, um das well-being der Gemeinschaft zu unterstützen, sagt Hohmann. „Wir machen das nicht fürs Geld, sondern für die Menschen und die Erde.“

Fair ist nicht einfach

Auch Sina Trinkwalders Einstieg in die Modewelt war nur ein Vehikel für eine größere Idee: Die ehemals erfolgreiche Werberin beschloss nach einer Bahnhofsbegegnung mit einem obdachlosen Mann, dass sie in ihrem Leben genug Produkte vermarktet hatte und künftig lieber abgehängten Menschen eine würdevolle Arbeit geben möchte. Ausgerechnet mit einer Schneiderei, ausgerechnet in Deutschland!

„Mit dieser Geschichte ging ich zur Bank“, erinnert sie sich im Film: „Hallo, ich möchte in einer toten Branche, ohne Ahnung zu haben, mit Leuten die keiner mehr braucht auf dem Arbeitsmarkt, einen Betrieb aufmachen – kann ich mal eure Kohle haben?“ Aus dem Kredit wurde nichts, also nahm sie ihr gesamtes Privatvermögen und setzte alles auf diese Idee und auf diese Menschen.

Dass trotz des baldigen Erfolgs des Sozialunternehmens Manomama auch das Leben einer Sina Trinkwalder von Mühsal geprägt ist, verschweigt der Film nicht. Sie raucht oft, flucht viel und muss auch mal laut mit ihren „Ladys“ werden – als es um falsche Krankschreibungen und gemogelte Arbeitszeiten geht. „Sie haben es nicht leicht“, sagt Bio-Baumwollhändler Patrick Hohmann beim ersten gemeinsamen Treffen der beiden. „Ich bewundere sie.“

Der Weg zum fairen Handel ist eben nicht gepflastert und längst nicht schnurgerade, das verrät „Fair Traders“ durchaus. „Bio läuft nicht von selbst. Du musst es wollen und du musst es tun“ sagt Hohmann. „Wenn du es auch noch mit sozialer Verantwortung tun willst, musst du es von Herzen machen, sonst geht es nicht.“

Ein Film zum Wohlfühlen

Fürs Herz gibt es in diesem Film trotzdem mehr als genug zu sehen. Wenn Claudia Zimmermann beseelt die selbstgebauten Regale in ihrem Laden einräumt und Brot an die Dorfkinder verteilt. Oder als Sina Trinkwalder schöne, sinnvoll gefüllte Rucksäcke an Augsburger Obdachlose übergibt. Und als Patrick Hohmann zum ersten Mal in einer Schule steht, die sein Unternehmen für die Kinder der Baumwollbauern gebaut hat. Tränen der Rührung sind da nicht ausgeschlossen.

Fair Traders meint es eben gut mit den Zuschauern. Man kann diesen Film genießen wie ein Stück Schokolade, das man nach einem arbeitsreichen Tag im Mund schmelzen lässt – oder den ersten Schluck von einem guten Glas Rotwein auf einer sonnenwarmen Terrasse. Haben wir uns nicht das ganze Jahr über schon genug Artikel oder Filme über Umweltzerstörung, Ausbeutung und Konsumwahn reingezogen? Und werden wir uns nicht wahrscheinlich morgen schon wieder über die nächste Horror-Prognose aufregen?

Diesen Film und die Geschichten von drei ehrlich bemühten Menschen haben wir uns darum ausnahmsweise verdient. Sicher, man kann nicht immer nur Schokolade essen und Wein trinken. Aber hin und wieder tut es gut.  

Fair Traders

Art: Dokumentation, 1h33min
Regisseur: Nino Jacusso
Kinostart in Deutschland: 28.03.2019 (Termine + Orte

Darum geht es: Eine andere Art zu wirtschaften ist bereichernd – aber nicht nur für Einen, sondern für Viele.
Passt für: Menschen, die inspirierende Kalendersprüche mögen. Oder Leute, die gerne laut fluchen. Also fast alle.
Passt nicht für: Zuschauer, die ihr eigenes Öko-Business aufmachen wollen und konkrete Tipps erwarten.
Heulquote: Hat hier jemand Zwiebeln geschnitten?
Spaß: Bis auf Sina Trinkwalder ist es ein eher ruhiger Film.
Spannung: Wird der Unternehmer gleich von seinem eigenen Bio-Baumwollhaufen verschluckt? Antwort: Nein.
Inspiration: Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir?
Bild & Ton: Fluffige Baumwolle und arikanische Sonnenuntergänge. Ratternde Nähmaschinen. Das Bimmeln der Ladenglocke. Alles da.

So können Sie gewinnen:

Wir verlosen 4x2 Kinokarten. Schicken Sie bis zum 31. März 2019, 24 Uhr eine E-Mail mit dem Betreff „Fair Traders“ an gewinnen@schrotundkorn.de. (Teilnahmebedingungen)

Foto: RFF – Real Fiction Filmverleih e.K.

Veröffentlicht:
Rubrik: Leben&Umwelt

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