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Energiewende: Jetzt erst recht!

Abgewürgt und ausgebremst. Umweltverbände und Öko-Strom-Branche konnten das neue Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) nicht verhindern. Doch noch ist die Energiewende zu retten. Wenn alle mithelfen. // Leo Frühschütz

Die gute Nachricht zuerst: In den ersten fünf Monaten 2014 kamen 30 Prozent des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energiequellen: Wind, Biomasse, Sonne und Wasserkraft. Ein neuer Rekord, den das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme vermeldete. Es wird nicht der letzte sein. Denn auch künftig werden in Deutschland weitere Windräder und Solaranlagen gebaut, wenn auch weniger als in den vergangenen Jahren.

Denn, und das ist die schlechte Nachricht, die schwarz-rote Regierung hat trotz massiver Proteste das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) geändert und damit die Energiewende abgebremst. „Das ist bitter“, sagt Oliver Moldenhauer, Campaigner bei Campact. Doch es gebe auch Positives. So sei dadurch eine Bürgerbewegung für die Energiewende und gegen Kohlekraft entstanden.

Für diese Bewegung und alle Energiewende-Befürworter gibt es genug zu tun. Doch dazu später. Erst geht es darum, was das neue EEG für die Energiewende bedeutet. Beim EEG denken viele Menschen erst einmal an ihre Stromrechnung. Die stieg in den letzten Jahren an – weil das EEG so einen großen Erfolg hatte. Die Grundidee des Gesetzes war einfach und wirkungsvoll: Um die Produktion von Öko-Strom voranzubringen und die technische Entwicklung zu fördern, garantierte das EEG den Erzeugern feste, kostendeckende Preise über 20 Jahre. Sie lagen am Anfang deutlich über den marktüblichen Strompreisen. Die Differenz dazu wird aus einem Fonds gezahlt, den die Stromkunden mit einer EEG-Umlage füllen. Doch sinken die zugesagten Vergütungen seit Jahren. Wer sich vor zehn Jahren eine Solaranlage aufs Dach schraubte, hat Glück. Denn derjenige bekommt noch bis 2024 die versprochene Vergütung von 57 Cent je Kilowattstunde. Die Vergütungen für neue Anlagen sind jedoch weitaus niedriger.

Ein Gesetz zum Vorrang der Kohle

Insgesamt wächst die über die Umlage zu zahlende Summe weiter. 2014 stehen aus dem EEG-Umlage-Topf rund 24 Milliarden Euro zur Verteilung an. Gezahlt haben den größten Teil private Haushalte und kleine Betriebe – mit 6,24 Cent je Kilowattstunde Strom. Der rasche Anstieg der EEG-Umlage hat viele Menschen verärgert und die Politik aktiviert. Das EEG wurde deshalb überarbeitet. Die neue Fassung soll laut Bundesregierung die Kosten stabilisieren und gerecht verteilen sowie den Ausbau der erneuerbaren Energien steuern.

Am 27. Juni hat der Bundestag das neue EEG beschlossen. Für Carsten Körnig war das ein schwarzer Freitag: „Wir sind schockiert und zutiefst betroffen, wie die Energiewende und das Gemeinwohl mit Füßen getreten werden“, schimpfte der Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft (BSW). Ein Gesetz zum Vorrang der Kohle sei das. Ähnlich äußerten sich andere Branchenvertreter und die Umweltverbände. Ihre Empörung gilt mehreren Punkten. So werden zukünftig diejenigen zur Kasse gebeten, die mit einer Solaranlage Strom für den eigenen Bedarf herstellen wollen. Für den selbst verbrauchten Strom wird dann eine EEG-Umlage fällig: 30 Prozent des geltenden Satzes in 2015, 40 Prozent dann ab 2017. Für schon bestehende Anlagen und Eigenheime mit wenigen Paneelen gilt diese, von Kritikern als Sonnensteuer bezeichnete Regelung nicht.
EEG-UmlageDank großzügiger Ausnahmeregelungen bezahlen vor allem Verbraucher die EEG-Umlage.

Die Industrie spart Milliarden Euro

Die Solarbranche fürchtet, dass sich Photovoltaik-Investitionen für Gewerbe und größere Haushalte kaum noch rechnen und will vor dem Bundesverfassungsgericht klagen. BSW-Geschäftsführer Carsten Körnig wirft der Bundesregierung vor, sich zum Erfüllungsgehilfen großer Energiekonzerne zu machen. „Diese haben großes Interesse an der Abgabe, um durch eine zunehmende Energieversorgung in Bürgerhand nicht weitere Marktanteile zu verlieren.“ Für Unmut sorgen auch die Ausbauziele, die das EEG für Strom aus Sonne, Wind und Biomasse nun festlegt.

So soll die Vergütung noch schneller sinken, sollten innerhalb eines Jahres mehr Anlagen gebaut werden als vorgesehen. Diese Deckelung liegt für Windkraft an Land und Solaranlagen bei 2 500 Megawatt pro Jahr. Bei den Windrädern entspricht das 500 großen Anlagen. Von denen wurden in den vergangenen Jahren sowieso immer weniger gebaut.

Stärker betroffen von der Deckelung sind deshalb Photovoltaik-Anlagen. Wegen der bereits drastisch gesunkenen Förderung hatte sich deren Absatz bereits mehr als halbiert. Dennoch gingen 2013 immer noch Anlagen mit einer Kapazität von 3 300 Megawatt ans Netz. Nun sollen es nach dem Willen der Bundesregierung noch weniger werden. Schluss macht das EEG auch mit der Förderung von Biogasanlagen, die vor allem Mais vergären. Nur Biogas aus Abfällen oder Gülle wird künftig noch bezuschusst. Der vorgesehene Ausbau ist auf 100 Megawatt im Jahr beschränkt.

Die EEG-Umlage ist für die Haushalte so hoch, weil stromintensive Industrieunternehmen kaum Umlage zahlen. Über 2 000 Unternehmen kommen in diesem Jahr in den Genuss dieser Ausnahmeregel. Dazu zählen neben Aluhütten auch Mineralbrunnen oder Schokohersteller. Allein 2014 sparen sie dadurch rund fünf Milliarden Euro, hat das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle errechnet.

Geld, das stattdessen die anderen Stromverbraucher über die EEG-Umlage aufbringen müssen. Pro Kilowattstunde sind das für jeden Haushalt 1,35 Cent plus Mehrwertsteuer. An dieser ungerechten Verteilung ändert das neue EEG nichts. So können auch weiterhin Firmen aus insgesamt 219 Branchen ihre EEG-Umlage verringern. Schlechter stellt das neue Gesetz allerdings die Bahnen. Sie sollen künftig für den Stromverbrauch ihrer Lokomotiven 20 Prozent der Umlage zahlen. Holger Krawinkel, Energieexperte der Verbraucherzentrale rechnete den Bundestagsabgeordneten bei einer Anhörung die Folgen vor: Ein Einzelfahrschein etwa der Berliner Verkehrsbetriebe müsse zum Ausgleich zehn Cent teurer werden.

Besonders hart trifft es die Bürger-Energie, also Privatleute, Kommunen oder Genossenschaften, die kleine dezentrale Anlagen betreiben. Sie produzieren fast die Hälfte des gesamten derzeitigen Öko-Stroms. Rund 900 Energiegenossenschaften mit zusammen etwa 130 000 Mitgliedern engagieren sich in Deutschland für eine lokale und ökologische Energieversorgung. Mit dem neuen EEG aber können Bürger-Energieanlagen, die ab 2016 in Betrieb gehen, ihren Öko-Strom nicht mehr einfach ins Netz einspeisen. Sie sind nun verpflichtet, ihn an der Strombörse direkt zu vermarkten, zum Beispiel über spezielle Dienstleister. Ausgenommen sind nur ganz kleine Stromerzeuger.

Bürgerbeteiligung
In Bürgerhand: Wie hier in Bremen engagieren sich viele Menschen für eine dezentrale Energiewende

Bürgerenergie wird es schwerer haben

Bürgerenergie-Anlagen seien wegen ihrer geringen Größe für die Vermarktungsunternehmen nicht besonders attraktiv, zeigt eine Studie der Leuphana Universität Lüneburg. Bürgerenergie werde es demnach schwer haben, sich weiter auf dem Markt zu behaupten, prognostiziert die Studie. Ab 2017 will die Bundesregierung die bisherigen Einspeisevergütungen sogar ganz abschaffen und durch Ausschreibungen ersetzen. Den Zuschlag bekommt, wer am wenigsten Subvention verlangt. Klingt gut, funktioniert aber nicht. „Es gibt weltweit keine Erfolgsmodelle für Ausschreibungen regenerativer Energien. Deutschland wird die schlechten Erfahrungen anderer Länder wiederholen“, sagt Thomas Banning, Vorstandsvorsitzender des Bündnis Bürgerenergie.

Außerdem seien Ausschreibungen aufwändig und kompliziert. „Finanzstarke Anbieter und große Konzerne haben hier die Nase vorn, während Privatpersonen, kleine und mittlere Unternehmen oder Bürgerenergiegenossenschaften meist unterlegen sind“, sagt Marcel Keiffenheim vom Öko-Strom-Erzeuger Greenpeace Energy.

Große Strom-Konzerne haben die Nase vorn

Doch hängen die Energiewende sowie die drastische Reduzierung von CO2 nicht nur an der Stromerzeugung. Denn ein Drittel unserer gesamten Energie verbrauchen wir allein für Raumwärme und warmes Wasser. Erneuerbare Energieträger wie Holzpellets, Biogas oder Erdwärme steuern derzeit nur ein Zehntel des Bedarfs bei. Wärme bringen bei uns vor allem Heizöl und Erdgas. Und ein großer Teil dieser Wärme verpufft durch dünne Mauern und alte Fenster schnell wieder nach draußen. Drei Viertel aller Gebäude in Deutschland wurden vor dem Inkrafttreten der ersten Wärmeschutzverordnung 1979 errichtet. „Diese Gebäude sind oft gar nicht oder aus heutiger Sicht erbärmlich energetisch saniert“, sagt Cornelia Ziehm, Energiewende-Expertin der Deutschen Umwelthilfe.

Jeder kann etwas für die Energiewende tun

Ohne flächendeckende energetische Sanierungen im Gebäudebestand verfehlte die Energiewende deshalb ihre Ziele. Die veralteten Gesetze im Wärmebereich, die den Einsatz erneuerbarer Energieträger und das Dämmen zugiger Gebäude beschleunigen könnten, beziehen sich meist nur auf Neubauten. Und auch hier sinken die Fördermittel. Experten zufolge müsste der Staat fünf Milliarden Euro bereitstellen, um die selbst gesetzten Energieeffizienzziele im Gebäudebereich zu erreichen. Das wäre etwa dreimal so viel Geld wie derzeit.

Die Zukunft der Energiewende hängt aber auch vom Engagement jedes Einzelnen ab. Der wohl wichtigste Schritt ist, Stromkonzernen zu kündigen, die mit Atom- und Kohlestrom Geld verdienen. Das geht am einfachsten, indem man zu EWS Schönau, Lichtblick, Naturstrom oder Greenpeace Energy wechselt. Diese vier bundesweit tätigen Öko-Stromanbieter sind kohle- und atomstromfrei.

Bei anderen Öko-Strom-Tarifen und ihren Anbietern ist das nicht zwangsläufig der Fall. So stehen, auf den ersten Blick nicht immer sichtbar, hinter vielen grünen Anbietern die großen Energiekonzerne – Braunkohle- und Atomstrom inklusive. Das gilt auch für viele Stadtwerke. „Genau hinsehen“, empfiehlt deshalb Heffa Schücking von der Umweltorganisation Urgewald (Interview hier). Sie wirbt auch für einen Bankenwechsel. Denn viele große Banken finanzieren mit dem Geld ihrer Kunden Atom- und Kohlekonzerne. Wer selbst ein Haus besitzt, kann außerdem prüfen, wo sich Energie effizienter einsetzen lässt oder wo eine verbesserte Dämmung notwendig ist. Eine andere Möglichkeit ist, in erneuerbare Energien zu investieren oder mitzuhelfen, lokale Energiegenossenschaften zu gründen.

Und auch wenn es bei der EEG-Novelle wenig geholfen hat, bleiben gewisse Dinge unverzichtbar: Demonstrieren, protestieren und Flagge zeigen – für die Energiewende.

So gelingt die Wende

Das Potenzial ist da: Rund 13 Prozent könnte Deutschland bis 2020 an Energie sparen. Allein die Industrie könnte Kosten von jährlich mehr als vier Milliarden Euro sparen. Und weil die Idee des EU-weiten Emissionshandels bisher verfehlt wurde, sollte für die Industrie CO2 teurer werden. Damit nicht länger unsere Energie buchstäblich zum Fenster hinausgeworfen wird, muss mehr in die Häuserdämmung investiert werden. Auch die Forschung ist am Zug. Es braucht noch mehr Innovationen, wie effektivere Solarzellen, günstigere Speicher oder stromsparende Geräte. Vor allem aber müssen mehr Anlagen gebaut werden, die Öko-Strom produzieren.

Noch mehr Braunkohle

Das Land Brandenburg hat den Braunkohleabbau im Tagebau Welzow-Süd II in der Lausitz über 2026 hinaus verlängert. Drei Dörfer sollen nun verschwinden, 800 Menschen umgesiedelt werden. Die Regierung argumentiert mit Arbeitsplätzen – laut Greenpeace 724. Auch in Polen soll noch mehr Braunkohle ausgebaggert werden. Dagegen protestierte am 23. August ein grenzübergreifendes Bündnis mit einer Menschenkette. Infos unter:
www.die-klima-allianz.de

Interview: „Wir brauchen keine Kohle“

Heffa Schücking
Die Biologin Heffa Schücking engagiert sich als Geschäftsführerin 
des Vereins Urgewald für Umweltschutz und Menschenrechte.

Frau Schücking, was haben Sie gegen Kohle?

Stein- und Braunkohle sind extrem klimaschädlich. Nur wenn 80 Prozent der Vorräte in der Erde bleiben, können wir den Temperaturanstieg auf zwei Grad begrenzen. Hinzu kommt, dass beim Abbau die Umwelt zerstört und Menschenrechte missachtet werden. Außerdem ist Kohle ersetzbar – wir brauchen sie nicht.

Diese Botschaft verkünden Sie seit Jahren den Banken und Energiekonzernen. Was bringt das?

Wir stellen als Aktionäre auf den Hauptversammlungen kritische Fragen. Die Unternehmen sind zur Antwort verpflichtet. Natürlich reagieren einige Vorstände und manche Aktionäre genervt. Doch greifen immer mehr Aktionäre und auch die Wirtschaftspresse unsere Themen auf. Sie sehen, dass die großen Energiekonzerne die Energiewende verpasst haben und dadurch in Schwierigkeiten geraten sind.

Die Deutsche Bank hat nach einer Urgewald-Kampagne die Finanzierung eines Kohlehafens am Great Barrier Riff zurückgezogen. Ein gutes Zeichen?

Wir freuen uns über die Entscheidung. Aber sie ist nur gefallen, weil hier der Reputationsverlust der Bank als sehr hoch eingeschätzt wurde. Die Deutsche Bank ist aber weiterhin unter den weltweiten Top Ten der Kohle-Finanzierer. Seit 2005 sind die Investitionen der Banken in Kohle um 400 Prozent gestiegen. Die scheren sich nicht um das Klima.
Sie rufen daher zum Bankenwechsel auf.

Alle große Banken finanzieren Unternehmen der Kohleindustrie. Wir empfehlen deshalb, zu einer der vier Alternativbanken zu wechseln: GLS Bank, Umweltbank, Triodos, Ethikbank. Sie investieren nicht in Atom und Kohle.

Und beim Strom?

Hier empfehlen wir den Wechsel zu den bundesweiten Anbietern EWS Schönau, Lichtblick, Naturstrom und Greenpeace Energy. Es gibt sicher auch Stadtwerke, deren Angebot ökologisch in Ordnung ist. Aber da muss man genau hinsehen, woher diese Werke ihren gesamten Strom beziehen und wer an ihnen beteiligt ist.

Bücher

Kreutzfeldt, Malte: Das Strompreis- Komplott.

Kreutzfeldt, Malte: Das Strompreis-Komplott. Warum die Energiekosten wirklich steigen und wer dafür bezahlt.
Verlag Droemer Knaur 2014, 128 Seiten, 7,00 Euro

 

Kemfert, Claudia: Kampf um Strom. Mythen, Macht und Monopole.

Kemfert, Claudia: Kampf um Strom. Mythen, Macht und Monopole. 
Murmann Verlag 2013, 142 Seiten, 16,90 Euro

Links

www.energieblogger.net 
19 Energie-Experten bloggen gemeinsam für die Energiewende. Auch einzeln lesenswert.

www.klimaretter.info
Das Online-Magazin spürt unter anderem mit dem Klima-Lügen-Detektor Grünfärber auf.

www.unendlich-viel-energie.de
Die Agentur für erneuerbare Energien informiert mit Hilfe von Ministerien und Verbänden.

www.buendnis-buergerenergie.de 
Das bundesweite Netzwerk der Bürgerenergie-Genossenschaften.

www.stromwechseln-hilft.de
Wer hier zu Öko-Strom wechselt, hilft auch noch Projekten. 

www.bmwi.de/DE/Themen/Energie/energiewende.html
Die Energiewendeseite des Bundeswirtschaftsministeriums. 

www.dena.de
Die Deutsche Energieagentur informiert, wie man Energie effizient nutzt.

www.bundesnetzagentur.de 
Die Bundesnetzagentur kümmert sich auch um das Stromnetz. 

www.wind-energie.de
Der Bundesverband Windenergie macht sich für Windkraft stark.

www.solarwirtschaft.de
Der Bundesverband Solarwirtschaft vertritt die Interessen der Solar-Branche.

Erschienen in Ausgabe 09/2014
Rubrik: Leben&Umwelt

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Astrid Rasp

Ja, eine Energiewende muss unbedingt sein. Aber sind wir alle vielleicht schon etwas "betriebsblind"? In USA wird z.Z. an Thorium geforscht. Mit Thorium betriebene PKW könnten ohne Schadstoff-Emissionen fahren. Quelle "DWN". Sollten wir uns nicht um das evtl. Beste kümmern?