Strom von uns - Schrot und Korn

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Strom von uns

©  Bündnis Bürgerenergie e.V./Joerg Farys
Energie in Bürgerhand: Hier bestimmen Verbraucher mit, wann, wo und wie ihr Strom erzeugt wird.

 

ENERGIE Bürgerinnen und Bürger vernetzen sich und bringen die Energiewende auf Kurs. Beispiele, Anregungen und Ideen für Mieter und Nachbarn. Sylvia Meise

Aufbruchstimmung liegt in der Luft. Zwar wird es der Energiewende in Deutschland im Moment nicht leicht gemacht, doch viele Bürger, Öko-Stromanbieter und Genossenschaften wollen die Energiewende unbedingt voranbringen – und haben dazu Ideen entwickelt: von Mieterstromprojekten bis Solarpartys.

Unterstützung kommt von der EU. Sie fordert in der sogenannten Erneuerbare-Energien-Richtlinie von 2018 von allen Mitgliedstaaten, dass bis 2030 mindestens 32 Prozent des Energieverbrauchs in den Bereichen Strom, Wärme und Verkehr aus erneuerbaren Energien kommen sollen. In Deutschland muss dafür noch einiges getan werden. Dem Umweltbundesamt zufolge lag 2018 der Anteil erneuerbarer Energien am Energieverbrauch bei 16,6 Prozent. Um das EU-Ziel zu erreichen, sollen laut Richtlinie unter anderem die Barrieren für Bürgerenergieprojekte – wie das Verkaufsverbot für Strom an Nachbarn oder bürokratische Hürden – abgebaut werden.

Bis 2021 muss die Richtlinie, auch in Deutschland, verbindlich geregelt werden. Der dezentralen Energieversorgung könnte das einen Schub geben. Sie wird von Wissenschaftlern und Umweltorganisationen als wichtiges Instrument der Energiewende angesehen. Das große Engagement der Bürger habe bisher maßgeblich zum Ausbau der Erneuerbaren beigetragen und sei künftig sogar noch entscheidender, um das „Gemeinschaftsprojekt Energiewende“ umzusetzen und die hohe Akzeptanz zu erhalten, schreibt der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in einem Positionspapier.

 
Links: Strom vom Dach: Mieterprojekt in Eberbach bei Mosbach Rechts: Lange Leitung: Strom aus der Ferne braucht viele Masten © Getty Images/Westend61; WIRCON GmbH

Dezentral bedeutet, dass die elektrische Energie verbrauchernah erzeugt wird, zum Beispiel innerhalb oder in der Nähe von Wohngebieten oder direkt auf dem eigenen Dach. Im Vergleich zur zentralen Energieversorgung, bei der Energie in großen Solar- und Windparks oder Kraftwerken erzeugt und dann via Stromtrassen quer durch Deutschland transportiert werden muss, ist sie die schnellere und demokratischere Variante: Die umstrittenen und größtenteils noch nicht verlegten Leitungen werden nicht gebraucht und die Verbraucher bestimmen mit, wann, wo und wie ihr Strom erzeugt wird. Wer die dezentrale Energiewende mitgestalten will, hat verschiedene Möglichkeiten.

Eigenheimbesitzer können sich eine Photovoltaikanlage (PV) aufs Dach setzen und den erzeugten Strom direkt nutzen oder einspeisen. Zwar könnte aufgrund eines Beschlusses der Bundesregierung die Einspeisevergütung für Neuanlagen wegfallen, sobald alle installierten Solarmodule in Deutschland zusammen mehr als 52 Gigawatt erreichen. Das wäre voraussichtlich nächstes Jahr der Fall. Angesichts des dringend notwendigen Ausbaus gehen energiepolitische Experten wie Sven Kirrmann von Naturstrom allerdings davon aus, dass diese Deckelung wieder abgeschafft wird.


Effizient & Sparsam 

Die umweltschonendste Energie ist die, die man gar nicht erst verbraucht.
Deshalb sind Energie sparen und Energieeffizienz wichtige Bausteine einer ökologischen Energiewende.


Da es gerade in Bezug auf Solaranlagen oft Unsicherheiten hinsichtlich Platzierung oder Rentabilität gibt, hat das Bündnis Bürgerenergien e.V. (BBEn) eine witzige Nachbarschaftskampagne initiiert: Solarpartys feiern. Dabei laden Photovoltaikanlagenbesitzer ihre Nachbarn und Bekannten zum Erfahrungsaustausch ein. Die erfolgreiche Test-Party lief bei den Eltern von Dominique Saad, Projektmanager beim BBEn. Im Anschluss haben sich zwei Nachbarn zusammengeschlossen und gemeinsam ihre Anlagen bestellt, erzählt er, „sodass Transport und Anlieferung günstiger geworden sind. Hier gibt es durchaus ein Kostensenkungspotenzial.“ 

Mini-Anlagen für den heimischen Balkon

Mitmachen ist für alle möglich, auch wenn man kein eigenes Dach hat. Eine Mini-Lösung ist das Solarstrom-System fürs Balkongeländer oder andere sonnenbeschienene Flächen. Die Module sind schon seit ein paar Jahren auf dem Markt, aber es fehlte an Rechtssicherheit. Jetzt gebe es eine DIN-Vorschrift, auf die man sich berufen könne, so die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS). Ein Gerät, das das Siegel der DGS trägt, kann einfach in die Steckdose gesteckt werden. Die
Mini-Anlagen haben eine Leistung von bis zu 300 Watt. Damit kann man den Fernseher laufen lassen oder den Kühlschrank versorgen. Vor der Anschaffung sollte man vom Vermieter eine Erlaubnis einholen. Und nachfragen: Kommunen wie die hessische Stadt Mörfelden Walldorf bezuschussen die Module sogar mit bis zu 200 Euro.


Energiebürger mit Balkonmodul © Bürgerwerke.de/ Daniel Foerderer

Strom für mehr Mieter

Natürlich geht das Ganze auch für Mieter noch ein paar Nummern größer – und nennt sich dann Mieterstromprojekt. Dabei wird Strom auf dem Dach eines Wohngebäudes erzeugt und von dort direkt, das heißt ohne Netzdurchleitung, an die Mieter des Gebäudes geliefert. Allerdings ist das zugrundeliegende Mieterstromgesetz nicht ganz einfach, sodass private Vermieter an dieser Stelle eher nicht aktiv werden. Nutzer sind überwiegend Genossenschaften, in denen sich interessierte Bürger zusammengeschlossen haben.

Ein Beispiel für ein solches Projekt ist das Mehrgenerationenhaus in Hattingen in Nordrhein-Westfalen. Um dieses Wohnmodell zu realisieren gründete sich vor zehn Jahren der Verein „Wir wohnen zusammen e.V.“. Die Hattinger Wohnungsbaugesellschaft hwg baute das Haus, ein Öko-Stromanbieter die Photovoltaikanlage. Seit 2017 ist alles fertig und der Verein mietete das Gebäude inklusive Stromversorgung komplett für seine Mitglieder an  – der Strombedarf der 15 Wohnungen wird zu 25 Prozent aus Sonnenstrom vom Dach gedeckt.

Nochmal größer gedacht ist das Wohnprojekt Möckernkiez in Berlin. Das Genossenschaftsmodell zeigt, dass gemeinschaftlich sogar der Neubau eines ganzen Niedrigenergie-Viertels zu stemmen ist. Der Kiez ist ein rund 30  000 Quadratmeter großes Areal, auf dem 14 Häuser stehen, mit 470 Wohnungen für rund 1000 Menschen. Strom und Wärme werden hauptsächlich durch die Sonne gewonnen. Die PV-Anlagen produzieren 125 000 Kilowattstunden im Jahr – die Hälfte davon geht an die Mieter, der Rest ins Netz. Die Zeit ohne Sonne ergänzt ein mit Biogas betriebenes Blockheizkraftwerk.

Energie-Partner solcher Projekte sind oftmals Öko-Stromanbieter. Sie haben das Know-how, liefern Strom, wenn Hausanlagen nichts produzieren, und übernehmen die Verwaltungsaufgaben. In den Beispielen aus Hattingen und Berlin ist es die Naturstrom AG. Viele weitere Bürgerstromideen wurden oder werden gerade mit der EWS Schönau, Greenpeace Energy, Lichtblick sowie den Genossenschaftsmitgliedern der Bürgerwerke realisiert.

Das Potenzial von Mieterstrom ist groß, liegt aber trotz Förderung noch weitgehend brach. Kritiker machen dafür unter anderem die komplizierten Regelungen des aktuellen Mieterstromgesetzes verantwortlich und fordern vom Bundeswirtschaftsministerium Nachbesserungen.

Einen anderen Ansatz zur Stromversorgung bietet das IT-Unternehmen enyway mit seinem Online-Marktplatz für Strom. Die Verträge werden direkt zwischen Konsumenten und Produzenten geschlossen – ohne Öko-Stromversorger als Mittler. Indirekt ist ein solcher Versorger aber trotzdem dabei, denn jeder Produzent hat einen Partner, der Öko-Strom zuliefert, wenn das Windrad stillsteht oder die Sonne nicht scheint. Enyway übernimmt die Büroarbeit, der Preis ist eine monatliche Vermittlungsgebühr. Das Unternehmen wirbt mit Transparenz: Anders als bei Konzernen wisse man genau, wer den Strom liefert. Der Charme der Idee: Alle Anbietenden stellen sich und die Geschichte ihrer Stromerzeugung vor.

Einer von ihnen ist der Bio-Großhändler Jochen Rinklin aus Eichstetten. Im Hauptberuf beliefert er im Südwesten der Republik Bio-Läden mit Lebensmitteln. Außerdem verkauft er den überschüssigen Solarstrom seiner Anlage, den er nicht für den Betrieb benötigt. „Wir wollten eine Investition für die Zukunft tätigen, die ökologisch und wirtschaftlich ist. Die Anlage dient als Altersvorsorge für meine Eltern“, begründet Rinklin sein Engagement.

Eine Zukunft, die intelligent vernetzt

Bei den EWS Schönau haben pfiffige Vordenker eine Zukunft im Blick, die langfristig ohne Stromlieferanten auskommen wird. Derzeit werden 27 Haushalte vernetzt, bei denen eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach installiert ist, die Wärmepumpen betreiben oder ein kleines Blockheizkraftwerk im Keller haben. Ziel sei es, dass diese Haushalte untereinander Strom tauschen anstatt ihn ins Netz zu speisen, beschreibt Strategie-Entwickler Oliver Leis das „Modellprojekt Schönau“. Um gemeinsam Anlagen effizient nutzen zu können, braucht man ein Steuerinstrument, das die Daten ausliest und auswertet – und den Strom intelligent verteilt. Knackpunkt daran: Viele der älteren Anlagen sind funktionstüchtig, aber nicht mit moderner digitaler Technologie kompatibel. Diese Nuss hat die EWS zusammen mit dem Freiburger Start-up Oxygen Technologies geknackt. Gemeinsam wurde eine Steuerbox entwickelt, die jetzt bei allen Teilnehmenden installiert ist und sie miteinander vernetzt.

Macht sich die EWS auf diese Weise langfristig überflüssig? Oliver Leis skizziert die Zukunft: „Als reiner Stromlieferant ja, das ist auch das Ziel, nicht aber als Energie-Dienstleister. Es wird immer ein Player gebraucht, der alles organisiert, das Know-how hat – und der vor allem die Verantwortung der Versorgungssicherheit trägt.“

Eine dezentrale Energiewende bietet Bürgern viele Möglichkeiten sich einzubringen und mit Nachbarn zu vernetzen. Mitmachen ist machbar.

Gründe für die Energiewende

Erneuerbare Energien ...

... sind Bürgerstrom:
Treiber der Energiewende sind jetzt schon Bürgerschaft sowie Bauernhöfe. Sie besitzen über 40 Prozent der Öko-Strom-Anlagen. Den großen Vier dagegen, Deutschlands konventionellen Energieversorgern RWE, Vattenvall, E.ON und EnBW, gehören nur fünf Prozent der Anlagen.

... schaffen Arbeit:
Für die Erneuerbaren Energien arbeiten weltweit 11 Millionen Menschen. Davon mehr als 1,2 Millionen in der EU und knapp 300 000 in Deutschland.

... vermeiden CO₂-Emissionen: 2018 konnten durch den Einsatz Erneuerbarer Energien 183,7 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente vermieden werden. 28,4 Millonen Tonnen allein durch Photovoltaik.

... sind nur echt mit Siegel:
Einige konventionelle Versorger tun nur grün, sie kaufen Zertifikate und rechnen ihren Strom um einige Ecken herum grün. Echte Öko-Stromversorger tragen das Grüner Strom- oder das Ok-Power-Label, weil sie nur Strom aus Erneuerbaren anbieten und den Bau von Neuanlagen fördern.


Mehr zum Thema:

www.boell.de/energieatlas
Der europäische Energieatlas erläutert die aktuellen Herausforderungen.

www.umweltbundesamt.de
Informationen zu Herkunftszertifikaten und Öko-Stromsiegeln

www.pv-fakten.de
Daten und Fakten zur Photovoltaik vom Fraunhofer-Institut

www.unendlich-viel-energie.de
Agentur für Erneuerbare Energien – bündelt Infos zum Thema.

www.buendnis-buergerenergie.de
Infos rund um Bürgerenergie und Solarpartys. Eine Broschüre zu Mitmachideen erscheint in November.

www.oekostrom-anbieter.info
Anbietervergleich und Infos


Quaschning, Volker: Erneuerbare Energien und Klimaschutz, 4. überarbeitete Auflage, Hanser Verlag, 2018, 285 Seiten, 30 Euro


Fechner, Carl-A.:  Power to change. Die Energiewende ist möglich. Gütersloher Verlagshaus, 2018, 218 Seiten, 20 Euro

 

Interview

„Wir brauchen keine laue Energiewende“

Sie werben für eine dezentrale „Energierevolution“ mit und durch die Bürger – warum? 

Angesichts der Klimakrise muss unsere Stromversorgung in den nächsten 15 Jahren komplett klimaneutral werden. Das heißt, wir müssen auf Windenergie und Photovoltaik setzen. Die aber stellen derzeit nur 14 Prozent der gesamten Stromversorgung. Wenn wir zentral vorgehen, müssen wir zu lange auf den umstrittenen Bau von Leitungen warten. Mit einer dezentralen Energiewende dagegen ließe sich die Zahl der installierten Solaranlagen sofort verfünffachen. Wir brauchen also eine Energierevolution und keine laue Energiewende. Und eine Revolution kann nur von den Bürgern ausgehen.

Könnte, hätte, würde... Wo hängt es? Was muss sich ändern?

An der Politik und der Akzeptanz von Wind- und Solarparks. Es gibt eine Grundhaltung à la: Macht bitte Klimaschutz, aber macht mich nicht nass. Hier brauchen wir dringend mehr Aufklärung. Auch über Klimaschäden wie das Waldsterben muss aufgeklärt werden und über die Kosten, die entstehen. Man geht von 180 Euro pro Tonne CO₂ aus. Das heißt: Ein Durchschnittsdeutscher verursacht momentan pro Jahr Klimaschäden in Höhe von 2000 Euro. Das wird die kommende Generation bezahlen müssen.

Wie kann man da gegensteuern? 

Verhaltensänderungen sind ja immer schwierig zu erreichen. Deshalb mag ich Solaranlagen. Das Schöne an ihnen ist, dass hier die Bereitschaft, selber aktiv zu werden, tendenziell sehr viel höher ist, als nicht mehr zu fliegen oder auf Fleisch zu verzichten. Andererseits wird das Handeln oft durch Bürokratie behindert. In Berlin könnten viele Gebäudebesitzer auf den Dächern Anlagen bauen und Strom an die Mieter weitergeben. Tatsächlich geschieht das selten, weil es rechtlich viel zu kompliziert ist. Hier muss sich dringend etwas ändern. Am Ende sollte es für beide Seiten attraktiv sein – für Mieter und Vermieter. 

Das kann ja dauern ...

Nein, ich glaube, es ist etwas in Bewegung. Die Fridays-for-Future-Bewegung macht Druck und gleichzeitig versuchen die großen Parteien Wählerstimmen zurückzugewinnen. Und wir haben zunehmend auch in der Bürgerschaft eine breite Diskussion und Bereitschaft, etwas zu verändern. Innovative technische Lösungen für klimaneutrale Strom- und Wärmeerzeugung – und auch für Transport – sind bereits verfügbar. Die Bürger müssen sie nur einsetzen und einfordern. 

Volker Quaschning

ist Professor an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft. Dort leitet er den Studiengang „Regenerative Energien“.

 Foto: © Silke Reents

Erschienen in Ausgabe 10/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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Stephan K.

Zum Thema Ökostrom
Ich nehme Bezug auf Ihren Artikel „Strom von uns“ in der Schrot und Korn-Ausgabe vom Oktober 2019. Der Begriff Ökostrom ist rechtlich nicht geschützt. Es gibt in Deutschland elf unabhängige Ökostromanbieter. Ausser den in Ihrem Bericht genannten (Naturstrom, EWS Schönau, Greenpeace Energy, Bürgerwerke, Lichtblick sowie neuerdings enyway) gibt es fünf weitere Anbieter, die keine Beteiligungen der Atom- und Kohleindustrie haben. Ich möchte sie hier nennen: Schriesheimer Ökostromer, Ökostromer Edingen-Neckarhausen, Bremer Solidarstrom, Heidelberger Solidarstrom und Polarstern. Sie werden in ihrem Artikel leider nicht genannt. Auch sie verkaufen ausschliesslich Strom, der mit Erneuerbaren Energien hergestellt wird. Wer will, dass sein Geld nicht an Firmen geht, die mit Atom- und Kohlestrom Geschäfte machen, sollte dort Kunde werden. Alle anderen Stromanbieter haben eigentumsrechtliche Beteiligungen von Kohle- und Atomwirtschaft. Dies geht aus der regelmäßig stattfindenden Strommarktrecherche der Umweltschutzorganisation Robin Wood hervor.
Stephan K., Konz